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Sahnehäubchen: Der Leipziger Marcel Halstenberg erzielt sein zweites Tor. Mönchengladbachs Torwart Yann Sommer ist chancenlos.

Borussia Dortmund - RB Leipzig

Leipziger Frühlingsgefühle

Während der sächsische Bundesligist die Champions-League-Qualifikation so gut wie sicher hat und vom erstmaligen Pokalfinale träumt, hat Gegner Hamburger SV ganz andere Sorgen.

Die Bundesligaprofis von RB Leipzig umgibt derzeit die Aura der Unbesiegbarkeit, seit nunmehr 14 Spielen haben die Sachsen nicht mehr verloren, Pokal und Liga zusammengenommen. Seit dem 2:1-Sieg am Ostersamstag beim direkten Konkurrenten Borussia Mönchengladbach steht zudem so gut wie fest, dass die Leipziger die Saison auf einem Champions-League-Rang beenden werden. Zehn Punkte beträgt der Vorsprung des Tabellendritten auf Rang fünf mitsamt den Gladbacher. „Das“, verkündete RB-Trainer Ralf Rangnick, „lassen wir uns nicht mehr nehmen. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass wir die letzten vier Spiele alle verlieren und Gladbach alle gewinnt.“

Nachvollziehbare Aussagen, die nicht einmal dadurch an Seriosität einbüßten, dass sie vom selben Mann stammen, der am Montag behauptete, der Zweitligist Hamburg sei eine „spielstarke Mannschaft mit hoher Qualität“, die versuche, „einen sehr gepflegten Fußball zu spielen und spielerische Lösungen zu finden“. Dass es in der jüngeren Vergangenheit häufig beim Versuch blieb, wusste allerdings auch Rangnick vor dem Auftritt der Leipziger in Hamburg im DFB-Pokal-Halbfinale an diesem Dienstag (20.45 Uhr/ARD). Seit fünf Zweitligaspielen wartet der HSV auf einen Sieg und droht im Aufstiegsrennen ernsthaft in Turbulenzen zu geraten. „Der Schein trügt nicht, das sind Ergebnisse, die sich genau so zugetragen haben“, bestätigte Ralf Rangnick und vergaß pflichtgemäß nicht, die Hanseaten als „gefühlten Bundesligisten“ zu bezeichnen. Wobei RB, darauf deuten die vergangenen Wochen stark hin, zurzeit gegen Bundesligisten jeglicher Form und Größe gewappnet ist. Mit fünf Ligasiegen (14:3 Tore) in Serie haben die Sachsen ihren Königsklassen-Ambitionen festigen können.

Geschmackloses Plakat

Rangnick hatte also allen Grund zu Vorfreude auf das Pokalduell mit dem ewigen Hamburger SV, und doch war der 60-Jährige am Samstag angefressen. Denn weder die Chance auf die Finalpremiere im Pokal, noch die so gut wie sichere Champions-League-Qualifikation standen im Fokus nach dem Spiel im Rheinland. Stattdessen ein geschmackloses Plakat der Gladbacher Fans, auf das die Reaktionen von „unsäglich“ bis „peinlich“ reichten, und nicht nur Rangnick schüttelte den Kopf: „Das ist einfach schade.“

Zum Großteil kreativ hatten Borussias Anhänger vor Anpfiff das Konstrukt RB kritisiert, mit einem nicht zu übersehenden Banner („Trotz Burnout und null Akzeptanz – ein Leben voller Ignoranz – Fick dich Rangnick“) gingen sie aber viel zu weit. Die Anspielung war deutlich: Der heutige Coach und Sportdirektor von RB war im September 2011 wegen Erschöpfung als Schalke-Trainer zurückgetreten.

Rangnick reagierte mit Unverständnis. „Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, alle Banner zu lesen. Aber beim einen oder anderen frage ich mich schon, wie die überhaupt ins Stadion kommen“, sagte der Trainer und fügte an: „Diese Leute wird es auch nicht interessieren, dass ich zwischen meinem sechsten und 18. Lebensjahr in Gladbach-Bettwäsche geschlafen habe.“

Die Borussia entschuldigte sich umgehend bei Rangnick. „Das ist unsere Gesellschaft, der Respekt wird weniger. Bei denen, die so etwas schreiben, muss man fragen, ob die einen IQ von null oder minus null haben“, sagte Trainer Dieter Hecking, Sportdirektor Max Eberl meinte: „Wenn Menschen krank sind, darf das nicht Grund einer Verunglimpfung sein.“ Der Verein betonte am Sonntag, dass das Aufhängen weiterer beleidigender Spruchbänder verhindert worden sei und die Polizei die Personalien mehrerer Personen festgestellt habe.

Nicht auszuschließen, dass sich auch die traditionsbewussten Hamburger Fans am Dienstag im Pokal an der Reizfigur Rangnick und dem Reizmodell RB Leipzig geräuschvoll und geschmacklos abarbeiten werden. Dabei haben die Hanseaten schon genug Probleme, wenn sie auf sich selbst blicken. Am Samstag, beim enttäuschenden 1:1 im Heimspiel gegen Erzgebirge Aue, gab die Mannschaft von Trainer Hannes Wolf kein überzeugendes Bild ab, wie so häufig in den vergangenen Wochen. Der Wiederaufstieg, beim HSV eine Pflichtaufgabe, ist in Gefahr, der Vorsprung des Tabellenzweiten auf den Dritten SC Paderborn und den Vierten Union Berlin beträgt gerade einmal zwei respektive drei Pünktchen, bei einem signifikant schlechteren Torverhältnis. Und: Das Restprogramm beschert Hamburg noch Auswärtsspiele bei den beiden Konkurrenten.

Dennoch ist der HSV bereit, die Alltagssorgen wenigstens für einen Abend zu vergessen, für den großen Traum vom Pokalfinale in Berlin. „Für viele ist das einer der größten Momente in ihrer Karriere. Auch für mich persönlich“, sagte Lasogga, mit sechs Pokaltreffern bislang mit Abstand torgefährlichster HSV-Angreifer, und kokettierte mit der Rolle des Underdogs. Gegen favorisierte Teams habe sein Team schließlich „immer die besten Spiele gemacht“. Coach Wolf übte sich in Demut: „Wir spielen gegen eine Supermannschaft. Wir wollen nicht zu viel träumen.“

Sollte sich der hanseatische Underdog tatsächlich gegen Leipzig ins Finale beißen, sollte er überdies in der Liga nur auf Relegationsrang drei einlaufen, könnte es zum Saisonende zu einer terminlichen Verklumpung kommen. Am Donnerstag, 23. Mai, findet das Hinspiel in der Relegation statt, am Montag drauf, 27. Mai, das Rückspiel. Und am Samstag dazwischen das Pokalfinale in Berlin.

Einzigartig bewegte Tage wären das, selbst für den großen Hamburger SV. (FR/dpa/sid)

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