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Pekings Olympia-Skisprungschanze: Architekt Hans-Martin Renn entwarf das Konzept – „nur ein Rad im Getriebe“

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Von: China.Table

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Der deutsche Architekt Hans-Martin Renn in seinem Büro
Der deutsche Architekt Hans-Martin Renn in seinem Büro © privat

Der deutsche Architekt Hans-Martin Renn unterstützte den Bau der olympischen Skisprung-Anlage in Zhangjiakou bei Peking. Im China.Table-Interview spricht er über seine Erfahrungen.

Der Architekt Hans-Martin Renn aus Fischen im Allgäu ist Vorsitzender der Schanzenbau-Kommission des Internationalen Skiverbandes (FIS). Als die Ausrichter der Olympischen Winterspiele in Peking* den Verband um Hilfe baten, eine geeignete Anlage für die Nordischen Ski-Wettbewerbe Skispringen und Langlauf sowie den Biathlon zu konzipieren, reiste Renn 2017 erstmals in die Volksrepublik China*. Auch mit seinem Architektenbüro unterstützte er den Bau der Anlage im chinesischen Zhangjiakou. 

Herr Renn, ist der Bau einer Skisprungschanze in der chinesischen Provinz eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit?

Ein bisschen trifft das zu. Aber wie das so ist mit vielen Abenteuern, sind sie zu Beginn fürchterlich aufregend, und nach einer Weile normalisiert sich alles. Am Ende ist es eine Aufgabe, die man bewältigen muss. Zumal nicht so viele Emotionen drinstecken wie bei unserem Bau der Schanze in Oberstdorf vor einigen Jahren. Da habe ich natürlich einen ganz anderen Bezug. Und seit Pandemie-Beginn war ich sowieso nicht mehr in China vor Ort.

Was war das Knifflige am Schanzenbau zu Zhangjiakou?

In meiner Verantwortung lag die Ermittlung des Schanzenprofils und wie die Schanze in die Landschaft eingefügt wird. Da besitzt mein Büro in der 3D-Planung eine sehr gute Expertise. Des Weiteren beinhaltete die Beauftragung die Planung aller skisprungrelevanten Belange wie Infrastruktur, Konstruktion und Einhaltung der Normen. Die Topografie auf 1700 Metern Höhe war eine Herausforderung, weil der Auslauf der Schanze in einer Mulde zwischen zwei Hügeln liegt. Was mich aber viel mehr beschäftigte, war die Frage, was mit diesem Dorf geschehen sollte, das in dieser Mulde lag.

Die Optionen blieben vermutlich überschaubar.

Man sagte, dass das wegkommt. Und tatsächlich stand ein Jahr später kein Haus mehr. Die Leute sollen irgendwo anders eine Wohnung bekommen haben und dazu noch zwei Jahresgehälter. Das kann aber nicht so viel gewesen sein. Darauf ließ der Lebensstandard der Leute schließen.

Gespräche zum Bau der Schanzenanlage professionell und geheim

Sie waren an der Planung der Anlage seitens der FIS als Kommissionsdirektor und Architekt beteiligt. Wer saß ihrem Expertengremium von chinesischer Seite gegenüber?

Das waren Vertreter des Organisationskomitees BOCOG und Funktionäre der Kommunistischen Partei, sowohl von Provinzebene als auch von Bezirksebene. Außerdem der spätere Betreiber der Anlage.

Wie ist es, mit Leuten über Skisprungschanzen zu konferieren, die überhaupt keine Ahnung haben, auf was es dabei ankommt?

Der Ansatz war hochprofessionell wie bei der Vergabe der Architekturplanung, bei der ich Teil des Preisgerichts war. Jeder Teilnehmer bekam Simultanübersetzung in seine Landessprache aufs Ohr und einen persönlichen Protokollanten an die Seite. Neu für mich war allerdings, dass wir am Eingang alle unsere Handys abgeben mussten.

Wieso?

Es sollte wohl sichergestellt werden, dass die Kommunikation ausschließlich über die staatlichen Organe vonstatten geht. Wenn man das Große und Ganze sieht, kann man das vielleicht noch nachvollziehen. Die Winterspiele sind für China eine riesige Werbetrommel. Da wird anscheinend nichts dem Zufall überlassen.

War die Veranstaltung „Top Secret“ klassifiziert?

Offenbar war alles, was in dem Saal stattfand, eine Art geistiges Staatseigentum und genoss höchste Prioritätsstufe. Dazu gehörte auch, dass alle Entwürfe der Anlagen, die aus aller Welt eingebracht wurden, in chinesisches Eigentum übergegangen sind. Jeder hat seine Rechte komplett abtreten müssen. Also auch alle Architekten der abgelehnten Entwürfe. Das ist so eigentlich nicht üblich. Aber das waren die von Beginn an kommunizierten Spielregeln.

Renn: Großer Respekt für „made in Germany“

Vielleicht entsteht später anderswo in China eine weitere Skisprungschanze auf Basis dieser beschlagnahmten Entwürfe.

Das kann sein, aber Beschlagnahmung sehe ich als das falsche Wort. Alle Beteiligten waren darüber im Vorfeld informiert und wussten, worauf sie sich einlassen würden.

Fast schon Glück für Sie, dass Sie keinen eigenen Entwurf eingereicht haben.

