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"Bruchhagen macht das clever"

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"Die Bayern haben nicht deshalb bessere finanzielle Möglichkeiten, weil sie neue Einnahmequellen erschließen, sondern weil sie in den vergangenen 25 Jahren 26 Titel gewonnen haben - wir dagegen nur einen einzigen." Bernd Hoffmann
"Die Bayern haben nicht deshalb bessere finanzielle Möglichkeiten, weil sie neue Einnahmequellen erschließen, sondern weil sie in den vergangenen 25 Jahren 26 Titel gewonnen haben - wir dagegen nur einen einzigen." Bernd Hoffmann © dpa

"Heribert Bruchhagen macht das ganz clever, indem er das Image des Robin Hood der Bundesliga pflegt", sagt HSV-Boss Bernd Hoffmann vor dem Bundesligaspiel der Hamburger gegen Eintracht Frankfurt im FR-Interview.

Herr Hoffmann, wie weit ist der HSV weg von Ihrem 2005 postulierten Ziel, bis 2010 unter die Top 20 Europas zu kommen?

Moment, ich habe nicht von 2010 gesprochen, sondern von 2011. Nicht, dass Sie mir hier ein Jahr klauen. Das brauchen wir nämlich noch.

Okay, Herr Hoffmann, das Jahr schenken wir Ihnen hiermit. Wird trotzdem knapp, oder?

Natürlich müssen wir dafür hart arbeiten. Aber sehen Sie: Als ich das Ziel formuliert habe, standen wir auf Platz 97 der Uefa-Rangliste. Inzwischen befinden wir uns auf Rang 44. Der nächste Schritt wird aber sicher nicht einfacher.

Nach den Bayern mit rund 225 Millionen Euro und Schalke 04, das 155 Millionen Euro Umsatz fürs abgelaufene Geschäftsjahr vermeldet, sind Sie die Nummer drei in Deutschland. Welche Ziele verfolgen sie in dieser Hinsicht?

Finanziell befinden wir uns bereits seit geraumer Zeit unter den Top 20 Europas. Das zeigt, dass ein wirtschaftliches Potenzial da ist, das sich irgendwann auch in sportlichem Erfolg niederschlagen muss.

Der Schalker Klubchef Josef Schnusenberg kündigte an, im Jahr 2015, nachdem das Darlehen der Schalker Arena vollständig getilgt ist, würde Schalke 04 einer der reichsten Vereine der Welt. Können Sie das für den HSV auch versprechen?

Unsere hanseatische Zurückhaltung zwingt uns, nicht vom Baden im Geld zu sprechen, sondern von wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Tatsächlich ist es aber auch bei uns so, dass wir 2017, wenn das Stadion abbezahlt ist, viel größeren Spielraum haben werden als zur Zeit.

Sie können dagegen schon 2017 aus dem Vollen schöpfen?

Das ist jedenfalls ein wertvoller Mosaikstein. Im Moment ist es so, dass die jährliche Belastung für unser eigenes Stadion, etwa 20 bis 25 Millionen Euro, die Geschwindigkeit des schweren Tankers Hamburger SV drosselt. Das ist Geld, das uns im sportlichen Bereich natürlich fehlt.

Wo kann denn der HSV seine Einnahmen noch substanziell steigern, um auf Sicht mit den Bayern mitzuhalten?

Substanziell wird uns das nur gelingen, wenn wir kontinuierlichen sportlichen Erfolg vorweisen können. Die Bayern haben nicht deshalb bessere finanzielle Möglichkeiten, weil sie neue Einnahmequellen erschließen, sondern weil sie in den vergangenen 25 Jahren 26 Titel gewonnen haben - wir dagegen nur einen einzigen (DFB-Pokalsieger 1987, die Red.). Die Bayern haben allein aus der Champions League in den vergangenen zehn Jahren rund 200 Millionen Euro eingenommen. Dadurch können sie ihren Sponsoren eine internationale Planungssicherheit anbieten. Diesen Nachweis müssen wir noch erbringen.

