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Höchste Konzentration.

Bogenschießen

Im Bett mit Marie

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Ein Kosename und jede Menge Zeit zu zweit: über die Beziehung der Sportschützinnen und -schützen zu ihren Bögen.

Neulich hat Michelle Kroppen mal wieder die Geschichte erzählen müssen, wie sie denn überhaupt zum Bogenschießen gekommen ist. In diesem Metier ist die 23-Jährige mittlerweile ziemlich erfolgreich, im Juni bei der WM im holländischen s’Hertogenbosch wurde sie Vierte, schaffte damit die Qualifikation für die Olympischen Spiel im nächsten Jahr in Tokio, bei den Europaspielen in Minsk jetzt vor kurzem holte sie im Mixed sogar Bronze für Deutschland; und spätestens seit ihrem Durchbruch beim Weltcup im vergangenen Jahr, als sie in Salt Lake City ins Goldfinale einzog, ist das Interesse an der Bogenschützin vom Niederrhein zu Recht gehörig gewachsen.

Die Oma war’s, die Michelle Kroppen einst zum Bogensport gebracht hat, und das kam so: Auf dem achten Geburtstag ihrer Enkelin ließ die Großmutter die Kinder mit Bogen und Pfeilen auf Luftballons schießen, Klein-Michelle traf am häufigsten, die Lust auf den neuen Sport war geweckt, der Handball, den sie seinerzeit noch spielte, landete in die Ecke. Mit 16 wechselte das Talent aus dem heimischen Straelen bei Venlo ans Sportgymnasium nach Jena, dort schießt sie mittlerweile in den Einzelwettbewerben für den SV GutsMuths, mit der Mannschaft für die bayerische BSG Ebersberg, dem amtierenden Deutschen Meister in der Bogen-Bundesliga. Inzwischen zählt Kroppen neben Lisa Unruh und Elena Richter aus Berlin zu den besten deutschen Bogenschützinnen.

Natürlich hat sie, wie alle, die diese Sportart ausüben, ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrem Bogen. Es ist ein sehr inniges Verhältnis, ein fast zärtliches, auf jeden Fall ein vertrautes. Jeder Bogensportler hat einen Lieblingsbogen, das ist nicht einfach nur ein Sportgerät, kein lebloses Ding. „Mein Bogen“, sagt Michelle Kroppen, „ist haargenau auf mich eingependelt.“ Sie schießt mit einem sogenannten Hoyt GMX. Dazu muss man wissen, dass solch ein Profibogen, der zwischen 2000 und 2500 Euro kosten kann, exakt und vor allem präzise auf den Schützen justiert wird. Es ist ja nicht einfach nur ein Flitzebogen, wie bei Robin Hood oder den „Tributen von Panem“. Ein Hochleistungsbogen besteht aus einem sogenannten Mittelteil, dem Herzstück des Bogens. Dort ist der Wurfarm angebracht, meist aus Carbon oder Holz, an dem die Sehne befestigt ist. Am Mittelteil, meist aus Carbonhybrid oder Aluminium, befindet sich Visier, Stabilisatoren, Stabilsatorengewichte und der Nockpunkt, jener kleine Messingring, der – an der Sehne befestigt – die korrekte Position des Pfeils an der Sehne markiert. Dies alles muss bis ins kleinste Detail auf den Schützen abgestimmt sein, auf Gewicht, Größe und Armlänge. „Das Gewicht, das ich halten muss und das Gewicht, das ich anziehen muss, ist genau ausgependelt“, sagt Michelle Kroppen. Das bedarf einer zähen, mühseligen Tüftelarbeit. „Ich spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt“, sagt die 23-Jährige Wahlberlinerin. „Wenn das Eigengewicht des Bogens zu schwer ist, wird mein linker Arm nach unten gezogen.“ Dann stimme der gewohnte Ablauf nicht mehr. „Der Körper ist sehr feinfühlig, den Unterschied spürt man sofort.“ Gerade in der Hauptstadt Weißrusslands ist das den Bogensportlern sehr deutlich vor Augen geführt wurden. Denn als der Wettkampf in Minsk beginnen sollte, standen die gewohnte Bogen nicht zur Verfügung, weil die Fluggesellschaft die Koffer wegen Überfüllung des Gepäckraumes zunächst nicht transportieren konnte. Die Schützen mussten mit fremden Material schießen – ein schweres Handicap: Das wäre in etwa so, als würden Fußballer den rechten Schuh am linken Bein tragen.

