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Gewaltig: Kiels Steffen Weinhold (links) wirft gegen den Flensburger Spieler Holger Glandorf auf das Tor.

Handball-Bundesliga

„Deutschland hat die stärkste Liga der Welt“

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Ex-Nationaltorwart Henning Fritz über die Bedeutung von Tradition in der Handball-Bundesliga, enge Spielpläne und eine mögliche Verkleinerung der Liga.

Herr Fritz, Hand aufs Herz: Was wird das für eine Bundesliga, in der der Altmeister VfL Gummersbach fehlt?
Tradition ist wichtig. Aber im Fall der Gummersbacher muss man auch feststellen, dass sie schon in den vergangenen Jahren nur knapp drin geblieben sind. Vielleicht tut dem VfL ein reinigender Prozess ganz gut. Die Handball-Gemeinde drückt den Gummersbachern die Daumen, dass sie schnell wieder zurückkommen.

Dafür sind die HSG Nordhorn und HBW Balingen-Weilstetten zurück im Oberhaus ...
Ich freue mich über jedes neue Team, jedes neue Gesicht. Speziell die Nordhorner haben Anfang dieses Jahrtausends für Furore gesorgt – mit einem sehr offensiven, skandinavisch geprägten Handball. Nordhorn hat einen klangvollen Namen im Handball. Es ist aber nun mal so, dass die Aufsteiger immer einen besonders schweren Stand haben.

Blicken wir auf die starken Teams. Wie viel Spannung steckt im Titelkampf?
Von der Papierform her sind fünf, sechs Mannschaften ganz hoch einzuschätzen – angefangen beim Titelverteidiger Flensburg. Die Kieler hatten in der letzten Saison viel Verletzungspech – sie werden in der kommenden Saison eine entscheidende Rolle spielen. Dazu kommen Magdeburg, Berlin und natürlich auch die Rhein-Neckar Löwen, die starke Spieler dazu bekommen haben. Sehr gespannt bin ich auf die MT Melsungen.

Henning Fritz (44) stand in der Bundesliga für Magdeburg, Kiel und die Rhein-Neckar Löwen zwischen den Pfosten. 235 Mal lief er für die Nationalmannschaft auf.

Wer ist Ihr Topfavorit?
Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich darauf tippen, dass die Flensburger zum dritten Mal in Folge triumphieren. Trainer Maik Machulla hat eine sehr homogene Mannschaft, und Spieler wie Magnus Röd und Johannes Golla haben sich unter ihm hervorragend entwickelt. Interessant wird allerdings zu sehen sein, wer nach dem Karriereende von Tobias Karlsson die Abwehr zusammenhält. Er war ein wichtiger Stabilisator.

Auf welche Spieler freuen Sie sich besonders?
Die Löwen haben mit den beiden Rückraumspielern Romain Lagarde und Niclas Kirkelökke zwei Kracher verpflichtet. Ich bin gespannt darauf, wie sie funktionieren und zusammen mit Spielmacher Andy Schmid harmonieren werden. In Kiel hat Lukas Nilsson in der vergangenen Saison schon große Schritte nach vorn gemacht. Er wird ebenso zu beachten sein wie Harald Reinkind. Der Norweger ist beim THW förmlich explodiert, bei den Löwen wirkte er zuvor oft gehemmt.

Der Widerstand der Spieler gegen einen ausufernden Spielplan wächst. Wie ist ihre Meinung?
Ich sehe es mit gemischten Gefühlen. Ich weiß, was Vereinen und Verbänden wichtig ist, und die Klubs müssen ja auch die steigenden Gehälter der Profis finanzieren. Die zentralen Fragen aus meiner Sicht sind: Wie kann man den Reisestress für die Topklubs reduzieren, wie kann man den Teams die Möglichkeit geben, genügend Regenerationsphasen einzubauen, und wie wird den Teams garantiert, dass sie ihren Spielern hochwertiges Training bieten können? Dazu ist es aber erforderlich, dass sich alle Seiten an einen Tisch setzen. Da muss natürlich auch der übertragende Sender Sky mit ins Boot, es ist doch klar, dass dieser sein Produkt, für das er Geld bezahlt, bestmöglich vermarkten möchte. Ein Patentrezept wird es allerdings nicht geben. Ich sehe auch wenig Möglichkeiten, den Spielplan zu entzerren.

Was halten Sie von einer Verkleinerung der Liga?
Darüber kann man ruhig mal nachdenken. Ich habe bisher für mich noch nicht alle Fürs und Widers abgewogen. Ziel muss es letztlich sein, dass die Attraktivität dieses Sports gewährleistet ist und die Topstars ihre Pausen bekommen.

Wie sehen Sie die Liga im internationalen Vergleich?
Deutschland hat immer noch die stärkste Liga der Welt. Man misst den Erfolg gern am Abschneiden in der Champions League, aber ich finde, dass die Sichtweise eine andere sein muss. Wenn ich sehe, wie hoch die Belastung in der entscheidenden Saisonphase für einen Bundesliga-Topklub ist, dann mache ich keinem Team Vorwürfe, wenn es wegen ein oder zwei Toren ausscheiden muss. Es lohnt durchaus, nach Frankreich zu schauen, wo zwischen den Vereinen eine große Solidarität herrscht und Spiele in Absprache verlegt werden können.

Interview: Björn Mahr

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