Sehen Sie sich auch gut aufgestellt, was die Unternehmensform angeht?

Ein klares Nein. Ein Unternehmen mit einem Umsatz von nahezu 150 Millionen Euro ist auf der Basis einer Vereinssatzung nicht optimal zu führen. Von daher wird dieses Thema wieder auf die Tagesordnung kommen.

Sie sind mit diesem Ansinnen bald nach Beginn Ihrer Amtszeit bereits einmal gegen die Traditionalisten gescheitert. Ist der Klub jetzt reif für eine Umwandlung der Profiabteilung?

Das kann ich nicht abschließend beurteilen. Fest steht jedoch, dass wir eine andere Rechtsform benötigen, um dauerhaft unsere Ziele erreichen zu können. Ich bin hoffnungsfroh, dass wir eine solche Diskussion heute emotionsfreier führen können als dies vor zwei, drei Jahren noch der Fall war.

Was halten Sie davon, die 50 plus eins Regel, die die Übernahme von deutschen Lizenzklubs durch Investoren verhindern soll, zu kippen?

Diese Diskussion können Herr Bruchhagen und Herr Kind (Vorstandschefs von Eintracht Frankfurt und Hannover 96, die Red.) erst einmal führen. Da halte ich mich gerne raus.

Herr Hoffmann, Eintracht Frankfurt geht einen, sagen wir: langsameren Weg als der HSV. Wird bei der Eintracht zu konservativ gedacht und gehandelt?

Heribert Bruchhagen macht das ganz clever, indem er das Image des Robin Hood der Bundesliga pflegt. Aber ich bin sicher, auch er will ganz gerne mal einen Pokal oder eine Schüssel auf dem Römerbalkon präsentieren.

Er wiederholt sehr gerne seine These, die Plätze in der Bundesliga seien zementiert. Vorne fünf, sechs Branchenführer inklusive dem HSV, dahinter fünf, sechs Klubs wie die Eintracht, die aber meilenweit von denen da oben weg seien. Hat er Recht?

Natürlich nicht und das weiß er auch. Städte wie Frankfurt, Hamburg oder Köln haben das Potenzial, sich Stück für Stück an die Spitze heranzuarbeiten. Das haben wir ja deutlich gezeigt. Der HSV war vor fünf Jahren wirklich graues Mittelmaß und gilt nun zumindest als Teil des Establishments des oberen Drittels der Liga.

Sie haben zwischendurch aber auch eine Achterbahnfahrt erlebt, unter Thomas Doll ging es von Rang 18 auf Rang 3 und zurück auf den 18. Platz...

... das war keine Achterbahnfahrt, sondern ein halbjähriger sportlicher Aussetzer. Wir haben in den letzten sechs Halbserien jeweils 30 plus x Punkte gemacht. In der ersten Halbserie 06/07 nur 13 Punkte. Das war eine sportliche Katastrophe und es schien, als sei alles Böse der Welt über uns hereingebrochen. Dennoch hat diese Phase unser organisches wirtschaftliches Wachstum und auch unsere sportliche Entwicklung nicht nachhaltig beeinträchtigt.

Haben Sie aus dieser schwierigen Zeit etwas für ihr künftiges Handeln gelernt oder geht das im Fußball mit seinen Unwägbarkeiten nicht?

Das geht im Fußball ganz genauso wie im übrigen Wirtschaftsleben. Wir sollten nicht so tun, als sei die Profifußballbranche derart wirklichkeitssfern, als dass man aus Fehlentwicklungen nichts lernen könnte. Wir sind ein junges Vorstandsteam. Ich denke, dass wir mit einigen Herausforderungen künftig besser umgehen können, inklusive der Belastungen einer Champions League-Qualifikation nach einer Weltmeisterschaft, noch dazu mit einem relativ unerfahrenen Trainer und dem Austausch von Schlüsselspielern. Da hat zu viel auf das Gesamtgebilde gewirkt.

