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„Wenn ich aus dem Training rausgehe, tut mir alles von der Haarspitze bis zum kleinen Zeh weh“, sagt Carolin Schäfer.

Siebenkampf

Carolin Schäfer: Das Ziel ist eine Olympische Medaille

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Siebenkämpferin Carolin Schäfer hat sich von ihrem Trainer getrennt und trainiert jetzt mit Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul. Im Interview erzählt sie auch von ihren Zielen für Olympia 2020.

Frau Schäfer, wann ist bei Ihnen die Entscheidung gereift, sich von Ihrem langjährigen Trainer Jürgen Sammert zu trennen?
Das war ein Prozess. Wir haben acht intensive Jahre zusammengearbeitet, er hat mich in die Weltspitze geführt, er hat mich zu der Athletin gemacht, die ich heute bin. Auch wenn es nicht einfach war, glaube ich, dass es für mich die absolut richtige Entscheidung war. Ich brauchte einen neuen Impuls, ein neues Trainingsumfeld, neue Trainer, um einen neuen Blickwinkel auf mich zu kriegen, um noch mal alles aus meiner Karriere auszuschöpfen.

Wie und wann war das Gespräch mit Jürgen Sammert?
Das war kurz bevor ich mich dazu entschieden habe, die WM wegen meiner Kniebeschwerden abzusagen. Das war für mich der Anlass, die Saison Revue passieren zu lassen und mir Gedanken zu machen, wie mein Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio aussehen soll. Mitte September haben wir uns hingesetzt und gemerkt, es passt nicht mehr zusammen. Wir haben verschiedene Erwartungen und Vorstellungen. Wir haben fair und offen miteinander gesprochen und einen Schlussstrich gezogen.

Carolin Schäfer trainiert mit Niklas Kaul – Training in Mainz

Wann war klar, dass Sie mit Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul und seinen Eltern Stephanie und Michael trainieren wollen?
Das war mein Erstwunsch. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und proaktiv das Gespräch mit den Eltern von Niklas gesucht. Ich war von Anfang an der Meinung, dass ihre Trainingsphilosophie zu mir passen und neue Impulse bringen könnte. Ihre Arbeit mit Niklas hat mir gezeigt, dass sie die Kompetenz und das nötige Fingerspitzengefühl für ihre Athleten haben. Da ich mich im Rhein-Main-Gebiet wohlfühle, war es für mich obendrein ein Bonus, in meiner gewohnten Umgebung bleiben zu können. Ich wohne weiter in Frankfurt und pendele nach Mainz.

Seit wann trainieren Sie jetzt in Mainz und wie läuft es?
Ich bin in der dritten Woche dort. Die erste Zeit war für mich und die Kauls eine absolute Kennenlernphase. Wir kannten uns bislang nur vom Sehen her, weil Niklas deutlich jünger ist. Auf den Wettkämpfen hatten wir früher nie Berührungspunkte. Für mich war es ganz aufregend, in eine neue Gruppe reinzukommen, die gefestigt ist und harmoniert. Ich habe mich ein Stück weit gefühlt wie am ersten Schultag. Mögen sie mich? Fühlen wir uns alle wohl? Harmoniert das? Es war relativ schnell klar, dass die Probewoche, wie wir es intern genannt haben, nicht mehr zur Debatte stand. Wir haben uns alle wohlgefühlt.

Carolin Schäfer in neuer Trainingsgruppe: "Das ist eine körperliche Belastung, die ich nicht kenne"

Wie groß ist die Trainingsgruppe?
Wir sind sechs Athleten. Ab und zu kommt ein junger Sportler zweimal die Woche dazu.

Inwiefern unterscheidet sich das Training zu früher?
Ich muss deutlich mehr laufen (lacht). Es ist das Training eines 400-Meter-Läufers. Es geht sehr viel über die Substanz. Ich verbrauche wesentlich mehr Kalorien am Tag, weil ich viel mehr Tempoläufe habe und wir viel im Konditions- und Ausdauerbereich machen. Für mich gibt es keine Teilbelastung mehr, sondern wir machen das ganzheitlich. Wenn ich aus dem Training rausgehe, tut mir alles von der Haarspitze bis zum kleinen Zeh weh. Das ist eine körperliche Belastung, die ich nicht kenne.

