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Noch eine Lotus-Blüte: Diese trägt racing-green.

Neue Formel-1-Boliden

Bescheidenheit ist eine Zier

Bei der Enthüllung der neuen Formel-1-Boliden geht es spartanisch zu. Vor nicht allzu langer Zeit sahen die Präsentationen der Grand-Prix-Renner noch ganz anders aus.

Von Olaf Bachmann

Eigentlich ist es ganz einfach: ein Rechteck schwarzen Teppichbodens, ausgerollt auf dem Asphalt der Boxengasse des Circuit Ricardo Tormo in Valencia und fertig ist die Bühne für eine Formel-1-Präsentation der schlichteren Art. War da nicht mal was? Es ist noch nicht allzu lange her, da mietete Renault zur Enthüllung eines Grand-Prix-Renners den Markus-Platz in Venedig oder das Schauspielhaus in Palermo. Also gerade mal Platz genug für das glamouröse Ego des damaligen Prinzipals Flavio Briatore. Die Zeiten haben sich geändert. Sonnengott Flavio B. ist allenfalls die Solarbräune geblieben, und der französische Konzern bekanntlich nicht mehr alleiniger Besitzer jenes Teams, das am Montagmittag ein seidig schimmerndes schwarzes Tuch von einer schwarz- und goldlackierten Karosse entfernen ließ. Großes Staunen.

Die fettesten Lettern buchstabierten die Schriftzüge Genii und Lotus auf die werbestrategisch sensiblen Zonen des Boliden und damit die Identität der wichtigsten Geldgeber. Die Investment-Gesellschaft Genii des Luxemburgers Gerard Lopez hat seit einem Jahr das Sagen bei Renault. Dass nun auch die britische Sportwagenikone auf dem neuen Renault R31 als Sponsor auftaucht, zählt zu den jüngsten Mysterien der Branche. Demnächst wird sich ein britisches Gericht mit dem Gezerre um die Rechte beschäftigen müssen, denn Lotus ist auch Namensgeber des 2010 debütierenden Formel-1-Teams des malaysischen Fluglinien-Besitzers Tony Fernandes. Der schwarze Lotus-Renault zitiert mit seinen Goldstreifen die Lotus-Glanzzeiten mit Ayrton Senna und Mario Andretti. Das malaysische Lotus-Team koloriert sich im klassisch-britischen racing-green – als ließe sich mit Investment-Millionen der Mangel an Klasse, Tradition und historischen Erfolgen übertünchen.

Noch spannende offene Fragen

Doch ohne frisches Geld wäre der Zirkus zum Untergang verurteilt. Gut zwei Stunden vor Renault hatte das Sauber-Team zum Fototermin in Kurve eins gebeten. Und dort ging es sogar noch schlichter zu: grauer Asphalt, graues Tuch, darunter ein grauweißes Auto, wobei Teamchef Peter Sauber (67) Wert darauf legt, dass die Lackfarbe Graphit heiße. Dennoch: So verschmitzt hat man den Schweizer schon lange nicht mehr lächeln sehen. Dank der Zuwendungen des mexikanischen Sponsors Telmex steht das Budget bei Sauber endlich auf solider Basis. „Ein zweites Jahr mit weißem Auto, das wäre nicht gegangen“, bestätigte Sauber mit ziemlicher Verspätung die drohende Insolvenz des ehemaligen BMW-Partners. Der Einstieg des mexikanischen Multimilliardärs Carlos Slim hat die Lage dramatisch verbessert. In puncto Motor, Getriebe und dem Hybrid-System Kers ist der Sauber mit dem Ferrari F150 identisch.

Für alle Teams stellen sich einige spannende offene Fragen. Wie clever kompensieren die Konstrukteure das Verbot des Doppeldiffusors, dessen Existenz den Vorjahresautos „extrem hohen Anpressdruck“ (Key) verschafft habe. Wie funktionieren die neuen Pirelli-Reifen? Und wie stellt sich bei Sauber der Formel-1-Fahranfänger Sergio Perez (21) an? Der junge Mexikaner, 2010 Vizechampion der GP2-Serie, ist Mitglied der Telmex-Fahrerakademie, nennt Carlos Slim jr. einen seiner „besten Freunde“ und wird deshalb als Bezahlfahrer (ab)qualifiziert.

Wegen Kers und verstellbarer, Heckflügel erhöht sich die Zahl der Knöpfe an dem Computer namens Lenkrad um zwei. Perez stöhnte gestern: „Glauben Sie mir, das ist alles sehr sehr schwierig“. Das Üben beginnt heute in Valencia um 10 Uhr.

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