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Der klare Chef im Ring: Nigel Owens im Finale der Rugby-WM im vergangenen Oktober zwischen England (in weiß) und Neuseeland.

Schiedsrichter

Auf Abstand!

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Ist der Umgang der Fußballer mit den Schiedsrichtern zu respektlos? Zeigen sich andere Sportarten wie Rugby von einer besseren Seite im zwischenmenschlichen Umgang?

Dem Fußball flog es vor einigen Tagen wieder um die Ohren: Warum seid ihr so?

So wie in Leipzig, wo sich der Mönchengladbacher Stürmer Alassane Plea über eine Entscheidung von Schiedsrichter Tobias Stieler derart ereiferte, dass er sich quasi vom Platz reklamierte mit seinen abfälligen Gesten. Auch auf anderen Plätzen und am folgenden Spieltag im DFB-Pokal: Immer wieder Rudelbildung zwischen den Mannschaften um den Referee herum, Bedrängen, zu Leibe rücken.

Dabei hatte der DFB noch in der Winterpause eine verschärfte Regelauslegung angeordnet. Beifälliges Nicken allerseits – weil doch der Profi – Vorbild für den Amateurfußball sein soll, der zuletzt etwas aus den Fugen geraten war. Doch als dann tatsächlich durchgegriffen wurde, schwenkten die Befürworter einer strengeren Linie wieder um. Sie forderten: „Mehr Fingerspitzengefühl. Auf Emotionen der Spieler Rücksicht nehmen.“

Diskussionen, die selbst unter Fußballanhängern ein Kopfschütteln auslösten. Und die Diskussion in Gang brachten: Warum nur kriegen es andere Sportarten hin, dass auf dem Platz ein zivilisierter Umgangston herrscht? Warum wird im Handball, Hockey und Rugby klaglos hingenommen, was der Schiedsrichter entscheidet, warum kennt man sogar aus dem schnellen, emotionalen und hochphysischen Eishockey nicht solche jagdartigen Szenen auf die Unparteiischen?

Anruf bei Ralf Tietge. Er ist ehrenamtlicher Vorsitzender der SDRV, der Schiedsrichtervereinigung des Deutschen Rugby-Verbandes. Er lacht wissend, nachdem man sich vorgestellt hat, er wird gerade öfter angerufen in dieser Sache. „Es geht sicher um diese Gelb-Rote Karte im Fußball. Für mich eine korrekte Entscheidung“, sagt Tietge, der selbst internationaler Rugby-Schiedsrichter war. Er macht sich viele Gedanken, wie zwei Sportarten, die einen vergleichbaren Ursprung haben – „Beide stammen aus den englischen Eliteschulen“ – sich so unterschiedlich entwickeln konnten. Er glaubt, es hat mit dem großen Geld zu tun, das in den Fußball gekommen ist. Es hat vieles verändert: die Akteure, auch die Zuschauer. „Ich habe neulich erst wieder Bilder gesehen aus den 50er- und 60er-Jahren. Vom Derby zwischen Dortmund und Schalke. Die Fans saßen zwei Meter vom Spielfeldrand entfernt, bunt gemischt.“ Es gab keine Ausschreitungen, getrennte Blöcke waren nicht nötig. Im Rugby sei das noch immer so. „Obwohl da zumindest in England das gleiche Publikum hingeht wie zum Fußball.“ Der Antrieb sei ein anderer: „Beim Rugby will man Spaß haben.“

Gut verdient wird auch im Kampf um das Ei, das räumt Ralf Tietge ein. International sei Rugby ja ziemlich groß. In Deutschland freilich Randsportart, und als solche falle es leicht, so unverderbt zu bleiben, wie man ist. Trotzdem: Man muss ja auch erst so werden, wie Rugbyspieler sind.

