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Blick nach vorne in Sorge: Eli Manning.

Football

Demontage eines Denkmals

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NFL-Quarterback Eli Manning wird nach 13 Jahren bei den New York Giants zum Ersatzspieler.

Es klingt wie ein Widerspruch in sich, ein sportliches Paradoxon: Eli Manning auf der Ersatzbank. Am Dienstag stand der Quarterback der New York Giants, der zweimalige Super-Bowl-Champion, vor seinem Spind im Trainingszentrum in East Rutherford, New Jersey, die Lippen zittrig, die Augen glasig, und musste den Reportern das Unerklärliche erklären: Am Sonntag, beim Spiel gegen die Oakland Raiders, wird jemand Giants-Quarteback sein, der nicht Eli Manning heißt. Zum ersten Mal seit 13 Jahren und 210 NFL-Spielen.

„Das ist ein harter Tag“, sagte der 36-Jährige, und sah aus wie ein kleiner Junge, dem man offenbarte, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Ben McAdoo gab den Grinch, denn der Headcoach der Giants hatte zuvor angekündigt, er wolle in den restlichen Spielen der regulären Saison den Perspektivspieler Geno Smith und Davis Webb die Chance geben, sich zu zeigen. 

„Wir wollen uns vor allem Geno in den nächsten fünf Wochen genauer ansehen“, sagte McAdoo. Schnell fügte er hinzu: „Ich habe den größten Respekt vor Eli und allem, was er für diesen Klub gebracht hat.“ Sein seltsames Angebot an Manning, ihn dennoch weiter starten zu lassen, damit die Einsatzserie weitergeht (mehr aufeinanderfolgende Spiele in der regulären Saison hat nur Brett Favre), lehnte dieser verständlicherweise ab. „Wenn die anderen spielen sollen, sollen sie es auch von Beginn an tun“, erklärte der kleine Bruder des ehemaligen Quarterbacks Peyton Manning: „Es macht für mich keinen Sinn, zu starten, nur um die Serie am Laufen zu halten, wenn ich weiß, dass ich nicht zu Ende spielen werde und keine Chance habe, das Spiel zu gewinnen.“ Manning hat wenig Lust, sich als demontiertes Denkmal durch die Arenen führen zu lassen.

Die Giants hatten sich den Saisonverlauf ganz anders vorgestellt, mit erst zwei Siegen und neun Niederlagen sind sie das zweitschwächste Team der NFC, die Playoffs werden sie verpassen. Noch im August klang Manning hoffnungsvoll, wieder Großes schaffen zu können. „Das ist das Ziel“, sagte der Mann aus New Orleans damals auf die Frage, ob ein dritter Super-Bowl-Triumph nach 2008 und 2012 möglich sei: „Ich habe das Gefühl, dass hier gerade eine tolle Gruppe zusammenwächst.“ Aber dann musste er mitansehen, wie sich die tolle Gruppe ins Gegenteil entwickelte. Zwei wichtige Passempfänger, Odell Beckham Junior und Brandon Marshall, meldeten sich verletzt für die Saison ab, und Manager Jerry Reese sah sich außer Stande, eine Offensive höheren Anspruchs aufzubauen.

„Es geht hier um nichts anderes als die Tatsache, dass wir bei zwei Siegen und neun Niederlagen stehen“, teilte Reese nun in einem Statement mit: „Wir müssen tun, was das beste ist für unseren Klub, und das bedeutet, dass wir jede einzelne Position hinterfragen.“ 

Tatsächlich spielt Manning eine schwache Saison, er hat schon fünf sogenannte Sacks mehr kassiert (wenn der Quarterback von der Defensive zu Fall gebracht wird, bevor er den Ball werfen kann) als in der gesamten Saison 2016/17. Es ist, statistisch betrachtet – und im US-Sport wird alles statistisch betrachtet – zwar nicht die schlechteste Saison seiner Karriere, aber im Alter von 36, die besten Athletentage sichtlich vorüber, waren die Giants dann doch der Meinung, sie müssten anfangen, sich für die Zukunft zu interessieren. Eigentlich verständlich. Uneigentlich eine Blasphemie in den USA, wo die Sporthelden zu den wichtigsten Identifikationsstiftern gehören. Wenn sich die Menschen jetzt aufregen über die Verbannung Eli Mannings auf die Bank, wirkt das auch ein wenig, als würden sie sich über die Kündigung eines fleißigen und loyalen Bürokollegen empören. 13 Jahre, und dann so was!

Manning, heißt es, hätte seine Karriere gerne dort beendet, wo er sie auch angefangen hat, bei den Giants nämlich. Er wollte es machen wie Charlie Conerly, Giants-Quarterback von 1948 bis 1961, NFL-Champion 1956, Lieblingsspieler von Elis Großvater. Auch deshalb ließ er sich eine Klausel in den Vertrag schreiben, die es den Giants verbietet, ihn zu verkaufen. 

„Das ist nicht das Ende von Eli in New York“, sagte Coach McAdoo. Es klang wie: Den Weihnachtsmann gibt’s nicht, liebe Kinder. Aber hey, glaubt doch einfach trotzdem an ihn. 

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