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Hatte zuletzt Grund zum Jubeln: Nürnbergs Trainer Gertjan Verbeek.

1. FC Nürnberg

Der Boxer und die Blockhütte

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Unter Gertjan Verbeek geht der 1. FC Nürnberg sogar das Bayern-Spiel ungewohnt offensiv an. Der Wind hat sich nach den jüngsten Erfolgen bei den Franken gedreht.

War ja irgendwie klar, dass Manfred Müller zum 188. fränkisch-bayrischen Derby befragt wird. Der Ex-Torwart, dessen einst pechschwarze Haarpracht in Ehren ergraut ist, stand schließlich sowohl beim 1. FC Nürnberg als auch beim FC Bayern München zwischen den Pfosten. In Müller einen stilprägenden Schlussmann der 50-jährigen Bundesliga-Historie zu sehen, würde eine Geschichtsfälschung bedeuten, aber Spuren hat der mittlerweile 66-Jährige hier wie da hinterlassen. Und seit knapp vier Monaten fungiert der Fernsehproduzent, der teilweise maßgeblich an der TV-Präsentation der Liga mitgewirkt hat, auch als Aufsichtsrat beim „Club“.

In dieser Funktion hat „Manni“ Müller nun Bemerkenswertes vor dem Duell gegen die Super-Super-Bayern gesagt: „Wir müssen das Spiel energisch angehen, läuferisch gut drauf sein, dagegenhalten. Vielleicht können wir die Bayern dann ein bisschen ärgern.“ Und der Mann, der am Valznerweiher Mitte der 80er-Jahre auch mal als Manager agierte oder später einen gewissen Andreas Köpke trainierte, glaubt gar: „Mit dem Selbstvertrauen, das die Mannschaft getankt hat, ist das sicherlich eher möglich.“

Nürnberg wehrt sich

Denn auch Müller ist nicht entgangen, dass sich der Wind durch die Erfolge gegen Hoffenheim und in Berlin gedreht hat. „Mittlerweile sieht das wieder nach Fußball aus. Es wird nicht nur gerannt und gekämpft.“ Nun ist nicht anzunehmen, dass die Nürnberger sich plötzlich auf Augenhöhe mit den Münchnern bewegen, aber es ist davon auszugehen, dass sich diese mutige Mannschaft am Samstag ein bisschen mehr wehrt, als das beispielsweise eine verängstigte Frankfurter Elf zuletzt getan hat.

Im Gegensatz zu Armin Veh würde Gertjan Verbeek nie auf die Idee kommen, Stammspieler zu schonen. Das widerspräche dem Naturell eines Fußballlehrers, der nicht nur aufgrund seiner Rod-Stewart-Gedächtnisfrisur zu den ungewöhnlichsten Erscheinungen der Liga zählt.

Er ist ein Offensivliebhaber. „Ich will immer nach vorne spielen. Und ich rede lieber darüber, was zu holen ist – nicht, was zu verlieren ist.“ So lautet sein Credo. In ihm steckt eine Kämpfernatur. „Ich habe Scheine in Boxen und im Judo. Und ich hatte eine eigene Boxschule, ich hatte noch Kämpfe, als ich schon professioneller Fußballer war.“ Das gehört zu seiner Vita. Was dem Niederländer dabei wichtig ist: „Ich bin nie k.o. gegangen. Meine Verletzungen im Gesicht habe ich alle beim Fußball erlitten: dreimal die Nase gebrochen, Platzwunde, Zähne weg – immer Fußball, nie Boxen.“

Der 51-Jährige geht als Unikum durch. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ hat Verbeek zudem verraten, dass er an freien Tagen zu einem Blockhaus in der Nähe von Zwolle fahre und dort den ganzen Tag im Wald allein in der Hütte herumwerkele. „Ich brauche diese Ruhe, nur manchmal drehe ich die Musik auf.“ Das braucht er für seinen Seelenfrieden.

Anstrengungen belohnt

So ein Freak und Freigeist scheint maßgeschneidert für den in der Hinrunde taumelnden Traditionsverein. Verbeeks Maßnahmen fruchteten zwar, weil die Spielanlage alsbald viel ansehnlicher aussah, doch blieben die Resultate aus. Nun, im neuen Jahr, ist genau das eingetreten, was viele erwartet haben: Dieser Kader, dieser Trainer werden für ihre Anstrengungen belohnt. Der schon zehnmal erfolgreiche Neuzugang Josip Drmic, Schweizer mit kroatischen Wurzeln, ist in aller Munde. Aber da wären auch der zum Innenverteidiger umgeschulte Publikumsliebling Javier Pinola oder der wieder genesene Stürmer Daniel Ginczek, die den Aufwärtstrend verkörpern.

Insgesamt sieht die Fußball-Welt im Frankenland viel besser aus. Auch Verbeek übrigens, weil er sich den wuchernden Bart abrasieren lassen durfte, mit dem er wegen der Sieglosigkeit über den Winter kommen musste. Ist also der aufgepäppelte „Club“ derjenige, der die Bayern nach 44 Liga-Spielen in die Knie zwingt?

„Der VfB Stuttgart hat gezeigt, dass es möglich ist, die Münchner an einem schlechteren Tag zu erwischen“, meint jetzt der gemeinhin nicht zum Überschwang neigende Nürnberger Sportvorstand Martin Bader. Und Aufsichtsratsmitglied Müller weiß: „Spiele gegen die Bayern sind immer so genannte Bonusspiele. Wenn da was geht, ist es wunderbar.“ Und wenn nicht, ist das Schlimmste in der Saison immerhin überstanden.

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