Sie werden anders ausgebildet, erzogen. Das Wort, das über allem schwebt, ist Respekt. Tietge: „Respekt vor dem Mitspieler, egal wie gut der ist oder wie er aussieht. Respekt vor dem Gegenspieler. Liegt er Boden, muss ich nicht mehr hin. Respekt vor dem Schiedsrichter.“

Tietge stellt klar: „Rugby hat nicht das Monopol auf Fairplay.“ Ihm hat auch gefallen, wie jüngst bei der Handball-EM die Spieler nach gegen sie gefallenen Entscheidungen ohne Widerrede den Ball auf den Boden legten und dem Gegner überließen. Rugby sei nicht die Insel der Glückseligen, auch sein Sport habe Zeiten erlebt, in denen der Anstand in den Hintergrund zu treten drohten. Bis dahin waren „unsere Werte in einem schönen Rahmen festgehalten, der im Vereinsheim oder beim Weltverband an der Wand hing“. Ums Jahr 2000 herum entschloss man sich, sie auch ins Regelwerk aufzunehmen. Dass das auch hohe Strafen vorsieht, mit mehrjährigen Sperren, „dient sicher auch der Abschreckung“. Das Prinzip funktioniert.

Müssen ständig um ihre Autorität kämpfen: Schiedsrichter wie Tobias Stieler (r.) in der Bundesliga.

Man kann sich im Internet Zusammenschnitte ansehen, wie Schiedsrichter mit den Spielern kommunizieren. Ja, es gibt Spiele, die sich in eine ungute Richtung entwickeln, und Spieler, die ausfällig werden. „Was Sie gerade gesagt haben, kann ich nicht akzeptieren“, sagt der Schiedsrichter dann, zückt die Karte und setzt noch nach: „Verlassen Sie das Spielfeld.“

Der deutsche Schiedsrichter-Chef Tietge erzählt vom vergangenen Wochenende, Spiel England – Frankreich beim Six Nations-Turnier. Da befahl der Referee plötzlich die beiden Kapitäne zu sich und sagte in einer prägnanten 30-Sekunden-Ansprache: „Es gefällt mir nicht, was ich sehe. Ihr habt zwei Minuten Zeit, das euren Teams zu erklären.“ – „Ja, Sir.“ Und so fand die Partie wieder in die Bahn. Videos von solchen Zurechtweisungen sind immer amüsant, weil die Rugby-Spieler massig und wild aussehen und ihr Sport sichtbarere Spuren hinterlässt. So ergibt sich ein Kontrast, wenn sie gehorsam und verständig dem in der Regel schmächtigeren Spielleiter lauschen.

Ihn anzugreifen ist im Grunde undenkbar. Doch auch das ist schon vorgekommen. Tietge: „Wir hatten den Fall in den 80er-Jahren. Der Spieler wurde lebenslang gesperrt. Er war der Beste, den wir damals in Deutschland hatten.“ Aber der Mann war Wiederholungstäter. Nicht nur einmal hatte er den Schiedsrichter angegriffen. „Doch der Fall zeigt: Auch die sportliche Klasse schützt nicht vor Strafe.“ Die Werte sind wichtiger.

Mit einem speziellen Fall muss sich gerade die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) befassen. Da geschah Folgendes: Der Mannheimer Thomas Larkin ärgerte sich beim Spiel in Bremerhaven über eine Abseitsentscheidung und drosch nach dem Pfiff den Puck weg und traf den sieben, acht Meter entfernt stehenden Schiedsrichter Martin Rohatsch ins Gesicht. Wohl mehr Missgeschick (darauf ließ Larkins Gestik schließen) als Absicht – aber auf alle Fälle das Ergebnis eines Moments der Unbeherrschtheit. Das Strafmaß sieht für einen Angriff auf einen Offiziellen acht bis 32 Spiele Sperre vor – die DEL blieb mit neun Spielen am unteren Rand des Spektrums. Das Strafmaß ist aber ein weit höheres als etwa bei schweren Fouls.

Das Eishockey punktet gegenüber dem Fußball vor allem in der Akzeptanz von Entscheidungen durch die Unparteiischen. Zum Referee fahren nur die Kapitäne, beraten sich die Schiedsrichter, stehen die Spieler an der Bande, und ist eine Entscheidung gefallen, wird sie hingenommen. „Wir wollen keine Talkshow auf dem Eis“, erklärt Schiedsrichter-Chef Lars Brüggemann.

Wird es der Fußball hinbekommen, seine Standards zu verändern? Rugby-Mann Tietge glaubt es nicht, wenn er sieht, „was Messi und Ronaldo sich gegenüber dem Schiedsrichter oft herausnehmen“. Und für die Bundesliga prognostiziert er, „dass der Herr Stieler da so schnell nicht mehr eingesetzt wird“. Damit liegt er falsch. Tobias Stieler wird am Samstag (15.30 Uhr) die Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und Fortuna Düsseldorf leiten.

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