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Christian Prokop bleibt weiter Handball-Bundestrainer.

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Christian Prokop bleibt Bundestrainer

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Nach der EM in Kroatien ist vor der WM in Deutschland. Handball-Bundestrainer Christian Prokop behält seinen Job und darf die Deutsche Nationalmannschaft auf das Turnier vorbereiten.

Bob Hanning saß nicht auf dem Podium, als die überraschende Nachricht verkündet wurde – der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) schaute sich die Pressekonferenz im Hotel in Hannover aus dem Zuschauerraum an. Hanning überließ DHB-Präsident Andreas Michelmann und Axel Kromer, Vorstand Sport, die Bühne, um zu verkünden, wofür Hanning intern gekämpft hatte: Christian Prokop bleibt Trainer der Männer-Nationalmannschaft und überstand das schwache Abschneiden bei der Europameisterschaft im Januar in Kroatien (Platz neun) sowie die vielen Nebengeräusche, die es während des Turniers gegeben hatte. Zuletzt hatte fast niemand mehr mit einem „Weiter so“ gerechnet, die Ablösung von Prokop schien beschlossene Sache zu sein.

Nach einer knapp zweistündigen Sitzung des zehnköpfigen Präsidiums gab es gestern bei einer Abstimmung ein anderes Ergebnis, das nicht einstimmig war, aber eine Mehrheit pro Prokop ergab. Das überraschte auch deshalb, weil Uwe Schwenker, Präsident der Handball-Bundesliga (HBL) und damit Teil des DHB-Präsidiums, noch am Wochenende von „atmosphärischen Störungen“ zwischen Bundestrainer und Mannschaft gesprochen hatte. Am Ende hatte Hanning die besseren Argumente, denn er hatte sich für einen Verbleib von Prokop ausgesprochen und zusätzlich Druck auf seine Kollegen im Präsidium aufgebaut.

An Hanning gibt es immer wieder Kritik, die manches Mal berechtigt sein mag. Aber innerhalb des DHB-Präsidiums hatte die Mehrheit nicht den Mut, sich eine Zukunft des Verbandes ohne den Vizepräsidenten vorzustellen. Hanning war in den vergangenen Jahren maßgeblich an der Professionalisierung der Strukturen sowie dem sportlichen wie wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt. Der gewiefte Taktiker, parallel zu seinem Engagement beim DHB auch Manager der Berliner Füchse, hatte intern seinen Rückzug angekündigt, wenn die Entscheidung gegen eine Weiterbeschäftigung von Prokop ausfallen sollte. Öffentlich gab es dazu kein Statement, doch Hanning ließ durchsickern, dass der Job von Prokop mit seinem Verbleib beim Verband zusammenhing. „Ich habe gesagt, dass man einen richtigen Neuanfang machen muss, wenn man einen Neuanfang macht“, erklärte Hanning gestern. Davor scheuten sich viele im Präsidium des DHB. Von einem Rücktritt war gestern keine Rede mehr. „Jetzt ziehen wir das zusammen bis 2020 durch“, sagte Hanning.

Bundestrainer hatte Fehler eingeräumt

Das DHB-Präsidium ließ sich davon überzeugen, dass Prokop bereit und in der Lage ist, die Arbeit mit und sein Auftreten gegenüber der Mannschaft grundlegend zu verändern. „Wir haben festgestellt, dass wir auf die Kommunikation zwischen Spielern, Trainer und Umfeld mehr Augenmerk legen müssen“, sagte Kromer. In den Gesprächen mit Spielern und den DHB-Verantwortlichen hatte der stark in die Kritik geratene Bundestrainer Fehler eingeräumt und den Eindruck hinterlassen, die richtigen Schlüsse aus ihnen gezogen zu haben. Zusätzlich wurden die Spieler gehört, „ohne ihnen die Entscheidung zu geben“ (Kromer).

Anfang April treffen sich die deutschen Handballer zu zwei Testspielen gegen Serbien. Es wird spannend sein, wen Prokop für den Lehrgang nominiert, beziehungsweise, wen nicht. Innerhalb der Nationalmannschaft gab es einige Spieler, die sich klar gegen den Trainer positioniert hatten – nicht nur während der Europameisterschaft, sondern auch bei den Gesprächen danach. Der Verband geht ein hohes Risiko mit dem Entschluss, trotz der Vorbehalte von vielen Seiten mit dem Bundestrainer weiterzuarbeiten. „Wir mussten keine populistische Entscheidung treffen, sondern eine, die wir für richtig halten“, sagte Hanning.

Damit liegt der DHB-Vize richtig. Aber es bleibt ein Wagnis, auf dem Weg zur WM im eigenen Land im knapp elf Monaten und der angestrebten Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, weiterhin auf Prokop zu setzen. Der Bundestrainer ist durch die in weiten Teilen öffentlich ausgetragenen Diskussion um seine Person geschwächt und jeder kleine Rückschlag wird erneut eine Debatte auslösen, ob die Gräben zwischen den Spielern und dem Handballlehrer, die in Kroatien offensichtlich wurden, zugeschüttet werden konnten oder es nur schnell zusammengebaute und wackelige Brücken über sie hinweg gibt.

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