1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Vom Bruchpiloten zum Weltmeister

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jörg Hanau

Kommentare

Tränen des Glücks: Cadel Evans, Straßenrad-Weltmeister.
Tränen des Glücks: Cadel Evans, Straßenrad-Weltmeister. © dpa

Der Australier Cadel Evans straft seine Kritiker Lügen und krönt seine Karriere mit dem ersten großen Titel. Von Jörg Hanau

Er küsste ihn. Einmal, zweimal, dreimal - immer wieder busselte Cadel Evans kurz nach der Zieleinfahrt den um seinen Hals baumelnden Ehering. Keine Jubelarien, keine Siegesgeschrei. Still und leise, vor allem aber erschöpft hockte der Australier Sekunden nach seinem WM-Triumph in Mendrisio auf dem Rad und dachte einzig an seine italienische Frau Chiara. Ein Gemisch aus Schweiß und Tränen tränkte das Gesicht des 32 Jahre alten Radprofis, der Zeit seiner Karriere so gar nicht in das Bild eines Siegfahrers passen wollte.

Der "ewige Zweite" wurde er genannt, "der neue Poulidor" geschmäht. Der legendäre Franzose belegte bei der Tour de France dreimal Platz zwei und wurde fünfmal Dritter - gewonnen hat er die bedeutendste Radrundfahrt ebenso wie Evans (Zweiter 2007 und 2008) aber nie. "So oft Zweiter zu werden, kann sehr demoralisierend sein", gestand Evans nachdem er ins Regenbogentrikot des Weltmeisters geschlüpft war: "Schließlich hat man genauso viel Mühe investiert wie der Sieger."

Am Sonntag nun hat Evans das Image des artigen Verlierers, der nur zögere aber nie attackiere, in seiner Schweizer Wahlheimat abgelegt. "Ich habe im allerletzten Moment angegriffen, habe meinen Kopf, meine Beine und meine Erfahrung eingesetzt", erzählte der stolze Evans, dessen entscheidende Tempoverschärfung in der Schlussrunde niemand aus der zehnköpfigen Spitzengruppe mitgehen konnte. Genugtuung lag in seiner Stimme, die mitunter so weinerlich klingt.

Die Demütigungen der zurückliegenden Saison waren in der Stunde seines größten Erfolges keinesfalls vergessen. Bei der Tour de France war er als Mitfavorit an den Start gegangen und endete nach seinem Einbruch in den Alpen abgeschlagen als 30. im Niemandsland des Klassements. "Jahrelang wurde mir erzählt, ich könne keine großen Rennen gewinnen, mein Job sei es, Rundfahrten zu gewinnen. Aber heute bin ich einfach rausgegangen und habe die Weltmeisterschaft gewonnen", sagte Evans und "kann es selbst noch nicht glauben".

"Ich bin ein Turbo-Diesel"

Der Kapitän der belgischen Equipe Silence-Lotto war in jungen Jahren ein erstklassiger Mountainbiker, gewann 1999 und 2000 den Moutainbike-Weltcup. 2001 wechselte der in Katherine im Northern Territory im australischen Outback geborene Eigenbrötler auf die Straße und erwarb sich während seiner Zeit beim Team Telekom den zweifelhaften Ruf eines Bruchpiloten. 2003 brach er sich gleich dreimal das Schlüsselbein. Sein damaliger Teamchef Walter Godefroot brandmarkte ihn daraufhin als zu großes Sicherheitsrisiko und strich ihn 2004 aus dem Tour-Kader. Ein herber Schlag für den aufstrebenden Australier, der schon damals als potenzieller Tour-Sieger gehandelt worden war.

2010 wird er einen erneuten Anlauf unternehemn, um die Tour durch Frankreich zu gewinnen. Seine Fahrweise wird er deshalb aber vermutlich nicht verändern. "Es heißt, Menschen aus dem Outback hätten einen standhaften Charakter. In meinem Fall stimmt das", sagte Evans einmal dem Fachmagazin Procycling. Sein italienischer Trainer Aldo Sassi verpasste ihm den Spitznamen "Diesel". Extrem zuverlässig, aber gering in der Beschleunigung. Eine Beschreibung, die Evans so nicht stehen lassen mochte: "Ich bin ein Turbo-Diesel." In Mendrisio hat er ihn erstmals zugeschaltet.

Auch interessant

Kommentare