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Eine letzte Verbeugung: Dirk Nowitzki bedankt sich bei den Fans in der Arena von Dallas.

Basketball

Die Sportwelt huldigt Dirk Nowitzki

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Dirk Nowitzki beendet nach 21 Jahren bei den Dallas Mavericks seine Karriere – und die Sportwelt verneigt sich von einem ganz großen Basketballer.

Eigentlich hat sich Dirk Nowitzki über die 21 Jahre seiner Karriere als Berufssportler den Ruf aufgebaut, durch und durch authentisch zu sein. Zu Charaden fehlt ihm ganz und gar das Talent; bei Nowitzki, der sich aller Professionalität zum Trotz stets etwas Kindlich-knabenhaftes bewahrt hatte, wusste man immer, woran man ist. Doch jetzt, ganz am Ende seiner unvergleichlichen Laufbahn, hat er sich dann doch noch ein Spielchen geleistet. Als er am Dienstagabend in einen himmelblauen Anzug gekleidet im Pressesaal der Arena von Dallas saß und behauptete, das mit dem Rücktritt, das habe sich in den vergangenen zwei Tagen spontan entwickelt, da mochte man ihm das nicht so recht glauben.

Nowitzki hatte zwar noch am vergangenen Wochenende behauptet, er wolle nach der Saison, die an diesem Donnerstag zu Ende geht, in den Urlaub fahren und sich dann in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll. Doch alleine schon die Inszenierung des letzten Heimspiels des Mannes, der die Dallas Mavericks über zwei Jahrzehnte getragen und verkörpert hat, strafte Nowitzki wenigstens der Schwindelei – mutmaßlich angezettelt, um die Fans nicht vorzeitig zu vergraulen.

Dirk Nowitzki war 21 Jahre lang in Dallas aktiv

Dirk Nowitzki Würzburg Korbwurf unter Bedrängnis

Eine solche Show wie die von Dallas stellen selbst ausgebuffte Event-Manager nicht mal eben so über Nacht auf die Beine. Da war etwa die Fanmeile vor der Arena, die sich an diesem Dienstag in eine Via Dirk verwandelte. Auf einer Großleinwand liefen Clips von den größten Momenten seiner Karriere, der Finalserie von 2011 ganz besonders, als er den Titel nach Dallas holte. Rechts und links wehten Fahnen mit dem überlebensgroßen Abbild von Nowitzki und überall waren Nowitzki-Shirts zu kaufen, bedruckt mit den Zahlen 41-21-1.

Die mystische Zahlenreihe, zweifellos die Kopfgeburt einer Focus-Gruppe von Branding Managern, sollte die Laufbahn von Nowitzki und deren Bedeutung symbolisieren: die Nummer 41, die er trägt, seit er 1998 in Dallas als gakeliger fränkischer Teenager anheuerte; 21 Jahre in der NBA und bei den Dallas Mavericks und schließlich die Eins, die wahlweise für den Titel steht, den er mit der Mannschaft geholt hat oder für die Tatsache, dass er neben Kobe Bryant als einziger Spieler seiner Güte eine gesamte Laufbahn hindurch bei einer einzigen Mannschaft geblieben ist.

Dann war da natürlich das Spiel, zum Saisonende sportlich bedeutungslos, das als eine einzige Hommage an Dirk inszeniert war, inklusive immer wieder eingespielter Clips über und mit Nowitzki sowie mit Huldigungen seiner Kollegen und Weggefährten. Die Gegner aus Phoenix hatten ihre besten Spieler gleich zu Hause gelassen, niemand wollte der Dirk-Show in die Quere kommen. Und Nowitzkis Mannschaftskameraden fütterten ihn unaufhaltsam mit dem Ball, damit er noch einmal auf eine Punktebilanz kommt wie zu seinen großen Zeiten, die freilich längst vorbei sind. Am Ende waren es 30 Zähler, darunter fünf Dreier. Mit insgesamt 31.540 Punkten steht er auf Rang sechs der erfolgreichsten Punktesammler in der NBA-Geschichte.

Fünf Legenden huldigen Dirk Nowitzki

Der Höhepunkt war schließlich der anrührende Auftritt von fünf Legenden des Sports, eine Auslese der allerbesten Athleten, die jemals einen Basketball angefasst haben und die sich hier vor einem verneigten, den sie als nun als ihresgleichen betrachten. Dabei blieb kaum ein Auge trocken in der Arena, inklusive derer des gefeierten Helden.

