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Keine Sorge, bis heute Abend wird alles sitzfertig sein.
Keine Sorge, bis heute Abend wird alles sitzfertig sein. © dpa

Die Fertigstellung der Haupttribüne wirft wieder die Frage auf: Wie weit will Union noch wachsen?

Von Max Bosse

Für das Gespräch nimmt Dirk Zingler den weißen Bauhelm ab und legt ihn auf einen der neuen Ledersessel. Angst, dass ihm etwas auf den Kopf fällt, muss der Präsident des 1. FC Union Berlin nicht haben. Zwar wird weiter an und in der Haupttribüne geschraubt und gewerkelt, der Außenbereich hat die Sicherheitsüberprüfung des TÜV jedoch bereits bestanden. Am heutigen Freitag können hier bis zu 3?617 Zuschauer den Auftakt der Restrückrunde gegen Sandhausen sitzend erleben (18 Uhr). Zingler ist stolz auf den Neubau und die Entwicklung seines Vereins. Doch der Erfolg der vergangenen Jahre wirft die Frage auf: Wie weit kann Union noch wachsen, ohne seinen Charakter zu verlieren?

Seit dem Aufstieg in die Zweite Liga im Sommer 2009 ist der Vereinsetat um die Hälfte angestiegen. Der für die Profimannschaft reservierte Anteil wurde sogar fast verdoppelt, und mit inzwischen über 11?000 Beitragszahlern nähert sich der Klub der Top 20 der mitgliederstärksten Sportvereine Deutschlands. Im Februar ist Zingler auf Europas größten Sportwirtschaftskongress geladen, um Unions Erfolgsgeschichte zu erzählen. Zunächst lehnt er sich aber in einem der gemütlichen Sessel für Logenbesucher zurück und freut sich auf den Abend, an dem die Alte Försterei in neuem Glanz erstrahlen wird.

Stadion ist Mittel zum Zweck

„Unser Ziel war nicht, irgendwann einmal auf einem Ledersessel zu sitzen, sondern dass dieser Bau die Ertragskraft des Vereins erhöht“, sagt der Präsident. Das Stadion ist Mittel zum Zweck. Es soll eine Einnahmequelle sein – und kein Kostenfaktor. Daher ist es so wichtig, dass der Bau ausschließlich aus privaten Mitteln finanziert wurde und sich im Besitz der Stadionbetriebs AG befindet. Die AG ist in den Händen von Verein sowie Fans, und Zingler ist ihr Aufsichtsratsvorsitzender. „Es ist im Interesse aller Aktionäre, dass der Mehrertrag in den Verein fließt“, erklärt er.

Der Bauhelm an seiner Seite zeigt, dass Zingler mehr ist als Präsident und Aufsichtsratschef, er ist das ostentative Zeichen: Ich bin Teil der Truppe, ein Arbeiter unter vielen. Auf dem Kopfschutz prangt ein roter Aufkleber. Die Aufschrift „proAF“ erinnert an die Zeit, als der Verein über einen Umzug in Berlins Zentrum nachdachte und sich eine Faninitiative für den Verbleib in der Alten Försterei aussprach. Im Anschluss begannen Fans mit dem Neubau der Stehtribünen, jetzt nähert sich das Gesamtprojekt der Vollendung.

Fußball pur als Verkaufsargument

Zingler sieht seinen Gesprächspartner nicht an. Der Blick ruht auf der Baustelle. Ein Arbeiter gibt vom Rasen aus Anweisungen an den Kollegen in 23 Meter Höhe auf dem Dach. Über 150 Menschen haben zuletzt täglich auf der Baustelle dafür gesorgt, dass die Sitzreihen frühzeitig geöffnet werden. „Für alle Unioner und Fans, die Fußball pur lieben ist die Fertigstellung ein Meilenstein“, sagt er.

Immer wieder kommt er auf diesen Begriff zurück: „Fußball pur“. So lautet der unique selling point, das Verkaufsargument, der Marke Union Berlin. „Wir müssen kein Produkt schaffen, sondern eines bewahren“, betont der Präsident. Dennoch schreitet die Entwicklung unter seiner Führung seit acht Jahren rasant voran. Vor ein paar Tagen hat er sich die Bilder von 2007 angesehen. Kein Dach, bemooste Stufen, keine Videoleinwand.

Grenze des gallischen Dorfs

Zingler deutet auf die 1?700 Businessseats. Im Sommer öffnen 30 Logen und die Eisern Lounge. VIPs im Arbeiterverein? Was wird aus dem gallischen Dorf, in dem alles anders gemacht wird als bei den Großen? Die Antwort kommt mit Kalkül. „Wir werden an Grenzen stoßen, die wir uns bewusst gesetzt haben“, sagt Zingler.

Noch ist die Grenze nicht erreicht. Zingler erwartet, dass das verbesserte Umfeld irgendwann einen sportlichen Ertrag zur Folge haben wird. Den Wechsel von Leistungsträger Markus Karl in der Winterpause will er nicht als Abschied von den Ambitionen verstehen. „Wir machen unsere Entwicklung nicht an einzelnen Spielern fest“, sagt Zingler. Stattdessen werde nachhaltig gehandelt. Das Stadion gilt ihm als Beleg.

Für die Fans war die Alte Försterei schon immer die Seele ihres Klubs. Mit der neuen Haupttribüne wird sie zum Vehikel, über den der 1. FC Union seinen puren Fußball verkauft. Andere Hausherren würden sich genieren, dass die Ehrengäste über Holzbretter durch einen Betonrohbau zu ihren Ledersesseln flanieren müssen. Bei Union gehört das mit zum Produkt. Dirk Zingler sagt: „Die Menschen sollen teilhaben und den Fortschritt sehen.“

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