Solch ein Projekt wäre auch für unser Büro eine Nummer zu groß gewesen. Es mag reizvoll sein, an solch einem Wettbewerb teilzunehmen. Wenn man aber erlebt, welchen Aufwand alleine die Wettbewerbsteilnehmer für deren Präsentationen betrieben haben, war es eher beruhigend, sich nicht beteiligt zu haben.

Ist denn im Laufe der Zeit tatsächlich nie etwas an die Außenwelt gedrungen?

Ist mir nicht bekannt. Dabei wurden alle Entwürfe mit den Meinungen aller Experten transparent diskutiert. Weshalb dann aber welche Entscheidungen getroffen wurden, war für mich nicht mehr nachzuvollziehen.

Haben sie ein Beispiel?

Naja, ich war der Einzige in einem Gremium von rund 25 Fachleuten, der einen Entwurf der gesamten Anlage mit einer Art Rundgang favorisiert hatte. Mir gefiel diese städtebauliche Idee, die Skisprungschanze, die Biathlon-Anlage und die Langlauf-Loipe durch eine Art Chinesischer Mauer einzukreisen und mit verschiedenen Eingangsbereichen zu versehen.

Und?

Genau dieser Entwurf wurde ausgewählt, obwohl andere Entwürfe größere Unterstützung erhielten.

Vielleicht weil man deutsche Städte in China gerne mag und Sie als Deutscher diese Beziehung repräsentiert haben.

Das mag sein. Ich habe jedenfalls den hohen Respekt der Chinesen für „Made in Germany“ wahrgenommen. Aber übrigens genauso ihre Enttäuschung über den Diesel-Skandal, der damals ans Licht gekommen war. ‚Wir hätten nie gedacht, dass die Deutschen betrügen würden‘, hat man mir häufiger und unaufgefordert gesagt. Ich glaube nicht, dass alle betroffenen Manager bis heute wissen, was sie für einen Imageschaden angerichtet haben.

Prost beim Gesprächsabschluss

Schanzen-Mitarbeiter bearbeiten den Hang unterhalb der neuen Olympias-Skisprungschanze in Zhangjiakou bei Peking
Die neue Olympia-Skisprungschanze in Zhangjiakou bei Peking © Wang Song/Imago/Xinhua

China steht in der Kritik, unter anderem für die Behandlung der Uiguren in Xinjiang. Gab es Momente, in denen Sie ein mulmiges Gefühl bekamen, dass Sie der chinesischer Regierung helfen, eines der Olympia-Momumente zu errichten?

Die Frage hat sich mir natürlich gestellt. Aber ich war letztlich auch nur ein Rad im Getriebe. Hätte ich es nicht gemacht, wäre es jemand anderes gewesen. Ich bin nicht für die Rahmenbedingungen verantwortlich. Es geht ja auch nicht darum, sich daran zu bereichern, sondern dass dort der Sport vernünftig abgewickelt werden kann. Die Gedanken, die ich mir gemacht habe, als ich zum ersten Mal chinesischen Boden betreten habe, waren eher anderer Natur. Da sind mir all die Kameras und die tausenden Polizisten aufgefallen. Da habe ich schon darüber nachgedacht, was passiert, wenn man aus dem Land nicht mehr rauskommt.

Das IOC bejubelt die Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele. Wie steht es um die Nachhaltigkeit der Schanzenanlage?

Zumindest standen auf dem Weg von Peking nach Zhangjiakou überall Windräder, darüber war ich überrascht. Was den Bau der Anlage angeht, sind mir besonders nachhaltige Elemente nicht bekannt. Möglich, dass die Skisprungarena auch für andere Sportarten genutzt werden soll. Im Auslaufbereich ist ein Fußballfeld entstanden. Ich denke, dass man die Nachhaltigkeit nicht daran messen sollte, ob künftig Skispringen stattfindet, sondern ob die vielen touristischen Investitionen rund um die Sportstätten angenommen werden. Die Schanze ist eine richtige Sehenswürdigkeit geworden. Von der Restaurant-Plattform können die Leute dann bestaunen, was in ihrem Land jetzt für Sportarten möglich sind.

Mussten Sie mit den Kadern die erfolgreiche Sondierung der Entwürfe in chinesischer Tradition auch kräftig begießen?

Oh ja. Irgendwann wurde nicht mehr aus Gläsern getrunken, sondern direkt aus den Karaffen. Ich saß gleich neben dem späteren Betreiber, ein massiver Typ mit mongolischen Wurzeln. Zum Glück war ich auf so ein Gelage geistig vorbereitet. Ich habe zwischen dem Zuprosten alles an Wasser und Suppe in mich hineingeschüttet, was zur Verfügung stand. Am nächsten Tag war ich sein gefeierter Held. Andere aus der Delegation hatte es dagegen schwer erwischt.

Welcome to China.

Ist eben die dortige Kultur. Beim Oktoberfest trinken die Geschäftspartner auch krügeweise Bier und tanzen später auf den Tischen.

Das Interview führte Marcel Grzanna.

Marcel Grzanna arbeitet als freier Journalist in Köln und seit Januar 2021 als Autor für China.Table. Zuvor berichtete er neun Jahre aus China für die Süddeutsche Zeitung und andere Medien. Grzannas Buch „Eine Gesellschaft in Unfreiheit“ gibt Einblick in die Arbeit ausländischer Journalisten im größten Überwachungsstaat der Welt. China ist auch das Thema seines Podcasts „Poking with Chopsticks“ (Spotify/Anchor).

Dieses Interview erschien am 2. Februar 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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