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Ausgecheckt: Bundestrainer Christian Prokop und die deutschen Handballer müssen am Donnerstag das Teamhotel räumen.

Handball-EM

Christian Prokop schließt Rücktritt aus

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Es gibt tiefe Risse zwischen Trainer und Handball-Nationalmannschaft, und es ist scheint schwierig, die wieder zuzuschütten.

Es ist im Rückblick ganz schwer festzulegen, wann genau die Entfremdung zwischen Christian Prokop und den Spielern der deutschen Handball-Nationalmannschaft begonnen hat, aber es spricht viel dafür, dass sie in der Kabine der Arena in Neu-Ulm eine nicht mehr zu kontrollierende Dynamik bekommen hat. Mit dem Verzicht auf Abwehrchef Finn Lemke, einen der Anführer der „Bad Boys“, den der Bundestrainer nach dem finalen Testspiel vor der Europameisterschaft aus dem Kader strich, begann die Entfremdung zwischen Coach und Team. Inzwischen gibt es tiefe Risse, und es ist scheint schwierig, die wieder zuzuschütten. Das fatale Scheitern bei der EM ist auch darin begründet.

Am Donnerstag saß Prokop ein letztes Mal in einem Besprechungsraum im Teamhotel der deutschen Handballer in der Nähe von Varazdin. Neben ihm hatten rechts Bob Hanning und links Andreas Michelmann Platz genommen. Der Trainer wurde vom Vizepräsidenten und Präsidenten des Deutschen Handballbundes (DHB) in die Zange genommen. Dabei handelte es sich nicht um eine bewusste Botschaft, aber sie hatte symbolischen Charakter.

Der Handballlehrer fühlte sich sichtlich unwohl, von Minute zu Minute des finalen EM-Gesprächs fand sich die Verunsicherung deutlicher in seinen Gesichtszügen wieder. Seine Augen wanderten hektisch hin und her, und als die Runde offiziell beendet war, suchte der 39-Jährige fluchtartig den Ausgang. Der Trainer wollte nur noch weg, es ging ihm nicht gut.

Das 27:31 gegen Spanien im letzten Hauptrundenspiel und die katastrophale Vorstellung in der zweiten Halbzeit am Vorabend hatten den Druck auf den Bundestrainer noch einmal deutlich erhöht. Das hatte Prokop zusätzlich unter Stress gesetzt. Ein „Weiter so“ werde es nicht geben, hatte Hanning ein paar Stunden vorher angekündigt, und es war klar, dass es auch darum gehen wird, ob Prokop der richtige Mann ist, um die ehrgeizigen Ziele des Verbandes umzusetzen. „Die gleichen Zeitungen, die jetzt hier sitzen, haben mich vor ein paar Monaten als Messias bezeichnet, als Julian Nagelsmann des Handballs“, sagte Prokop, als er darauf angesprochen wurde, ob er einen Rücktritt aus freien Stücken ausschließen könne. Der Trainer war gereizt, gleichzeitig aber nicht bereit, Fehler wie den mit der Nichtnominierung von Lemke einzugestehen. „Ihn vor dem Mazedonien-Spiel zu holen, war wegen des Gegners eine richtige Korrektur“, sagte Prokop – eine vorherige Fehleinschätzung wollte er damit nicht zugeben.

Christian Prokop hat in den zurückliegenden zwei Wochen viele Dinge nicht richtig gemacht. So etwas muss man einem Novizen auf internationalem Niveau wohl zugestehen, doch der Umgang mit Fehlern sorgte intern für Ärger. Der Trainer wolle immer das letzte Wort haben, immer die Entscheidungshoheit behalten und den Spielern alles vorschreiben, ist aus dem Kreis des Teams zu hören. Im Moment äußert diese Kritik niemand öffentlich, die Mannschaft befeuert die Debatte noch nicht – doch das kann sich ändern.

Der Trainer, mit einem Vertrag bis 2022 ausgestattet und für eine Ablöse von etwa 500 000 Euro vom SC DHfK Leipzig losgeeist, hat nicht alles falsch gemacht. Man muss ihm zugestehen, dass er bereit war, Fehleinschätzungen zu korrigieren. Prokop holte Lemke in den Kreis der Mannschaft zurück, er rückte nach einer kleinen Meuterei von seinem Abwehrkonzept ab und entschied sich für weniger personelle Wechsel während der Spiele. Das ist grundsätzlich positiv. Bezeichnend ist, dass das Spiel der Deutschen mit jeder kleinen Abkehr von seiner Herangehensweise stabiler und besser wurde – auch wenn das Scheitern durch den internen und externen Wirbel nicht mehr abwendbar war.

Offenbar wurde, dass die Arbeitsweise von Prokop bei einem aufstrebenden Verein wie dem in Leipzig funktionierte, weil er dort Strukturen aufbaute und es für die Spieler und die Mannschaft dadurch eine Fortentwicklung gab. Sein Stil, möglichst jedes Detail bestimmen zu wollen, zog weniger Missmut nach sich. Die Nationalmannschaft hingegen war vor ihm bereits erfolgreich, so dass er mit seinem Hang, vieles neu machen zu wollen, erst auf Verwunderung, später auf Unverständnis und irgendwann in Teilen auf Ablehnung stieß.

„Das Ziel ist, mit dem Trainer weiterzuarbeiten“, sagte Hanning gestern, aber der DHB-Vize erklärte auch: „Es gibt unverhandelbare Visionen.“ Im kommenden Jahr bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land und ein Jahr später bei den Olympischen Spielen sind Medaillen das Mindestziel, möglichst sollen es goldene werden. Hanning klang gestern nicht so, als sei er fest davon überzeugt, an den Zielen festhalten zu können, um die Visionen nicht zu gefährden.

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