Können Sie inzwischen mit einer ähnlichen Situation wahrscheinlich gelassener umgehen?

Klar. Der Aufgeregtheitsgrad nach einer Niederlage oder einer unerwünschten Schlagzeile ist deutlich geringer als vor anderthalb Jahren

Also von wegen: Pest an den Füßen, alles nicht erklärbar.

Das ist natürlich Unsinn. Auch ein Lattenschuss in der 89. Minute ist vom Grundsatz her kein Zufall. Pech kann man sich genauso erarbeiten wie Glück.

Derzeit erarbeitet sich der HSV sehr viel Glück. Wäre nun alles andere als der von Ihnen erwartete eine von derzeit noch drei möglichen Titeln eine Enttäuschung?

Ich habe keinen Titel gefordert, sondern nur meinem Wunsch Ausdruck verliehen. Zumal es ein würdiger und verdienter Abschied wäre für unseren Trainer, der dem Verein enorm viel gegeben hat.

Sie haben in der Champions League in der vorherigen Saison rund 30 Millionen Euro verdient. Was bleibt im Uefa-Cup übrig, wo Sie nächste Woche auf Bayer Leverkusen treffen?

Es ist ein Bruchteil dieser Summe. Unterm Strich in jeder Runde gerade mal ein kleinerer siebenstelliger Betrag. Zum Vergleich: Im DFB-Pokal bekommt ein Verein im Fall einer Liveübertragung das Dreifache dessen, was er im Uefa-Cup-Viertelfinale erlösen kann.

Die Uefa will in der kommenden Saison vom ersten Spiel an zentral selbst die Vermarktung übernehmen. Ärgert Sie das?

Für einen deutschen Teilnehmer verschlechtern sich die wirtschaftlichen Aussichten. Das muss dringend besprochen werden. Es kann nicht angehen, dass eine Champions League-Teilnahme sich wie ein Jackpot anfühlt und für den Uefa-Cup nur noch ein paar Brosamen übrig bleiben.

Bayernboss Karl-Heinz Rummenigge hat für den deutschen TV-Markt mal wieder mit dem Ausstieg aus der Zentralvermarktung gedroht. Was sagen Sie dazu?

Weder möchte ich mich einer so unpopulären Forderung anschließen, die ich auch inhaltlich nicht teile, noch habe ich großes Verständnis für die Sozialismus-Reflexe, die dann regelmäßig von anderer Seite kommen. Zumal ich den Optimismus nicht teile, dass wir über 500 Millionen Euro unter uns verteilen können. Mehr als 460 Millionen wird es auch ab 2009 nicht geben.

Die Verantwortlichen in der Deutschen Fußball Liga haben sich geärgert, weil Sie sich gemeinsam mit Rummenigge öffentlich für eine Zukunft der Sportschau stark machten. So wird die Verhandlungsposition natürlich geschwächt. Warum haben Sie das getan? Ist der Druck der Sponsoren so groß oder noch immer Ihr Ärger über den neuen Kirch-Vertrag?

Weder noch. Meine Aussage ist lediglich ein Ergebnis des Deals, den die Liga abgeschlossen hat. Mehreinnahmen, das ist ja inzwischen bekannt, kommen kaum den Klubs zugute, sondern nahezu allein dem Vertragspartner Sirius. Demnach bleiben von beispielsweise 190 Millionen Euro Ertrag über den diversen Veröffentlichen zufolge vertraglich als Fixsumme ausgehandelten 460 Millionen Euro nur elf Millionen Euro bei der Liga. Da kann sich jeder ausrechnen, was auf jeden einzelnen Klub entfällt. Dafür wird kein Mensch die Sportschau abschießen wollen. Es müsste schon unglaublich hoch bezahlt werden, ehe man eine solch fantastische Promotionplattform im Free-TV abschafft. Deshalb verstehe ich auch die Diskussion um Salami-Spieltage mit Rücksicht aufs Pay-TV überhaupt nicht. Die ist völlig überflüssig.

Interview: Jan Christian Müller

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