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Stürmer Frank Mill bestritt in seiner aktiven Zeit für Rot-Weiss Essen, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf insgesamt mehr als 500 Spiele.

Frank Mill über das eine Mal

Doping-Pille und ein Schluck Whisky

Ex-Bundesligastürmer Frank Mill berichtet in seiner neuen Biografie über seine Doping-Erfahrung. Nach eigenen Angaben handelte es sich für ihn um einen einmaligen Sündenfall.

Von Axel Spilcker

Einmal hat er es getan. Damals, kurz vor einem wichtigen Spiel. Die Dose mit den Dopingpillen stand auf der Toilette der Mannschaftskabine, und Frank Mill nahm eine Tablette und spülte sie mit einem Schluck Whisky runter. Das handhabte mancher Bundesliga-Profi in den 1980er Jahren so – vor dem Spiel noch einen Schluck Feuerwasser.

Anschließend konnte der Top-Stürmer der Bundesliga rennen, ohne müde zu werden. An jenem Tag schoss Mill zwei Tore und fuhr nach dem Schlusspfiff völlig aufgedreht und aufgewühlt nach Hause. Im Fernsehsessel fiel er irgendwann in den Schlaf, wachte nachts auf und sah, dass über dem TV-Gerät auf einem Holzbrett eine Kerze komplett runtergebrannt war. Er konnte sich nicht mehr erinnern, sie überhaupt angezündet zu haben. Beinahe hätte der Stürmerstar nach dem Gebrauch unerlaubter Mittel seine Essener Wohnung selbst in Brand gesteckt.

Frank Mill, mittlerweile 59 Jahre alt, Ex-Nationalspieler, Weltmeister 1990, Olympia-Dritter 1988, DFB-Pokalsieger, 123-facher Torschütze in der Bundesliga, hat bisher nie über den Vorfall gesprochen. Nach Informationen der „Frankfurter Rundschau“ berichtet er nun in seiner aktuell erscheinenden Biografie den einmaligen Sündenfall. Allerdings will er nicht preisgeben, bei welcher Gelegenheit und welchem Verein sich der Doping-Fall zugetragen hat. Nur noch so viel: „So etwas habe ich nach dieser Erfahrung nie mehr genommen.“

Schattenseiten des Sportalltags

In seinem Buch, geschrieben vom langjährigen Sportjournalisten Frank Lehmkuhl, ist nicht nur von Siegen und Pokalen die Rede, sondern auch von den Schattenseiten im Alltag: Das hieß sich quälen – Körper und Geist bis zur Erschöpfung fordern – und manchmal darüber hinaus. Pillen und Spritzen zählten demnach zum Grundsortiment des seinerzeit schon gewinnorientierten Fußballbusiness.

Bei der Nationalmannschaft, so erzählt Mill, kursierten legale Schmerzmittel aller Art. Nach der Karriere musste der Spieler dreimal wegen Magengeschwüren operiert werden. Heute vermutet er, dass diese Beschwerden Folge des exzessiven Gebrauchs der Medikamente waren.
Immer wieder musste sich die höchste deutsche Spielklasse mit Doping-Gerüchten oder Medikamentenmissbrauch auseinandersetzen. Die Reaktionen folgten meist einem Muster: Vertuschen, verschweigen, besser nicht drüber reden. Als Mills ehemaliger Mannschaftskollege aus der Nationalelf, Torhüter Toni Schumacher, in seiner Autobiografie „Anpfiff“ über Doping in der Liga und im DFB-Team berichtete, sorgte er 1987 für einen Skandal. Anstatt aber die Dinge aufzuklären, musste „Der Tünn“ seinen Club, den 1. FC Köln, verlassen und flog auch aus der DFB-Elf.

