ATHLETICS - Training Alexandra Toth GRAZ,AUSTRIA,20.APR.20 - ATHLETICS - Training after lightening the restrictions due
+
Die Trainingsbedingungen für die Athleten sind zum Teil sehr unterschiedlich.

Leichtathletik

DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska: „Über Tellerrand schauen“

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
    schließen

DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska spricht im Interview über Leichathletik nach Corona, Trainingsbedingungen und die Olympische Spiele.

Herr Gonschinska, die Leichtathletik ist aus der Corona-Pause zurück. Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Wettkämpfen, der Organisation und der Aufmerksamkeit?

In so einer gesellschaftlichen Situation muss man immer auch realistisch sein und unsere Sportart in eine Gesamtentwicklung einordnen. Für uns war wichtig, dass wir eine Late-Season für die Athleten entwickeln konnten. Dass wir Hygienekonzepte mit Partnern in den Landesverbänden und den Vereinen gestalten, um Wettkämpfe möglich zu machen. Man sieht, dass es funktioniert. Eine langfristige Vorbereitung ist für Athleten ohne Wettkämpfe, ohne spezifische Reize, ohne Ziele extrem schwierig. Ich hoffe, dass wir dadurch auch international den einen oder anderen Vorteil haben. Nicht viele Verbände sind in der Lage, so eine Wettkampfserie hinzustellen. Deswegen freuen wir uns ab August auf die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig, die U20- und U18-Meisterschaften in Heilbronn und die Mehrkampfmeisterschaften in Vaterstetten.

Wie viele Stunden haben Sie täglich in Videokonferenzen verbracht?

Idriss Gonschinska, Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. 

Ich hätte gar nicht gedacht, dass man so lange Videokonferenzen machen kann. Wir haben uns in der digitalen Kommunikation extrem weiterentwickelt. Man erreicht Menschen, die man in Meetings seltener getroffen hätte. Ich habe mal einen Tag mit 14 Stunden gehabt. Das war sehr spannend.

Kürzlich wurde auch bekannt, dass die Mittel- und Langstrecken bei den Deutschen Meisterschaften gelaufen werden können. Wie kam es dazu?

Unser strategisches Ziel von Anfang an war, alle Disziplinen bei der Meisterschaft zu integrieren, weil wir uns auch keine halben Sachen wünschen. Aber die damaligen Risikobewertungen und Verordnungen des Landes Niedersachsen und der Kommunen haben es im ersten Schritt einfach nicht möglich gemacht. Unsere Strategie war eine schrittweise Anpassung der Rahmenbedingungen. Da hatten wir mehrere Szenarien kreiert, wie das mit der Integration der Läufe zu gestalten ist. Jetzt hat es geklappt.

Zur Person

Idriss Gonschinska (52) ist Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Der gebürtige Leipziger ist Diplom-Sportwissenschaftler und war seit den 1990ern in unterschiedlichen Trainertätigkeiten für den DLV tätig. Als Aktiver sprintete er über die 100 Meter Hürden.

Welche Erfahrungen haben Sie während der Corona-Pause gemacht und welche Sachen vielleicht neu gelernt?

Wir haben uns bei anderen Sportarten angeschaut, was sie auf die Beine gestellt haben. Wie hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ihr Hygienekonzept gestaltet? Ich habe fast alle Spiele der Basketball-Bundesliga geschaut. Wir haben auch einen guten Draht zur Liga und einzelnen Klubs dort. Da gab es ein Hotel mit zehn Teams und klaren Abläufen. Das geht bei der Leichtathletik aber nicht, wenn man mit 200 Vereinen zu einer Meisterschaft fährt. Den Hotelkomplex haben wir in Braunschweig nicht gefunden. Wir haben viel über Gesundheitmanagement, Risikomanagement und über den Tellerrand schauen gelernt. Und natürlich ist es herausfordernd für einen Dachverband, wenn man es mit vielfältigen, sehr unterschiedlichen Verordnungen in den einzelnen Bundesländern zu tun hat – gleichzeitig aber die Erwartungshaltung ist, dass es überall gleich funktioniert.

Die Trainingsbedingungen für die Athleten war ja in der Tat zum Teil sehr unterschiedlich.

Thüringen ist dafür ein gutes Beispiel. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler musste öfter in Erfurt trainieren, weil es in Jena – was ja gar nicht so weit weg ist – andere Rahmenbedingungen gab. Wir müssen mit Viren wie Covid-19 uns auch in Zukunft auseinandersetzen. Es ist auch eine Chance, neue Präsentationsformen in der Leichtathletik zu gestalten. Trotz aller, zum Teil berechtigter Kritik ist die Leichtathletikfamilie zusammengerückt und wir haben die Top-Athleten bei den Meetings am Start.

Wie geht der DLV mit der Ungewissheit bezüglich der Olympischen Spiele in Tokio um?

Darauf haben wir überhaupt keinen Einfluss - auch wenn wir den gerne hätten. Zum jetzigen Zeitpunkt planen wir 2021 mit Olympischen Spielen. Die Gesundheit der Athleten und das Risikomanagement steht aber ganz klar im Mittelpunkt. Wir analysieren jetzt, was mit Rückkehrern aus bestimmten Urlaubsgebieten passiert. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass wir sehr viel an den Standorten, an den Bundesstützpunkten arbeiten und dass wir uns in den nächsten Monaten in Europa bewegen werden. Andere Lehrgänge werden wir mit Sicherheit nicht umsetzen können.

Interview: Timur Tinç

Kommentare