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Es gibt offenbar Athleten, die finden nichts dabei, dass ihr Blut in Erfurt mit UV-Licht bestrahlt wurde.
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Es gibt offenbar Athleten, die finden nichts dabei, dass ihr Blut in Erfurt mit UV-Licht bestrahlt wurde.

Doping-Skandal in Erfurt

Doping mit UV-Licht

Andreas Franke, Sportmediziner am Olympiastützpunkt Erfurt, soll jahrelang Athleten mit einer umstrittenen Methode behandelt haben. Zu seinen Kunden gehören 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann und Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Die Wirksamkeit von Frankes UV-Bestrahlung ist nicht geklärt.

Von Wolfgang Hettfleisch

Andreas Franke, Sportmediziner am Olympiastützpunkt Erfurt, soll jahrelang Athleten mit einer umstrittenen Methode behandelt haben. Zu seinen Kunden gehören 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann und Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Die Wirksamkeit von Frankes UV-Bestrahlung ist nicht geklärt.

Einen Ausblick auf das Sportjahr 2012 wollen sie wagen, die Spitzenfunktionäre des Sports beim heutigen Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) im Frankfurter Römer. Aber sie werden in ihren Plauderrunden im Kaisersaal unter den strengen Blicken der Herrscher vergangener Epochen, deren Porträts die Wände zieren, den Blick wohl eher in die Vergangenheit richten.

Zwei Mitarbeiter der ARD waren an eine Liste mit 30 Namen von Kunden des jahrelang als Vertragsarzt am Olympiastützpunkt (OSP) Erfurt tätigen Sportmediziners Andreas Franke gelangt, der eingeräumt hat, Athleten Blut entnommen, es mit UV-Licht bestrahlt und dann den Sportlern wieder reinfundiert zu haben. Andreas Franke bestreitet, dass es sich bei der von der Schulmedizin nicht anerkannten Methode um Doping handelte. Gegen zwei der Sportler laufen Verfahren der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada).

Es hagelt Stellungnahmen

Erwartungsgemäß hagelte es am Montag Stellungnahmen. Der nicht mehr aktive 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann, dessen Name die Liste ziert, nannte den Dopingverdacht „Humbug“ und will „niemals verbotene oder fragwürdige Behandlungsmethoden genossen“ haben. Die ebenfalls als Franke-Kundin aktenkundige Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, versiert im Kampf gegen Journalisten und andere böse Mächte, schweigt sich aus. Ihr Manager Ralf Grengel antwortete auf die Anfrage, weshalb sich Claudia Pechstein bei dem Erfurter Arzt behandeln ließ und wann sie sich zuletzt in seine Behandlung begeben habe: diese Fragen „müssten Sie bitte Frau Pechstein stellen“.

Jörg Werner, Manager von Radsportler Marcel Kittel, der es der Liste zufolge ebenfalls mit der UV-Bestrahlung seines Blutes versucht hat, wittert eine Rufmordkampagne und hält es für „eine bodenlose Frechheit“, dass der Name seines Mandanten genannt wird. Die Dopingexperten Wilhelm Schänzer (Köln) und Detlef Thieme (Kreischa) schließlich zweifeln an der Wirksamkeit der kruden Methode, sei es zur Gesundung oder zur Leistungssteigerung, und sehen nach derzeitigem Kenntnisstand keinen Anhaltspunkt für Blutdoping.

Wie so oft, wenn es um solche Vorwürfe geht, hebt eine verwirrende Kakophonie an, und wie so oft wird dabei ausgiebig ein beliebtes und von Juristen gern empfohlenes Stilmittel zur Verharmlosung und Verschleierung eines sehr ernsten Sachverhalts angewendet: Man wehrt sich empört gegen Vorwürfe, die niemand erhoben hat.

