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Rückendeckung vom Teamchef: Philipp Kohlschreiber (rechts) und Michael Kohlmann.

Daviscup

Mit Bounce ins Ungewisse

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Deutsches Daviscup-Team hat es gegen Ungarn mit einigen Unbekannten zu tun.

Als sich die deutsche Daviscup-Mannschaft entscheiden musste, auf welchem Untergrund sie die Erstrundenpartie gegen Ungarn in der Frankfurter Ballsporthalle austragen wolle, ging sie vom schwerstmöglichen Fall aus, sicherheitshalber. „Das beste Team der Ungarn hätte sicherlich einen schnelleren Belag bevorzugt“, erläuterte Tennisprofi Philipp Kohlschreiber am Dienstag. „Deshalb haben wir gesagt: Wir wollen einen langsameren Platz, mit mehr Bounce.“ So ist es nun gekommen, die Filzbälle haben im Training jenen Bounce gezeigt, den sich Kohlschreiber, 35, und seine Teamkameraden gewünscht haben, sie springen also recht hoch ab. „Ich hoffe, dass das dem Gegner nicht gefällt“, fügte der Routinier an: „Wir haben ja nicht gewusst, welche Spieler von den Ungarn kommen.“

Die Wahrheit ist: Sie wissen das jetzt eigentlich immer noch nicht. „Ich glaube, irgendeiner hat vor zwei Jahren mal bei den Junioren die Australian Open gewonnen“, sagte Kohlschreiber, der ehrlich zugibt: „Ich kenne gar keinen von denen. Da darf der Herr Kohlmann uns noch einige Videos präsentieren.“ Nebendran auf dem Podium im Bauch der Ballsporthalle saß der angesprochene Herr Kohlmann, Vorname Michael, Beruf Teamchef der DTB-Auswahl, und lächelte. 

Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, wenn das deutsche Daviscup-Team am kommenden Freitag (ab 16 Uhr) und Samstag (ab zwölf Uhr) auf das ungarische Team trifft, und das liegt nicht nur an einem Gegner, der ohne seinen Topspieler anreist, Marton Fucsovics, (47. der Weltrangliste). Dafür mit Attila Balazs, 30 Jahre alt (258.) und mit Gabor Borsos, 27 (552.) und mit dem erst 19-Jährigen Zsombor Piros (371.), der tatsächlich 2017 die Juniorenkonkurrenz der Australian Open gewann, recht eindrucksvoll sogar, mit nur einem verlorenen Satz. „Die können schon Tennis spielen“, weiß Kohlschreiber, der sich auf einen „harten Gegner“ einstellt. 

Neben den einigermaßen namenlosen und deshalb unberechenbaren Ungarn sind es auch die Umstände, die für die haushoch favorisierten Deutschen ungewohnt sind, die in absoluter Bestbesetzung antreten, also neben Kohlschreiber (ATP-Rang 32) auch mit ihrem 21-jährigen Topstar Alexander Zverev (3), Jan-Lennard Struff (51), Peter Gojowczyk (62) und Lokalmatador Tim Pütz (Rang 71 im Doppel). Erstmals wird der Daviscup in diesem Jahr nämlich in seinem neuen, hoch umstrittenen Format ausgespielt. Sprich: In der anstehenden Qualifikationsrunde kämpfen 24 Nationen um 18 Startplätze beim neu erschaffenen, einwöchigen Finalturnier, das Ende November in Madrid stattfinden wird. Vorbei sind die Zeiten der Heim- und Auswärtsspiele und der hitzigen Viertel- und Halbfinals, wie man sie aus 118 Jahren Daviscup-Geschichte kennt. Der Modus wird entschlackt, um die modernen Sportkonsumenten besser zu erreichen. Die Partien werden in Zukunft auch in zwei Gewinnsätzen entschieden statt wie früher in drei. 

Der Deutsche Tennis-Bund hat sich da längst klar positioniert, er findet die Reform, gelinde gesagt, nicht so toll, die von der Investmentgruppe Kosmos mit dem spanischen Fußballprofi Gerard Pique als Präsidenten für mehrere Milliarden Euro forciert wurde. „Der neue Modus ist für alle gewöhnungsbedürftig“, sagt auch Kohlschreiber, der vor allem die Heim- und Auswärtsspiele jenseits der ersten Runde vermissen wird. „Gerade auch die Auswärtsspiele haben ja immer etwas Besonderes gehabt. Man sitzt in der Höhle des Löwen, alle sind gegen einen, und das schweißt einen als Team noch mehr zusammen. Das wird mir persönlich sehr fehlen, da stirbt etwas vom Daviscup-Charakter.“ Dennoch hat Kohlschreiber sich vorgenommen, dem neuen Daviscup unvoreingenommen entgegenzutreten. „Ich schaue mir das einfach mal an. Vielleicht wird das ein supertolles Event in Madrid, wo hinterher alle sagen: Die Veränderung war positiv.“ 

Die Ballsporthalle ist fast ausverkauft

Bislang war der gebürtige Augsburger allerdings eher nicht für nostalgische Anwandlungen gegenüber dem größten Nationenwettbewerb im Tennis bekannt. Mit beiden Kohlmann-Vorgängern im Amt des Teamchefs, Patrik Kühnen und Carsten Arriens, hatte „Kohli“ Ärger, der durch manch dubiose Absage den Eindruck hinterließ, seine eigene Karriere sei ihm im Zweifel wichtiger als der Einsatz für die deutsche Mannschaft. Als Kohlschreiber sich 2012 in Frankfurt gegen Spanien beim Stand von 3:0 fürs unbedeutende, letzte Einzel plötzlich krankmeldete, genau wie Tommy Haas und Florian Meyer, musste das Spiel ausfallen. Zum klar vernehmbaren Unmut des Frankfurter Publikums in der Ballsporthalle. 

Eine bemerkenswerte Episode der deutschen Daviscup-Geschichte, auf die Kohlschreiber am Dienstag allerdings lieber nicht mehr eingehen wollte. Und die das Frankfurter Publikum der Mannschaft offenbar vergeben hat, wenn auch vielleicht nicht vergessen; die Partie gegen Ungarn ist so gut wie ausverkauft. Teamchef Michael Kohlmann: „Das zeigt, dass es ein tennisbegeistertes Publikum in Frankfurt gibt. Die Halle ist toll, hat eine super Größe. Da kann eine tolle Stimmung entstehen.“ Kann. Sollten sich nicht fünf Ungarn ohne Namen doch noch als Partycrasher erweisen.

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