„Ich würde nicht sagen, dass die Schützen mit dem Bogen ins Bett gehen“, sagt Andreas Blaschke, aber ein fast intimes Verhältnis sei es allemal. Blaschke, 50, ist selbst seit vielen Jahren aktiver Schütze, aktuell Trainer des Bundesligisten Bogensport-Gemeinschaft Ebersberg, und damit für Kroppen zuständig, sowie zudem als Coach für den Bezirk München zuständig. „Ein guter Bogenschütze braucht eine unglaublich hohe Konzentrationsfähigkeit, Präzision, gute Koordination und natürlich starke, mentale Fähigkeiten“, erzählt Blaschke.

Viele Schützen geben ihrem Bogen sogar Namen, Lisa Unruh, Silbermedaillen-Gewinnerin von Rio und bekanntestes Gesicht unter den Bogenschützen, nennt ihren Bogen „Beauty“, Blaschke „Marie“, manche machen das auch mit den Pfeilen.

Dass es eine besondere Beziehung zum Bogen ist, liegt auch daran, dass die Schützen sehr viel Zeit mit ihren Geräten verbringen. Kroppen etwa schießt in einer normalen Trainingswoche 1200 bis 1800 Pfeile auf die Scheibe, dazu kommt regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining. Die Nationalmannschaftsschützin spürt nach einer anstrengenden Einheit schon ihre Schulterblätter, die Finger schmerzen trotz schonender Lederbänder.

Bogenschützen schießen sowohl draußen als auch in Hallen. In der Halle, meist im Winter und während der Bundesligasaison, bei der jeweils acht Mannschaften in einer Nord- und einer Südstaffel und einem anschließenden Finale den Deutschen Meister küren, ist die Zielscheibe 18 Meter entfernt, draußen immerhin 70 Meter. Im Freien ist das Schießen auf die Scheibe anspruchsvoller, weil Wind, Sonnenschein und Regen Einfluss auf den Schützen haben. Gerade diese Unwägbarkeiten der Elemente unter freiem Himmel empfindet Michelle Kroppen als besonderen Reiz.

Jeder Schütze hat in der Regel zwei Lieblingsbogen, exakt gleich auf den Schützen eingestellt, mehr nicht, „du fühlst dich mit deinem Bogen einfach wohl“, sagt Blaschke. Ganz entscheidend sei auch, dass man Vertrauen in sein Sportgerät hat. „Der Bogen macht, was du willst.“ Wer also daneben schießt, kann die Schuld dafür nicht auf das Material schieben. „Es liegt nie am Bogen“, sagt Blaschke.

Michelle Kroppen hat ihrem Bogen übrigens keinen Namen gegeben, das findet sie übertrieben. Dafür aber hat sie sich auf dem linken Oberarm einen Pfeil stechen lassen. „Die Pfeilspitze zeigt immer dahin, wo der Pfeil hin muss.“ Für sie zeigt die Spitze derzeit beständig nach oben.

FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Sport widmet sich in den kommenden zwei Wochen dem Oberthema Symbiose.

Der Sportler und sein Sportgerät: FR-Sportredakteur und Bogensportexperte Thomas Kilchenstein beschreibt in seinem Text die innige Beziehung der Sportschützinnen und schützen zu deren Bögen.

In der nächsten Folge am Dienstag, 6. August, widmet sich Daniel Schmitt dem erfolgreichen hessischen Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, dessen Spieler aus 17 Nationen stammen.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“

seit dem 4. Mai. Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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