„Weißer Blitz“. Heinz Fütterer bei einem Rennen 1955.
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„Weißer Blitz“. Heinz Fütterer bei einem Rennen 1955.

Leichtathletik

Doppel-Gold lässt Eis brechen

Der Sprinter Heinz Fütterer gewann vor 60 Jahren in Bern zwei EM-Titel – und Sympathien für Deutschland. Wegen seiner Erfolge und seiner Rekorde wurde er zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, mit großem Vorsprung auf Fritz Walter - was dem Fußballfan unangenehm war.

Von Reinhard Sogl

Es war das zweite Wunder von Bern. Sieben Wochen nach dem Triumph der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1954 im Wankdorf-Stadion traf sich die Jugend Europas vom 25. bis 29. August zu den kontinentalen Leichtathletik-Titelkämpfen im Neufeld-Stadion der Schweizer Hauptstadt. Erstmals nach dem Krieg durften auch wieder deutsche Läufer, Springer und Werfer teilnehmen an der Europameisterschaft, bei der Heinz Fütterer vom Karlsruher SC Geschichte und positive Schlagzeilen schreiben sollte mit seinem Doppel-Gold über 100 und 200 Meter.

Der 22-Jährige, der am 31. Oktober 1954 in Yokohama als erster Weißer gar den 100-Meter-Weltrekord des legendären Jesse Owens von 10,2 Sekunden einstellen sollte, gewann als einziger Teilnehmer zwei Titel – und Sympathien für das neun Jahre nach Ende des Hitler-Terrors noch mit Argwohn beäugte Deutschland. „Aufgrund meines Auftretens und meiner Siege ist da schon Eis gebrochen“, erzählt der noch rüstige Rentner 60 Jahre danach.

Fütterer, der die Rückkehr des deutschen Sports auf die internationale Bühne bei den Olympischen Spielen 1952 wegen eines Muskelrisses verpasst hatte, untermauerte zunächst über 100 Meter in 10,5 Sekunden seine Favoritenrolle. Über die doppelte Distanz am Schlusstag galt das Rennen gegen den russischen 400-Meter-Sieger Ardaljon Ignatjew als völlig offen. „Ich wusste, ich brauche aus der Kurve heraus drei Meter Vorsprung. Davon habe ich bis ins Ziel fast nichts abgegeben. Es war ein tolles Rennen von mir: 20,9 Sekunden, Europarekord eingestellt.“ Fütterer schwärmt heute noch von diesem Coup am 29. August 1954.

536 Rennen gewonnen

Der historische Tag endete für den Mann, dem der französische Journalist Gaston Meyer von der Sportzeitung „L’Equipe“ mit dem Buch „Der Weiße Blitz“ 1955 ein Denkmal setzen sollte, aufregend aus einem anderen Grund. Weil sein Trainer schon die Heimreise angetreten hatte, musste Fütterer die Straßenbahn nehmen zur Rückfahrt ins Hotel Bären. Allerdings hatte er kein Geld dabei für ein Billett, weshalb ihn die Kontrolleurin des Schwarzfahrens bezichtigte. Erst als Fütterer die Goldmedaille hervorkramte, glaubte sie ihm, dass er ein EM-Teilnehmer war. „Dann war es okay“, erzählt der 82-Jährige amüsiert, der immer noch im Dorf Illingen bei Rastatt wohnt.

Es ist wie eine Geschichtsstunde, wenn der Sohn eines Rheinfischers von seinen Erlebnissen berichtet. Vor Bern bezog die Läufergruppe von Fütterer ein viertägiges Trainingslager in Freiburg – in einem Kloster von Ordensfrauen. „Es war eine völlig andere Zeit. Wir haben für Bern einen Trainingsanzug, eine Sporthose, ein Trikot und eine Regenjacke bekommen. Nur die Jacke durften wir behalten“, erinnert sich Fütterer. Die Regenjacke konnten sie auch gut gebrauchen, denn das Wetter war schlecht in der Schweiz, wo der Badener Gold gewann. Auf die Nationalhymne und die Landesfahne bei der Siegerehrung musste er aber wie alle anderen Sieger verzichten. Um ein Zeichen zu setzen gegen den grassierenden Nationalismus und Chauvinismus, beließen es die Ausrichter bei Fanfarenklängen.

Fütterer gewann in seiner Karriere 536 Rennen, 150 allein im Jahr 1954, in dem er unbesiegt blieb. Wegen seiner Erfolge, seiner Rekorde und seinem Auftreten wurde er zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, mit großem Vorsprung auf Fußballweltmeister Fritz Walter, was dem Fußballfan unangenehm war. „Da habe ich mich geschämt, mich quasi bei Fritz entschuldigt“, sagt der Mann, dem aufgrund von Verletzungspech nur ein großer Erfolg bei Olympia fehlt. Mit der Staffel gewann er 1956 in Melbourne Bronze.

In Bern war Fütterer eine dritte (Gold)-Medaille verwehrt geblieben. Die Staffel wurde disqualifiziert, weil ein 16 Jahre alter Kampfrichter irrtümlich und von einem russischen Funktionär beeinflusst die rote Fahne wegen angeblichen Überlaufens der Wechselzone gehoben hatte. Ein Protest half nichts. „Wir hatten den Krieg verloren, die Kommission hat gegen uns entschieden“, sagt Fütterer, dem der Lauf im Quartett auch heute noch besonders am Herzen liegt. Er freut sich über die Renaissance der deutschen Sprinter und sagt: „Von der Staffel verspreche ich mir in Zürich am meisten.“

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