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Leidenschaftlicher Boxer und leidenschaftlicher Reporter: Hartmut Scherzer, 80 Jahre alt.

Serie „Ganz nah dran“

Der Deutsche mit der Glatze

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Die Frankfurter Sportreporter-Legende Hartmut Scherzer hält sich auch mit 80 Jahren noch im Boxring fit.

Im Sommer 2004 hat es bei Hartmut Scherzer „baff“ gemacht. Es passierte kurz vor seinem 66. Geburtstag. Er wollte sich gerade aufmachen zur Fußball-Europameisterschaft nach Portugal. Alles war vorbereitet, so wie der erfahrene Journalist Scherzer es immer tut, davor, und zum Glück auch wieder danach. Aber im Sommer 2004, baff, ging nichts mehr. „Ich war völlig am Ende.“ Burnout, tiefe Depression, Selbstmordgedanken. „Ich bin nicht aus dem Bett rausgekommen und habe mir die Decke über den Kopf gezogen.“ Der rasende Reporter hatte Körper und Geist überfordert. Beide streikten nun beharrlich gemeinsam. Scherzer musste auf die EM verzichten, auch Olympia in Athen im selben Sommer fand ohne ihn statt, obwohl er natürlich akkreditiert war. Und bei der geliebten Tour de France, die er niemals ausfallen lassen wollte, reiste er nach zwei Tagen wieder ab. „Ich konnte einfach nicht mehr.“ Die Antidepressiva, die ihm damals verschrieben wurden, nimmt er heute noch, „eine morgens und eines abends.“

Hartmut Scherzer, der 1996 zum „Sportreporter des Jahres“ gekürt worden war, fing zu jener Zeit wieder an, sein Boxtraining zu intensivieren, mit dem er als Zwölfjähriger angefangen hatte. Jetzt, mit bald 81, trainiert er zweimal die Woche eine Stunde lang in Boxstudios in Offenbach und Frankfurt. „Sport“, sagt der Mann, der den Burnout besiegte, „ist die beste Medizin, Sport hilft dir, wieder hochzukommen.“ Neulich hat Wladimir Klitschko, der Ex-Weltmeister im Schwergewicht, bei ihm angerufen. Nur mal so, um zu hören, wie es geht. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, es gibt wohl kaum einen besseren Kenner des Profiboxens als Scherzer. Er hat Klitschko von seinem Training berichtet und später zum Beweis per Whatsapp ein einminütiges Video seines Übungsprogramms aus dem Boxring geschickt. Klitschko war so beeindruckt, dass er die Sequenz auf seinem Instagram-Account veröffentlichte. Die Resonanz war groß. Hartmut Scherzer ist jetzt ein kleiner Instagram-Star. Ein bisschen stolz darauf ist er schon.

Der behände Mann mit den wachen Augen ist gerade dabei, ein Buch zu schreiben. Die Textdummies und einen Titel gibt es schon; „Alles Sport – 60 Jahre mit den Legenden der Welt“. Es soll im Herbst herauskommen. 420 Seiten, 200 Bilder. Hartmut Scherzer, der seine journalistische Karriere 1960 als Korrespondent der US-amerikanischen Nachrichtenagentur United Press International begann, hat tausendundeine Geschichten zu erzählen. Keine einzige ist ein Märchen. Er hat alle 15 Fußball-Weltmeisterschaften seit 1962 vor Ort erlebt, war bei 21 Olympischen Spielen dabei, hat 33 mal die Tour de France begleitet und für alle großen Blätter geschrieben.

Seine Bewunderung für Lance Armstrong ist ungebrochen: „Der Respekt, dass Armstrong den Krebs bezwungen hat, war bei mir immer größer als der Argwohn, dass er dopt.“ Für Scherzer ist der US-Amerikaner „kein Betrüger, sondern ein großer Lügner“. Aber das seien die Doper im Radsport alle miteinander gewesen. Scherzer hat Armstrong eine Mail geschrieben, nachdem dieser überführt worden war: „Ich habe weiter großen Respekt vor dir.“

Der Reporter hat stets eine sehr persönliche Beziehung zu den Großen des Sports gepflegt. Muhammad Ali, der größte Boxer aller Zeiten, nannte ihn einst den „Deutschen mit der Glatze“ und erkannte ihn überall auf der Welt immer wieder. Der Journalist war stets zur Stelle, wenn Ali boxte. Den Kampf gegen Karl Mildenberger im September 1966 im Waldstadion hat Scherzer sogar persönlich mit arrangiert. Er saß bei den drei Jahrhundertkämpfen am Ring, man sieht ihn bei manchen Übertragungen in der ersten Reihe. Im März 1971 im Madison Square Garden gegen Joe Frazier, im Oktober 1974 beim „Rumble in the Jungle“ von Kinshasa gegen George Foreman und im Oktober 1975 der „Thrilla in Manila“ wieder gegen Frazier, der „wahrscheinlich brutalste Kampf, den ich je erlebt habe“. Ali flüsterte ihm hinterher ins Ohr, er habe „den Tod gespürt“.