Die fünf Männer huldigten Nowitzki aus tiefstem Herzen. Der große Larry Bird, der vor Nowitzki als der erste Weiße galt, der in dem afroamerikanisch dominierten Sport bei den Boston Celtics herausragen konnte, sagte, Nowitzki verlasse den Sport besser, als er ihn vorgefunden habe. Scottie Pippen, der Sidekick von Michael Jordan im Traumteam der Chicago Bulls, gab zum Besten, dass er erkenne, wenn jemand Basketball richtig macht. Und Nowitzki habe Basketball richtig gemacht. Der ansonsten eher raue Hall-of-Famer Charles Barkley nannte Nowitzki schließlich den „nettesten Mann, den ich je getroffen habe“.

Es waren aufrichtige Ehrerbietungen, keine Nettigkeiten, wie sie oft bei derartigen Anlässen vorgetragen werden. Auf die Bedeutung und Tragweite des Lebenswerks von Dirk Nowitzki kann sich jeder in der Basketballwelt einigen. Nowitzki genießt universellen Respekt seiner Kollegen, der Presse, der Fans, der Trainer, ja sogar der gesamten gespaltenen Politikwelt Amerikas. Barack Obama hat ihn einst ebenso gepriesen wie am Dienstag George W. Bush.

Triumph: Der NBA-Titel 2011.

Aber es ist nicht bloß Respekt, der Nowitzki entgegengebracht wird. Immer wieder gab es an Nowitzkis Abschiedsabend Momente, in denen die tiefe Zuneigung und emotionale Nähe zwischen dem Star, seinen Kollegen und seinen Fans zutage trat. Als der Hauptakteur des Abends sich in der Mitte des dritten Viertels nicht mehr zusammenreißen konnte und in Tränen ausbrach, stand die ganze Halle auf und applaudierte, wie um ihm zu sagen: „Es ist ok, Junge, Du darfst hier Schwäche zeigen, wir sind bei Dir.“

So herzlich redeten auch die Fans über Nowitzki, die die Halle so voll gemacht hatten wie zuletzt bei der Finalserie von 2011. Austin Depew, der sechs Jahre alt war, als Nowitzki nach Dallas kam, sagte etwa: „Natürlich würde ich ihn gerne noch ein Jahr spielen sehen. Aber er hat genug getan. Was immer für ihn das Beste ist, ist ok.“ Greg Newsom, der seit 1980 eine Saisonkarte für die Mavericks besitzt, sagte: „Es ist mir völlig gleich, ob er noch spielt. Er muss nur da sein. Wir brauchen ihn.“

Es ist eine einzigartige Bindung entstanden zwischen den Fans und dem Athleten in 21 Jahren, eine Bindung, wie es sie sonst im Profisport nur selten gibt. Aber es war nicht nur die Länge der Zeit, die Nowitzki in Dallas verbracht hat, welche die Menschen dazu bewegt hat, sich ihm so innig zugetan zu fühlen. Es ist auch die Art, wie Dirk Nowitzki sein Leben als Profi gelebt hat.

Dirk Nowitzki war eine Novität in der NBA

Nowitzki war zweifellos ein Wunderkind, als er mit 19 in der NBA ankam. Keiner der Laudatoren von Dallas versäumte es, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zu loben, geschliffen von seinem lebenslangen Mentor Holger Geschwindner. Nowitzki war eine Novität in der besten Basketball-Liga der Welt – ein „Big Man“, ein langer Kerl, der aus jeder Lage schießen kann, der sich bewegen kann, der Übersicht hat und der jede gegnerische Verteidigung zur Verzweiflung trieb.

Er hat damit das Spiel revolutioniert. Der NBA-Basketball vor Nowitzki war statisch, körperlich, rabiat. Der NBA-Basketball nach Nowitzki ist flüssig, vielseitig und intelligent. Die Entwicklung, die zu den heutigen Superteams mit ihrem Tempo und ihrer Artistik geführt hat, hat mit Nowitzki begonnen. Doch Nowitzki war nicht bloß Genie und Überflieger. Das hätte nicht dazu gereicht, die gesamte amerikanische Sportöffentlichkeit zu Bewunderern und Fans zu machen. Er war immer auch Kämpfer. Und er hat seine Kämpfe vor den Augen aller ausgetragen.

Nowitzki war immer beides – Halbgott und Mensch, über den Wolken und doch ganz nah. Schon in seiner ersten Saison in Dallas musste er sich durchbeißen. Der New Kid on the Block wurde von den knallharten Routiniers der NBA kaltgestellt. Man machte ihm klar, dass das, was er vielleicht auf europäischen Courts gezeigt hat, hier nichts gilt. Doch er biss sich durch. Nach zwei Jahren entfaltete er sein Potenzial und machte die Mannschaft zu einer der gefährlichsten in der NBA. Bis ins Finale kamen die Mavericks 2006. Und dann stürzten sie ab. Der sicher geglaubte Sieg ging an Miami verloren, weil die Mannschaft in den wichtigsten Partien regelrecht kollabierte. Viele führten das Desaster auf eine Führungsschwäche von Nowitzki zurück.

Nowitzki haderte, er durchlitt eine Krise, zusätzlich befeuert von einem privaten Tief. 2009 stellte sich seine damalige Verlobte, die er als Crystal Taylor kannte, als Hochstaplerin heraus, wurde vom FBI verhaftet. Doch Nowitzki hielt gemeinsam mit den Fans von Dallas an dem Meisterschaftstraum fest, dass die Chance noch einmal kommen werde. Es dauerte fünf Jahre. Und beim zweiten Mal ergriff er sie. Es war das bis dato letzte Mal, dass ein Team den NBA-Titel mit nur einem echten Superstar holte.

Emotion: Olympia 2008 in Peking.

Nowitzkis größter emotionaler Moment war jedoch, als er Fahnenträger bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking sein durfte. „Da kriege ich immer wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Nowitzki – auch wenn sportlich am Ende nur Rang zehn heraussprang. Der 2,13-Meter-Mann war sich nach einer langen NBA-Saison nie zu schade, das Trikot mit dem Adler auf der Brust zu tragen. Er führte Deutschland 2002 zur Bronzemedaille bei der WM in den USA und 2005 zur EM-Silbermedaille in Serbien und Montenegro. Das letzte seiner 153 Länderspiele absolvierte er bei der Heim-EM 2015 in Berlin, wo das deutsche Team in der Vorrunde ausschied und Nowitzki mit Standing Ovations verabschiedet wurde.

Zuletzt musste Dirk Nowitzki darum kämpfen, überhaupt auf dem Platz zu stehen. Bislang spielte er stets das Ausmaß seiner Verletzungen und Abnutzungserscheinung der vergangenen Jahre herunter. Doch zu seinem Abschied gab Nowitzki zu, dass er nur noch mit Schmerzen trainieren konnte, dass er immer mehr Pillen und Spritzen brauchte und dass ihm zumindest an der täglichen Trainingsarbeit zunehmend die Lust vergangen war. Trainer Rick Carlisle schilderte es noch drastischer: „Dirk soll noch mit seinen Kindern im Garten spielen können“, sagte er. Ob das nach einem weiteren Jahr in der Profimühle noch möglich gewesen wäre, ist fraglich.

Es gibt aber noch eine Qualität an Dirk Nowitzki, die ihm nicht nur den Respekt, sondern die tiefe Zuneigung seiner Anhänger und Kollegen eingetragen hat. Trotz seines enormen Talents ist Nowitzki immer etwas linkisch geblieben. Die Art und Weise, wie er sich bewegt, ist nicht immer rund oder elegant, ist mit der Perfektion eines LeBron James nicht zu vergleichen.

Ein Denkmal für Dirk Nowitzki

Das Bild passt zu dem Auftreten des Teenagers aus Deutschland mit einer so schrägen Frisur, dass selbst Barack Obama sich Jahre später noch darüber lustig gemacht hat. Es passt auch zu seinem krächzenden, schiefen Vortrag von „We are the Champions“ nach dem Titelgewinn. Und es passt auch dazu, dass er mit den profanen Dingen des Lebens außerhalb des Platzes bis weit ins erwachsene Mannesalter die größten Probleme hatte. Wenn er nach Deutschland kommt, um seine Eltern zu besuchen, lässt er sich von seiner Mutter Geld geben, um zu tanken, wie sie im Dokumentarfilm „Der perfekte Wurf“ verriet.

So bleibt Dirk Nowitzki dem Sport als das imperfekte Genie in Erinnerung, das so brillant sein konnte wie unbeholfen. In einem Moment war er unbeugsamer Dominator auf dem Feld, im nächsten war er postpubertärer Blödel, der mit seinem Kumpel Steve Nash alberne Songs schreibt.

In den kommenden Jahren, das versprach Teameigner Mark Cuban bei der Abschiedsparty in Dallas, werde man Nowitzki vor der Arena ein Denkmal errichten. Das Publikum in der Halle fand die Idee hervorragend, Cuban erntete dafür tobenden Applaus. Nowitzki, der daneben stand, schaute jedoch nur betreten unter sich. „Hey Leute, ich gehe doch nirgends hin, ich bleibe doch hier in Dallas“, erwiderte er.

Nowitzki möchte kein Denkmal sein, auch wenn er längst eins ist. Er möchte lieber wenigstens ein Bein auf dem Boden behalten, wie bei seinem Markenschuss, dem Fadeaway Jumper (oder wahlweise gerne als Flamingo-Shot bezeichnet), bei dem er stolpernd und irgendwie ungelenk Brillianz produziert. Und genau so wird die Sportwelt ihn im Gedächtnis behalten, wenn er nun das nächste Kapitel seines Lebens aufschlägt.

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