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Gutes Team, auf und neben dem Platz: Die Brüder Alexander (l.) und Mischa Zverev.

Daviscup in Frankfurt

Diesmal gemeinsam und mit echtem Netz

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In der ersten Daviscup-Runde trifft das Team des deutschen Tennisverbandes in Frankfurt auf Belgien – die Brüder Mischa und Alexander Zverev sind das große Thema.

Daviscup in Frankfurt, man hat einen Tennisplatz in die Ballsporthalle gebaut und für die Journalisten ein großes weißes Zelt nebendran. „Herzlich Willkommen zur Pre-Draw-Pressekonferenz“, sagt am Dienstag im Zelt ein Medienmann im Anzug, wobei ihm das Wort Pressekonferenz klanglich mit ins Englische gleitet. Das deutsche Team nimmt auf dem Podium Platz, Jan-Lennard Struff, Philipp Kohlschreiber auf der linken Seite, die Brüder Alexander und Mischa Zverev auf der rechten, in der Mitte sitzt Bundestrainer Michael Kohlmann. Der sagt: „Alle sind gesund und fit, wir freuen uns darauf, dass es losgeht und sind bereit, von Freitag bis Sonntag zu spielen.“

Struff, 26, Weltranglisten-59., darf kurz erzählen, wie er den Jetlag überstanden hat, wie die anderen war er kürzlich ja bei den Australien Open am Start, am anderen Ende der Welt, wo er in der ersten Runde ausschied. Der Jetlag sei überhaupt kein Problem, das ginge schnell mit dem Jetlag, sagt Struff, der sehr groß ist (1,96 Meter) und über eine sehr wuschelige Frisur verfügt, und Kohlschreiber, 33, Weltranglisten-29., kann sich dem nur anschließen: „Dem kann ich mich nur anschließen“, sagt er, der Kohli, der nicht so groß ist (1,78 Meter) und seine Haare am liebsten akkurat kurz trägt. Dann schwenkt diese Pre-Draw-Pressekonferenz von der linken Seite rüber zur rechten, zu den Zverevs, und dort rastet sie ein. Denn das ist sie, die Story dieser Erstrunden-Partie gegen Belgien, natürlich ist sie das: Das erste Brüderpaar, das gemeinsam für Deutschland spielt. Und vielleicht sogar Seite an Seite?

„Also das steht ja noch gar nicht fest, ob wir das Doppel spielen“, sagt Alexander, der jung ist, 19 gerade mal, aber schon sehr erwachsene Sachen sagt. „Wir schauen hier von Tag zu Tag. Grundsätzlich sind wir eine Mannschaft, bei der jeder sowohl Einzel als auch Doppel bestreiten kann.“ Ja, aber wie sehr würden Sie sich denn freuen, mit Mischa spielen zu dürfen? „Das wäre eine große Freude“, sagt Alexander und muss ein wenig kichern, als wäre er ein ganz normaler Teenager und nicht das nächste große Ding im Welttennis. Die frühreife Nummer 22 der Welt, in Melbourne in der dritten Runde erst am späteren Finalisten Rafael Nadal gescheitert, dem legendären Spanier, in einem engen Fünf-Satz-Match.

Als der offizielle Teil gelaufen ist, sind Struff und Kohlschreiber schnell weg, das erste Training des Tages steht an. Die Zverevs bleiben noch im Pressezelt, sie stellen sich an einen Stehtisch und blättern in einem Tennismagazin. Nahbare Menschen, eng verbandelte Geschwister. „Das Spiel gegen Nadal war auch für mich nervenaufreibend“, sagt Mischa, 29, der seinem kleinen Bruder von der Tribüne aus zusah – „positiv aufregend. Ich freue mich einfach, dass er gegen so große Spieler so gut spielt.“ Natürlich sei das auch anstrengend, erläutert Mischa, „manchmal würde man halt am liebsten selbst eingreifen“. Wenn Alexander auf der Tribüne sitzt und Mischa auf dem Platz steht, sind die Verhältnisse noch etwas angespannter. „Ich kann’s nicht ab“, gesteht Alexander. „Ich versuche ja, mir das nicht anmerken zu lassen, aber es ist schon schwierig für mich, zuzuschauen. In Melbourne war ich dann zum Teil so fertig, dass ich abends um acht ins Bett bin.“

Während Alexander Zverev, den alle eigentlich nur Sascha nennen, in der dritten Runde von Melbourne ausschied, verblieb Mischa, den alle auch so nennen, noch ein paar Tage länger im Turnier. Im Achtelfinale schlug er Andy Murray, die Nummer eins der Welt, er spielte Tennis wie aus einer anderen Zeit, Serve-and-Volley, immer und immer wieder, und Murray wusste irgendwann gar nicht mehr, wie ihm geschah. „Es gab ein paar Gänsehautmomente, in denen ich dachte, wow, du kannst das ja echt schaffen“, erzählt Mischa: „Der Gedanke hat mir dann etwas Angst gemacht. Aber ich habe mich zum Glück schnell gefangen.“

Im Viertelfinale war dann doch Schluss, gegen den späteren Champion Roger Federer. Und dennoch: Die Zverevs aus Hamburg sind derzeit eine ziemliche Sensation, zusammen und jeder für sich. Hier Alexander, der Wunderknabe, den manch Tennisexperte in Zukunft schon auf dem Thron der Tenniswelt sieht; dort Mischa, dem das Filzballtalent der Eltern, die in der Sowjetunion professionell spielten, ebenfalls früh anzusehen war. 2009 rangierte er mal auf Platz 45, bevor ihn zahlreiche Verletzungen ausbremsten. „Ich habe ihm immer gesagt, dass er besser spielt als viele in den Top 100 und sogar Top 50“, sagt Alexander Zverev, der von klein auf den Bruder und die Familie auf der Tour begleitete.

Ganz früher, als ihre Karrieren nur als Träume in den Köpfen existierten, spielten sie daheim in Hamburg gegeneinander, imaginäre Fünf-Satz-Matches, Andre Agassi gegen Pete Sampras. Das Netz in der Mitte ein Turm aus VHS-Kassetten.

Am Samstag, im Doppel gegen Außenseiter Belgien, könnten sie miteinander auf dem Platz stehen, ganz in echt und mit 5000 Tennisfans auf den Rängen. Der lange, aufschlagstarke Alexander hinten an der Grundlinie, vorne am Netz Mischa, mit Gefühl und Timing für den gepflegten Volley. „Klar ist das möglich“, sagt Teamchef Kohlmann, „aber ich will mich da jetzt wirklich noch nicht festlegen.“ Natürlich nicht. Andererseits: Manche Geschichten sind halt einfach so schön, dass man sie lieber nicht verhindert.

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