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Pritschen geht derzeit auch für den besten Beachvolleyballer Clemens Wickler nur allein.

Beachvolleyballer Clemens Wickler im Interview

„Dann knallst du den Ball gegen die Wand“

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Beachvolleyballer Clemens Wickler über verschobene Spiele, sein Einzelkämpfertum und Gesichter der Sportart.

Clemens Wickler, 25, hätte mit Partner Julius Thole sicher zu den Medaillenhoffnungen in Tokio gehört. Die Absage der Spiele empfindet der Beachvolleyballer der Jahre 2018 und 2019, der aus einem kleinen Dorf bei Starnberg stammt, dennoch als „das einzig Richtige“. Seinen größten Erfolg holte der mehrfache Deutsche Meister 2019, als er mit Thole Vizeweltmeister wurde.

Herr Wickler, vor einem Monat haben Sie mit ihrem Partner Julius Thole noch in Rio de Janeiro trainiert. Jetzt tun Sie es alleine in Hamburg. Das klingt nach einem Kulturschock.

Ja, das ist schon ein Unterschied. So eine Entwicklung hätte ich mir im Leben nicht träumen lassen. Wir sind am 1. März aus Rio abgereist, da gab es in Brasilien einen bestätigten Corona-Fall. Hier war die Entwicklung weiter aber auch noch lange nicht da, wo wir heute sind. Man hat das am Anfang ein bisschen unterschätzt. Wobei man sagen muss, dass unser Manager uns Anfang Februar im Trainingslager auf Fuerteventura schon gesagt hat, dass da aus China was kommen kann. Dass vielleicht sogar Olympia in Gefahr ist. Damals habe ich das für abwegig gehalten.

Er hat Recht behalten. Statt für Ihr bisheriges Karriere-Highlight Olympia trainieren Sie erst einmal ins Ungewisse. Ist das schwierig?

Klar ist: Die Verschiebung war das einzig Richtige. Da muss man nicht darüber reden. Die Gesundheit geht immer vor. Mich hat das nicht so hart getroffen. Mein Partner hatte deutlich mehr daran zu knabbern. Der hat sich erst einmal für eine Woche ausgeklinkt. Aber in unserem Fall sind die Folgen jetzt ja noch überschaubar. Wir haben jetzt halt eineinhalb Jahre statt einem halben Jahr Vorbereitung. Wir sind ja noch relativ jung. Bei den Sportlern, die nach Tokio aufhören wollten, ist das etwas anderes. Oder: Ich kenne einen Schwimmer, der hat sein ganzes Erspartes dafür aufgewendet, sich in San Diego auf Olympia vorzubereiten. Das ist wirklich heftig.

Bleibt denn die Qualifikation auch im nächsten Jahr bestehen?

Davon gehen wir aus, auch wenn eine klare Stellungnahme der FIVB (Volleyball-Weltverband, Anm. d. Red.) noch fehlt. Aber der Zeitraum ist für einen neuen Qualifikationszyklus auch sehr knapp.

Wie sehen denn die Trainingsbedingungen aus? Der Olympiastützpunkt Hamburg bot zeitweise eine Sondergenehmigung.

Ja, die galt aber nur solange, bis die Absage der Olympischen Spiele feststand. Jetzt können wir genauso nur Zuhause trainieren. Da machst du Stabilitäts- und Ausdauertraining. Und ich habe so ein Ballhandling-Programm, bei dem du den Ball dann gegen die Wand knallst. Nicht schön für die Nachbarn, aber ich hoffe, dass sie das soweit verstehen. Ansonsten können auch wir nur abwarten.

Sie sind als Beachvolleyballer ja auch Einzelkämpfer. Wie wirkt sich der Stillstand denn finanziell aus?

Wir kriegen da zum Glück noch nicht viel zu spüren. Unsere langjährigen Partner stehen auch in der Krise zu uns. Deswegen sind es für uns auch Partner und keine Sponsoren. Wie sagte Helmut Schmidt: „In der Krise zeigt sich der wahre Charakter.“ Und der Charakter unserer Partner ist herausragend. Das haben sie schon mehrfach bewiesen. Ich bin außerdem noch bei der Bundeswehr und bin da auf jeden Fall bis zum Ende des Jahres abgesichert. Auch die Sporthilfe unterstützt uns weiter. Das ist schon beruhigend. Aber man muss abwarten, was es für die ganze Sportart bedeutet. Die Turniere sind ja auf Sponsoren angewiesen. Aber wenn es um diese Firmen nach der Krise schlecht steht, dann werden sie ihr Geld wahrscheinlich nicht gerade in eine Nische wie Beachvolleyball stecken.

Ist der Stellenwert denn so gering? Bei den beiden letzten Olympischen Spielen etwa machten die deutschen Goldteams wie Ludwig/Walkenhorst Beachvolleyball zum Fernsehereignis Nummer eins.

Das stimmt. Sportlich sind wir top, aber die Medienpräsenz, speziell im TV, hat noch viel Luft nach oben! Alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen oder einer WM medial aufzutrumpfen, reicht nicht. Da muss Kontinuität her. Die Verbände und Promoter haben dieses Interesse bislang leider zu wenig genutzt. Die World Tour, auf der die besten Teams spielen, siehst du hierzulande nicht viel im TV. Die nationale Tour wird im Fernsehen übertragen, aber da spielen die besten Teams nicht, weil sie auf der World Tour unterwegs sind. Hier muss verstärkt über Lösungen nachgedacht werden.

Wie könnte das aussehen?

Naja, man sollte den Kalender auf jeden Fall so gestalten, dass die international spielenden Teams auch wenigstens teilweise bei der nationalen Tour auftreten können. Und es wäre schön, wenn von den internationalen Turnieren mehr im TV zu sehen sein würde. Die WM im letzten Jahr in Hamburg hat gezeigt, was wir mit diesem Sport bewegen können. Mit dem Wintersport klappt das ja super, dass am Wochenende die Sportarten hintereinander weg gezeigt werden. Ok, im Sommer ist das Wetter besser und die Leute schauen weniger fern. Aber ich verstehe trotzdem nicht ganz, warum die Sommersportarten das nicht auch zusammen können. Der Quotendruck der TV-Sender scheint einfach zu groß zu sein, um ein Thema einfach auch mal mittelfristig aufzubauen, wie es mit dem Skispringen gemacht wurde.

Zumindest Beachvolleyball hätte ja auch Gesichter genug, mit denen man werben kann. Auch Ihnen trauen viele eine dominante Rolle für Jahre zu.

Und Gesichter brauchst du auch, wenn du eine Sportart voran bringen willst. Die Menschen müssen sich mit jemandem identifizieren können. Es wäre schön, wenn wir da eine Rolle spielen könnten. Aber es müssen auch nicht wir sein, es gibt genug tolle Charaktere.

Interview: Patrick Reichelt

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