Aufputschmittel wie Ephedrin oder Captagon scheinen gerade in den 1980ern im Profi-Fußball verbreitet gewesen zu sein. Mitglieder einer Freiburger Universitätskommission zur Aufklärung von Doping-Machenschaften fanden Belege für illegale Lieferungen von leistungsfördernden Mitteln an den VfB Stuttgart und den SC Freiburg. Auch der damalige Stuttgarter Nationalverteidiger Bernd Förster soll zu den Abnehmern gehört haben. „Es gab Nationalspieler, die waren im Umgang mit der „Stärkungschemie“ regelrecht Weltmeister“, schrieb seinerzeit Toni Schumacher, heute Vize-Präsident des FC.

Straßenkicker im Ruhrpott

Bis heute bleibt das Thema auf den Plätzen ein Tabu. Zwar zeigt man mit dem Finger auf russisches Staatsdoping, aber hierzulande wird das Problem nur stiefmütterlich behandelt. 2016 jedoch veröffentlichte der Ex-Profi Lotfi El Bousidi eine aufsehenerregende Diplom-Arbeit. Seine umfangreiche, anonyme Befragung ergab, dass gut sich jeder zehnte deutsche Fußballer schon einmal gedopt hatte. Frank Mill jedoch behandelt in seinem Buch beileibe nicht nur die negativen Dinge im Profisport: Die Geschichte des Frank Mill erzählt vor allem die eines Aufsteigers aus kleinen Verhältnissen: Ein Straßenfußballer, ein echtes Kind des Ruhrgebiets, geboren zwischen Kohlehalden und Schloten, fußballerisch geformt in einer Zeit, als es nur Bolzplätze mit notdürftig zusammengeflickten Toren gab, aber keine Fußball-Leistungszentren und Talentscouts in jedem Winkel der Republik. Der Vater handelte mit Schrott, die Mutter führte einen Blumenladen. Die Mills lebten in einer kleinen Wohnung in einem eher schmuddeligen Teil Essens, Tür an Tür mit Malochern und Zuhältern.

Frankieboy, wie ihn schnell alle nannten, lernte, sich hier zu behaupten. Von Vater Bobby gab es 50 Pfennig für jedes Tor – und der Papa musste viel zahlen, sehr viel. Als ein Scout von Rot-Weiß Essen den kleinen Frank ansprach, ob er nicht Lust hätte, in der zweiten Halbzeit eines Jugendspiels mal sein Können zu zeigen, zog sich Frankieboy seine Stutzen runter, ließ die langen Haare im Wind wehen und machte sich beim Stand von 1:1 ans Werk. Am Ende stand es 6:1 für RWE. Alle fünf Tore in der zweiten Halbzeit hatte Frank Mill geschossen.
Damit begann seine Laufbahn, die ihn von RWE über Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund bis hin zur Fortuna in Düsseldorf führte. Mill, das Schlitzohr, einer, der nie auszurechnen war, flink auf den Beinen und auch im Kopf. Sein Motto im Strafraum lautete: Gehirn ausschalten, ackern, machen!

Er trickste gerne, wenn es nicht lief. So textete er seine Gegenspieler solange zu, dass bei ihnen die Konzentration nachließ und er einnetzen konnte. Sein Torinstinkt weckte Begehrlichkeiten: Mill verdiente in seinen besten Zeiten eine Million Mark jährlich. Seinerzeit wurden noch üppige Handgelder gezahlt.

1984 offerierten ihm Emissäre des renommierten italienischen Erstligaclubs AC Mailand bei einem Treffen einen silbernen Koffer mit 500.000 Mark in bar. Eine Offerte, sollte der umworbene Stürmer einen Vertrag unterschreiben. Mill lehnte ab, bereut es aber bis heute. „Ich hätte damals nach Italien wechseln sollen.“ Raus aus dem Mief in die große weite Welt der europaweit führenden Seria A – wie so viele seiner damaligen Kollegen aus der Nationalelf. Er ließ es sein. Stattdessen wechselte er zu Borussia Dortmund und gewann 1989 den DFB-Pokal.

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