Was genau machen Sie?
Es steht viel Athletiktraining auf dem Programm, viel Stabilisation und Zirkeltraining, wo ich schnell an meine Grenzen gekommen bin. Da merkt man seine Schwachstellen und wo noch Reserven liegen. Es ist unglaublich spannend zu sehen, dass ich, obwohl ich eine gestandene und reife Athletin bin, noch sehr viele Baustellen habe, an denen ich zu arbeiten habe. Das Training ist sehr detailliert und technikbasiert. Das ist das, was ich mir gewünscht habe. Auch in den Disziplinen, in denen ich bislang schon stark war, weiteren Input zu kriegen und eine Herangehensweise auszuprobieren. Das macht richtig Spaß.

Carolin Schäfer arbeitet auf die Olympischen Spiele 2020 hin 

Schmerzt eigentlich noch die verpasste WM?
Nein, gar nicht. Es war schwierig die Entscheidung zu treffen, weil ich solch eine vorher nie treffen musste, aber als ich sie dann getroffen hatte, war es okay für mich. Ich habe mir auch zwei Tage Siebenkampf im Fernsehen angeschaut. Das war natürlich keine Rolle, die mir gefallen hat, aber im Hinblick auf die Olympischen Spiele war es die richtige Entscheidung.

Werden Sie eine Hallensaison machen?
Nein. Es wird alles auf das Fernziel Olympia ausgerichtet. Die Qualifikation habe ich ja schon. Für mich ist jetzt wichtiger, dass ich mich in meinem neuen Umfeld zurechtfinde. Ich habe im März zwei Wochen Trainingslager in Südafrika und bin im April zwei Wochen in Belek in der Türkei. Ob ich die Mehrkampfmeetings in Götzis und/oder Ratingen mache, damit haben wir uns noch nicht auseinandergesetzt. Sicherlich sind es auch die Fragen, zu welchem Zeitpunkt ich fit bin und ob ich mich bereit fühle.

Carolin Schäfer will bei den Olympischen Spielen 2020 bei der Medaillenvergabe mitreden

Welche Ziele haben Sie im Olympiajahr 2020 und darüber hinaus?
Natürlich strebt man als Mehrkämpferin die maximale Punktzahl an. Am Ende meiner Karriere sollen es nicht die aktuellen 6836 sein. Ich weiß auch, dass es eine Marke ist, die man nicht so einfach brechen kann. Gewisse Schallmauern innerhalb der Disziplinen sind für mich sicherlich ein Anreiz. Ich will bei den Olympischen Spielen bei der Medaillenvergabe mitreden, dafür habe ich jetzt jahrelang hingearbeitet. Ich bin absolut heiß drauf und will super gut performen. Es ist aber nach einem Wechsel des Umfelds kein Selbstläufer. Wenn es nach dem ersten Jahr noch nicht so sein sollte, bleiben uns noch ein paar Jährchen übrig.

Interview: Timur Tinç

Zur Person: Das ist Carolin Schäfer

Carolin Schäfer gehört seit 2016 zur absoluten Weltspitze der Siebenkämpferinnen. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro wurde sie Fünfte. Die 27-jährige Athletin der LG Eintracht Frankfurt wurde ein Jahr später in London Vize-Weltmeisterin. 2018 gewann sie bei der EM in Berlin Bronze. Die diesjährige WM in Katar musste sie wegen Kniebeschwerden absagen.

Die persönliche Bestleistung der gebürtigen Bad Wildungerin liegt bei 6838 Punkten, aufgestellt in Götzis in Österreich. Schäfer ist seit Januar 2016 Polizeikommissarin und gehört der Sportfördergruppe der hessischen Polizei an. 

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