Alles eine Lappalie, ein Sturm im Wasserglas, ein Machwerk sensationslüsterner Journalisten? Offenbar nicht in den Augen der Sportpolitikerinnen Viola von Cramon und Dagmar Freitag. „Die Sache stinkt gewaltig. Dass Athleten jetzt kalte Füße kriegen, ist doch klar“, sagt von Cramon, Obfrau der Grünen im Sportausschuss des Bundestages. Und die Ausschussvorsitzende Freitag (SPD) stellt klar: „Sollte dieser Arzt aus Bundesmitteln bezahlt worden sein, müssen wir darüber nachdenken, wie wir bei der Vergabe von Fördermitteln künftig zu verfahren haben. Die mindeste Voraussetzung ist eine schriftliche Erklärung der Ärzte, die an den OSPs tätig sind, von unlauteren Methoden die Finger zu lassen.“ Man rede schließlich auch von der Behandlung des Blutes Minderjähriger. „Da kann es nicht sein, dass jemand, der solche Verfahren anwendet, für einen Olympiastützpunkt tätig ist.“

Die schlechteste Testquote in Europa

Der Sportausschuss wird sich am 21. März mit den Vorgängen in Erfurt befassen. Die Nada muss befürchten, dabei auch ihr Fett wegzubekommen. Bei Viola von Cramon hält sich das Verständnis dafür, dass die Bonner Stiftung ihre Einblicke in die seit Frühjahr 2011 laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Erfurt gegen Franke bislang nur in zwei Verfahren goss, in sehr engen Grenzen: „Wenn die das nicht hinkriegen, weshalb zahlen wir ihnen dann 6,5 Millionen pro Jahr? Wir haben die mit Abstand schlechteste Testquote in Europa. Wenn dann nicht mal die entsprechenden Verfahren eingeleitet werden, dann können wir uns den ganzen Laden auch sparen.“

Die Verantwortlichen der Nada in Bonn können die Kritik nicht verstehen. Die Agentur müsse sich an den vorgeschriebenen Ablauf halten, wolle sie ihre Chancen als Klägerin in späteren Sportgerichtsverfahren nicht von vorneherein auf ein hoffnungsloses Maß minimieren, erläutert ein Fachmann, der ungenannt bleiben will. Da in der Strafsache in Erfurt noch weitere Zeugenaussagen anstehen, sieht man bei der Nada keine Alternative zum eingeschlagenen Weg, mag er auch unpopulär sein. „Wir erhoffen uns aus den neuen Unterlagen weitere Anhaltspunkte, um entscheiden zu können, bei welchen Sportlern wir weiter vorgehen“, lässt sich die Nada-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann zitieren.

Ohrenbetäubend ist das Schweigen der beiden wichtigsten Instanzen im deutschen Sport: DOSB und Bundesinnenministerium (BMI). „Wir vertrauen voll auf die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Nationaler Antidoping-Agentur“, sagt DOSB-Medienchef Christian Klaue. Und BMI-Sportsprecher Hendrik Lörges bestätigt zwar: Natürlich würden aus den Fördermitteln des Bundes „auch Angestellte bezahlt, auch Ärzte“. Daraus aber zu folgern, das BMI setze Steuergelder für Doping ein, sei definitiv unzulässig, ja ungehörig.

Nach dem Montag der Stellungnahmen und Rechtfertigungen bleiben viele Fragen offen. Nicht zuletzt diese: Weshalb lassen 30 offenbar gesunde Spitzensportler ihr Blut mit kurzwelligem Licht bestrahlen, wo das doch weder therapeutisch noch leistungsmäßig nützen soll? Alle möglichen Leute scheinen plötzlich genau über das UV-Verfahren Bescheid zu wissen. Die sind offenbar alle schlauer als der renommierte schwedische Dopingexperte Bengt Saltin, der verblüfft gesteht: „Ich hab’ mal was über UV-Bestrahlung gehört. kenne mich aber nicht so genau damit aus. Können Sie in ein paar Tagen noch mal anrufen?“ (mit kah, cs, dapd)

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