Die Verbindung riss nie ganz ab. 1984 anlässlich der Olympischen Spiele besuchte der Deutsche mit der Glatze Ali in dessen Wohnung in Los Angeles. Unangekündigt. „Ich habe ihn immer nur ,Champ“ genannt, damals in Los Angeles habe ich den ganzen Tag bei ihm verbracht und erstmals gespürt, dass mit ihm etwas nicht stimmt.“ Das Parkinsonsyndrom, eine schwere Nervenkrankheit. „Es war schockierend für mich.“ Scherzer schrieb eine große Reportage in der „Abendpost-Nachtausgabe“ über die bewegende Begegnung.

Er war damals Sportchef des Frankfurter Boulevardblatts, erfolgreich am Markt, größer als die „Bild“-Zeitung in Frankfurt – und dem Springerverlag deshalb ein Dorn im Auge. Scherzer hat die Demütigungen, die die Medienkrise nach der Jahrtausendwende für viele Journalisten bringen sollte, schon 1988 erleben und erleiden müssen. Er wird ihn nie vergessen, diesen Montag im Dezember, als ihnen bei der Morgenkonferenz vom Verleger eröffnet wurde, dass sie nach Hause gehen könnten, die „Abendpost“ sei ab sofort eingestellt. Noch heute überkommt Scherzer die kalte Wut: „Eine tolle Zeitung wurde durch eine Intrige abgewickelt. Die sollte vom Markt gestoßen werden.“ Er habe danach „nicht gewusst, was ich machen sollte“. Just dann starb sein bester Freund, der große Sportreporter Ulfert Schröder. Dessen Frau überredete Scherzer, als freier Journalist in Schröders Fußstapfen zu treten. Scherzer zögerte zunächst: „Ich fand es makaber, dass ich das Vermächtnis meine besten Freundes, eines grandiosen Schreibers, übernehmen sollte.“ Dass er es dann doch getan hat, erwies sich als ausgesprochen gute Idee. „Ich habe mich in den goldenen Neunzigerjahren dumm und dämlich verdient.“ Das Geld hat er gut angelegt. Mit seiner Ehefrau Barbara wohnt Scherzer bei bester Gesundheit südöstlich von Frankfurt im Eigenheim in Rembrücken.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat ihn mal den „verrücktesten deutschen Sportreporter“ genannt. Das ist nicht übertrieben. Während der WM 2002 in Japan düste Scherzer zwischen den deutschen Vorrundenspielen gegen Irland und Kamerun fix mal rüber in die USA nach Memphis, um dort über den Boxkampf Lennox Lewis gegen Mike Tyson zu berichten. Auf die Warnungen seiner Frau und einiger Kollegen, sich nicht zu überfordern, hört er hin und wieder aber doch. Er muss nicht mehr bei jedem Bundesligaspiel dabei sein, er schafft es mitunter, die Füße auch mal hochzulegen. Er möchte ja noch ein bisschen vom Leben haben. Er weiß, dass das nicht nur auf der Überholspur möglich sein wird. „Seit ich 80 bin, habe ich eine noch intensivere Lebenseinstellung. Ich bin schließlich auf der Zielgeraden.“

Für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio hat Scherzer schon die Bestätigung seiner Akkreditierung in der Tasche. „Da schließt sich für mich ein Kreis, meine ersten Olympischen Spiele habe ich 1964 in Tokio erlebt.“ Auch im Fußball erlebte er Zeiten, von denen die jungen Kollegen nur träumen können. „1970 bei der WM in Mexiko haben wir am Liegestuhl mit den Spielern geredet.“ Die großen Spiele gegen England (3:2 nach 0:2-Rückstand) im Viertelfinale und Italien (3:4 nach Verlängerung) im Halbfinale zählt er zu den „aufregendsten Spielen“ seiner bewegten Reporterkarriere.

1974 vor dem Finale Deutschland gegen Holland wusste er als einziger, dass der Frankfurter Bernd Hölzenbein stürmen würde und nicht, wie allgemein erwartet, der Mönchengladbacher Jupp Heynckes. „Der Holz hat es mir am Telefon verraten, er hatte es gerade von Bundestrainer Helmut Schön erfahren. Ich habe ihn ganz normal über die Rezeption der Sportschule Grünwald angerufen und wurde durchgestellt.“ So war das damals. Aber Hartmut Scherzer schwelgt deshalb nicht nur in Nostalgie.

Er will sich keinen Druck machen, doch vielleicht wird er 2022 bei der WM in Katar nochmal vor Ort dabei sein. Es wäre seine 16. Fußball-Weltmeisterschaft. Die deutsche Boxlegende Max Schmeling hat einmal zu ihm gesagt: „Herr Scherzer, hören Sie nie auf zu arbeiten, sonst sterben Sie früher.“ Das, sagt Hartmut Scherzer, und seine Augen funkeln, „ist seitdem mein Lebensmotto“.

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