+
Die Nachnomminierung von Finn Lemke hat die Defensive sichtbar stabilisiert.

Kaderanalyse

Deutsches Team präsentiert sich als Scherbenhaufen

  • schließen

Die deutschen Handballer üben nach dem Aus Selbstkritik: "Katastrophales Turnier".

Am Tag danach machte sich der Tross der Niedergeschlagenen um neun Uhr auf in Richtung des Flughafens in Zagreb. Dort trennten sich die Wege der deutschen Handballer, in allen Richtungen entschwebten die Männer, die eigentlich heute in Zagreb das Halbfinale der Europameisterschaft bestreiten wollten. Eine desolate zweite Halbzeit beim 27:31 gegen Spanien zerstörte diesen Traum. Am Ende einer enttäuschend verlaufenen EM stand der neunte Platz für den Titelverteidiger.

„Mit einer solchen Bilanz ist es nicht so, dass wir überpositiv nach vorne gucken können“, sagte Finn Lemke. Der Abwehrchef war wie seine Kollegen niedergeschlagen. Jegliche Freude war aus den Gesichtern gewichen, die Fassungslosigkeit war greifbar, als die Partie gegen die Iberer vorbei war. Eine Europameisterschaft mit einigen Nebengeräuschen hatte ein passendes Ende gefunden. Bei einem 0:8-Lauf vom 15:15 zum 15:23 taumelten die deutschen Spieler nicht nur, sie fielen ungebremst zu Boden. „Wir haben sie eingeladen“, sagte Silvio Heinevetter. Sie – das war ein spanisches Team, das ordentlich spielte, das gut vorbereitet war, aber keines, das unschlagbar war. „Wir sind nach einem katastrophalen Turnier ausgeschieden. Das war die schlechteste Leistung, seit ich dabei bin“, sagte Andreas Wolff, der Torwart des THW Kiel.

Am Abend seien Akteure und Offizielle zusammengesessen, ließ Kai Häfner gestern wissen, jetzt brauche aber jeder erst einmal Zeit für sich, um zu analysieren. Uwe Gensheimer, der Kapitän der Mannschaft, war kurz angebunden und schloss sein Statement mit dem Satz: „Die Mannschaft wird an diesem Rückschlag nicht zerbrechen.“ Gensheimer stand unmittelbar nach der Begegnung gegen die Iberer nicht für Interviews zur Verfügung, vor der Rückreise sah der Linksaußen mitgenommen aus.

Es ging dem Kapitän nicht anders als den Kollegen. Auch Bob Hanning hatte eine unruhige Nacht hinter sich gebracht. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) muss die Gesamtentwicklung im Auge behalten, er darf sich nicht von einem verworfenen Siebenmeter beeinflussen lassen. Auch Formschwankungen einzelner Akteure dürfen seine Sicht der Dinge nicht leiten, Hanning muss tiefer blicken.

Weil in den kommenden Jahren große sportliche Ziele ausgerufen wurden, musste Hanning eine genaue Analyse des Zustands der Nationalmannschaft ankündigen. Im kommenden Jahr bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land werden die Erwartungen nicht geringer, der Druck nicht kleiner sein. Ein Jahr später soll der Olympiasieg eine Entwicklung krönen, die der Verband mit Hanning an der Spitze vor vier Jahren ausgerufen hatte. Christian Prokop sollte nach der erfolgreichen Aufbauarbeit des Isländers Dagur Sigurdsson den Feinschliff vornehmen. Nach dem ersten großen Zwischenschritt erinnern die deutschen Handballer unter dem neuen Bundestrainer aber eher an einen Scherbenhaufen als an eine nur noch zu polierende Vase.

Rückendeckung von Brand

Deshalb steht im Moment alles in Frage. „Vier bis sechs Wochen“ Zeit erbat sich der DHB-Vize gestern für eine gründliche Aufarbeitung der Europameisterschaft. Die Schlüsse, die getroffen werden, müssen sitzen. Andernfalls droht im kommenden Jahr bei der Heim-WM ein deutlich größerer Imageschaden.

Rückendeckung erhielt Prokop von Heiner Brand. „Wenn man ihm das Vertrauen geschenkt hat, muss man ihm die Freiheit geben, seine Dinge durchziehen. Wie er selbst gesagt hat, hat er mit Sicherheit einige Dinge gelernt“, sagte der Weltmeistertrainer von 2007. Dem schloss sich Frank Bohmann an. „Es war für ihn sein erstes großes Turnier. Da muss man ihm zugestehen, dass er noch ein bisschen lernen muss. Die gegnerischen Trainer waren meist viel erfahrener“, sagte der Geschäftsführer der Handball Bundesliga (HBL).

Kritik gab es derweil vom ehemaligen Welthandballer Daniel Stephan. „Prokop hat sich mit der Kadernominierung selbst sehr unter Druck gesetzt. Es ist schwierig, ein System – wie zum Beispiel das Leipziger – auf die Spieler zu projizieren. Stattdessen muss man das System auf die Spieler ausrichten“, schrieb Stephan in seiner Sport1-Kolumne und stellte fest: „Im Zusammenspiel zwischen Trainer und Mannschaft lagen einfach Defizite. Diese atmosphärischen Störungen muss man dringendst aufarbeiten.“ (mit sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion