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Severin Freund bei der 64. Auflage der Vierschanzentournee 2016.
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Severin Freund bei der 64. Auflage der Vierschanzentournee 2016.

Vierschanzentournee

"Du brauchst Form und Glück"

  • VonStephan Klemm
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Ex-Weltmeister Severin Freund über die Erfolgsaussichten von Richard Freitag und Andreas Wellinger, seinen zweiten Kreuzbandriss und die Tücken der Vierschanzentournee.

Herr Freund, Sie kurieren gerade Ihren zweiten Kreuzbandriss in Folge aus. Wie geht es Ihnen zurzeit?
Mir geht es sehr gut. Mir ist natürlich bewusst, dass die Rehabilitation nach dem zweiten Kreuzbandriss nicht schneller verläuft als bei ersten Mal, auch wenn ich da jetzt Erfahrung habe. Aber es geht vorwärts, das spüre ich schon. Das ist gut für die Motivation.

Zuletzt haben Sie bei Facebook ein Video gepostet, das Sie auf Langlaufskiern zeigt. Eine Knieverletzung hat man Ihnen da gar nicht angemerkt.
Schmerzen habe ich ja auch keine im Knie. Du spürst aber, dass noch nicht alles funktioniert, und dass ich alles langsam aufbauen muss. Aber der Ausflug in den Schnee hat mal richtig gut getan und hellt die Stimmung auf. Immer nur Reha in der Halle – das ist schon anstrengend. 

Dieser Winter ist nach dem kurzen Einstieg in der vergangenen Saison im Grunde schon der zweite, den Sie als Skispringer verpassen. Wie verarbeiten Sie das?
Es war relativ schnell klar, dass die ganze Saison Geschichte ist. Wenn das so ist, kann ich den Neueinstieg ganz gut planen. Ich weiß nicht, ob es besser wäre, wenn man sagen könnte, eventuell klappt es noch in dieser Saison – kann gut sein, dass die Ausgangslage dann nicht so gut ist, weil da Stress aufkommt. Für mich ist es deshalb gar nicht so blöd, dass ich eine komplette Pause drin habe und erst in der nächsten Saison wieder eingreife. Ich arbeite sehr zielstrebig an meinem Comeback. Ich muss es jetzt einfach gut vorbereiten, planen und angehen. 

Der erste Kreuzbandriss ist Ihnen im Januar 2017 nach der Landung beim Sprungtraining in Oberstdorf passiert. Wie haben Sie das verarbeitet?
Ich bin ja zuvor wegen einer Grippe aus der Vierschanzentournee ausgestiegen und merkte so langsam, dass es wieder besser wird, körperlich und von den Sprüngen her. Dann der Kreuzbandriss. Das war meine erste Knieverletzung. Aber ich hatte bei der Reha ein gutes Gefühl, das hatte ich auch, als ich wieder auf die Schanze gegangen bin. Du hast aber nie eine hundertprozentige Sicherheit, dass dein Körper, in diesem Fall das Knie, hält. Nicht, wenn du gesund bist, auch nicht, wenn du nach einer Verletzung zurückkommst.

Der zweite Kreuzbandriss passierte dann im Juli 2017 nach einem Sprung beim Sprungtraining in …
… Oberstdorf schon wieder. Diesmal auf Matten. Es war der erste Sprung, bei dem wirklich mal ein bisschen mehr zusammengepasst hatte. Er ging weit, bei der Landung war das Kreuzband wieder gerissen. In der Simulation der Landung kann man viel testen, aber nicht einen reellen Aufsprung. Wir hatten gedacht, dass alles stabil genug ist.

Wird der erste Sprung nach der Reha auch wieder in Oberstdorf stattfinden?
Ich habe dort auch schöne Momente erlebt. Ich bin da überhaupt nicht abergläubisch. 

Was ging in Ihnen vor, als Sie die Diagnose hatten: schon wieder Kreuzbandriss rechts?
Das war sehr bitter. Ich hatte lange an der Rückkehr gearbeitet, und ich hatte ein gutes Gefühl. Mir war sofort klar, dass mir die ganze Saison wegfällt. Bei mir wäre das Emotionalste in dieser Saison die Skiflug-WM im Januar in Oberstdorf gewesen. Die Vierschanzentournee kommt natürlich auch noch hinzu und auch die Olympischen Spiele. Es ist schon brutal, das alles zu verpassen. 

Erleichtert es Ihnen die Arbeit in der Reha, wenn Sie sehen, dass das deutsche Team derzeit ganz hervorragend springt?
Auf jeden Fall. Es wäre eine deutlich blödere Situation, wenn die Jungs Probleme hätten. Ich brauche mir also keine Gedanken darüber zu machen, dass ich im Team fehle. Und ich weiß, wenn ich zurückkomme, komme ich in ein sehr starkes Team zurück. Wenn ich da bestehe, dann kann ich auch international bestehen.

Ihr einstiger Zimmerkollege Richard Freitag reist als Führender der Weltcup-Wertung zur Vierschanzentournee, was ihn zum Top-Favoriten erhebt. Warum ist er zurzeit so stark?
Er hat es endlich mal zusammengebracht, auch ohne den perfekten Sprung ganz vorne dabei zu sein. Das macht im Kopf vieles leichter, wenn du weißt, du landest vorne, selbst wenn du nicht deine allerbesten Sprünge zeigst, also auch leichte Fehler drin hast. Das macht dich locker. Und löst den Druck. Darauf hat er lange hingearbeitet. Schön, dass er jetzt den Lohn der Arbeit ernten kann.

Wie würden Sie ihn beschreiben?
Er ist jemand, der ziemlich genau weiß, was er will. Er ist sehr ehrgeizig. Er weiß auch, was seinen Sprung stark macht. Er hatte zuletzt das Problem, dass er viel investiert hat, dass aber die Dominosteine leider nicht in die richtige Richtung umgefallen sind. Beim Skispringen ist es so, dass du viel richtig machen kannst, sich das alles aber trotzdem nicht in der Weite niederschlägt. Umso schöner, dass es jetzt aufgeht für ihn. 

Was kann Richard Freitag bei der heute beginnenden Tournee erreichen?
Viel. Die Tournee ist zwar ein sehr spezieller Wettbewerb, aber der Richard ist sehr stabil zurzeit und in einer sehr guten Situation. Es hilft ihm sicher auch, dass er nicht alleine da steht im deutschen Team, sondern dass er mit Andreas Wellinger noch jemanden hat, der durchaus auch auf sich aufmerksam machen kann bei dieser Tournee. 

Welchen Eindruck macht Wellinger auf Sie?
Er ist sehr zielstrebig, er weiß, wo seine Stärken liegen. Er hat in der vergangenen Saison extrem viel dazugewonnen – er ist ja doppelter Vizeweltmeister von der kleinen und großen Schanze. Er hat einen Schritt nach vorne gemacht, indem er auch ein paar Sachen verändert hat, die richtig gegriffen haben. Und in dieser Saison hat er seine Leistungen bereits extrem gut bestätigt. Das gibt Sicherheit und Selbstbewusstsein. Er weiß auch, dass er sogar noch Zeit hat. Er ist 22, also noch sehr jung. Und er hat immer noch einen Schuss Unbekümmertheit und das hilft ihm sehr, auch wenn er noch ein paar Baustellen im Sprung hat. Er ist trotzdem Zweiter hinter Richard Freitag in der Weltcup-Wertung. 

Ist er einer Ihrer Tourneefavoriten?
Ich traue ihm genauso viel zu wie dem Richard. Es fällt mir jedoch schwer, eine genaue Rangfolge zu tippen. Aber Andreas hat auf jeden Fall das Zeug dazu, bei der Tournee ganz nach vorne zu springen.

Wem trauen Sie den Gesamtsieg in diesem Winter zu?
Rechnen muss man auf jeden Fall mit dem Österreicher Stefan Kraft, dem Doppel-Weltmeister. Er zeigt in einzelnen Sprüngen wieder, dass er gefährlich sein wird. Ich habe neben Freitag und Wellinger auch den Norweger Daniel André Tande auf der Rechnung. Es kann gut sein, dass wir in diesem Jahr nicht so viele Springer haben, die am Ende gewinnen können. Es haben sich jetzt schon ein paar abgesetzt. Ich glaube nicht, dass es sich zur Tournee umdrehen wird. Dazu waren die Kräfteverhältnisse bisher zu klar. Wir hatten auch schon Jahre, in denen die ersten Zehn der Weltcup-Wertung alle gewinnen konnten – das sehe ich in dieser Saison nicht so.

Was macht das deutsche Team zurzeit so stark?
Wir sind sehr, sehr gut darin nach jeder Saison, in der wir uns verbessert haben, konsequent weiter zu arbeiten und Baustellen schließen zu wollen. Jetzt ist es in gewisser Weise auch Glück, dass gleich mehrere Leute zu richtigen Zeit den richtigen Schritt machen – und dass wir so breit da vorne aufgestellt sind. Es gibt ja auch noch Markus Eisenbichler, der hervorragend springt und Karl Geiger, der sich auch schon sehr weit vorne gezeigt hat. Wenn mehrere gute Leute im Team sind, ist es für die Springer in der zweiten Reihe leichter, sich nach vorne zu ziehen. Es wird aber eben auch generell eine gute Arbeit gemacht. Auf allen Ebenen: im Athletik- und Technik-Training, auch bei der Materialabstimmung. 

Werden Sie dieses Jahr bei der Tournee vor Ort sein?
Ich werde auf jeden Fall mal vorbeikommen. Ich weiß aber noch nicht wo und wann. Ich bin ja einer der größten Fans der deutschen Mannschaft und generell der Sportart. Die Stimmung wird in diesem Winter gigantisch sein. Das wird ein Riesen-Spaß.

Der letzte deutsche Gesamtsieg gelang Sven Hannawald 2002, als er alle vier Springen in einem Winter gewann. Warum ist es dem deutschen Team zuletzt so schwer gefallen, bei der Tournee zu glänzen?
Es kann leider sehr schnell passieren, dass du nach dem ersten Wettkampf schon draußen bist. Es ist eine sehr von den äußeren Umständen abhängige Wettkampfserie, bei der einfach alles zusammenkommen muss. Das macht die Tournee eben auch spannend. Du brauchst Form und Glück. Ich hatte erst einmal die wirklich richtige Form zur Tournee, und da bin ich Zweiter geworden. Das war 2016. Es war halt einer besser, damals Peter Prevc aus Slowenien. Prevc hatte es total verdient. Wir sollten uns übrigens davon freimachen, dass wir 16 Jahre nicht mehr gewonnen haben, das macht es nur schwerer. Wir haben in jedem Jahr alles versucht, wir haben viel erreicht mit meinem WM-Sieg 2015, meinem Weltcup-Gesamtsieg und dem Team-Olympiasieg 2014 – aber die Tournee fehlt unserer Generation noch. Vielleicht ja nicht mehr lange.

Interview: Stephan Klemm

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