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Dirk Nowitzki im Spiel seiner Mannschaft gegen die Denver Nuggets.

Basketballstar Dirkules

Berühmt wider Willen

Dirk Nowitzki, der Basketballer, der nie ein Star sein wollte, erlebt die Schattenseiten des Ruhms. Von Wolfgang Hettfleisch

Von WOLFGANG HETTFLEISCH

Zu Abertausenden bewerben sich junge Menschen bei Fernsehformaten wie "Deutschland sucht den Superstar". Einmal groß rauskommen, sich von der Masse abheben, für "15 Minuten Ruhm", wie es Andy Warhol einst ausdrückte. Es ist eine verbreitete wie seltsame Annahme, dass es toll ist, prominent zu sein und überall erkannt zu werden. Dirk Nowitzki hat diese Meinung nie geteilt.

Vor zwei Jahren, der beste Basketballer Deutschlands war gerade in der ersten Playoff-Runde der nordamerikanischen Liga NBA mit seinen Dallas Mavericks sang- und klanglos gegen den Außenseiter Golden State Warriors ausgeschieden, reisten Nowitzki und sein Mentor Holger Geschwindner nach Australien. Abschalten, den Kopf frei kriegen - so oder ähnlich muss das Programm gelautet haben. Sie schlugen sich durchs Outback, schliefen im Auto. Der Würzburger ließ Haar und Bart wuchern. Er soll sich gefreut haben, als er am Touristen-Hotspot Ayers Rock unerkannt blieb.

Nein, Dirk Nowitzki ist nicht gern berühmt. Und das ist, wenn man 2,13 Meter misst, im wahrsten Sinn des Wortes ein großes Problem. Er musste sich daran gewöhnen, im Mittelpunkt zu stehen, doch behagt hat es ihm nie. Sein leiser, genuschelter Bassbariton und die Monotonie seiner Stimme haben schon manchen Journalisten, der ein Zitat des Ausnahmespielers rang, zur Verzweiflung gebracht.

Fast elf Jahre lang lebt Nowitzki nun schon in Dallas, reifte bei den Mavericks zu einem der besten Basketballer seiner Generation. In Dallas waren sie immer stolz auf ihren "Dirkules", aber zum All-American Hero fehlte ihm einfach der nötige Schuss Exhibitionismus. Dass der lange Deutsche für Schlagzeilen abseits des Parketts nicht taugt, war Konsens - nicht nur in den USA. Doch der wurde nun aufgekündigt. Die Festnahme von Cristal Taylor in Nowitzkis Haus im Dallas-Nobelviertel Preston Hollow vorigen Mittwoch katapultierte den zurückhaltenden Riesen im Handumdrehen raus aus den Sportmedien und rein in den Fleischwolf der Klatschreporter. Dorthin, wo einer wie er am allerwenigsten durch die Mangel gedreht werden möchte.

Plötzlich wuchs Nowitzki nach dem Training ein Wald aus Mikrofonen entgegen, wie ihn selbst NBA-Stars nur selten zu sehen bekommen. Und statt nach dem bislang ernüchternden Verlauf der Playoff-Serie gegen die Denver Nuggets, in der Dallas dank 44 Punkten von Nowitzki beim 119:117-Sieg immerhin auf 1:3 verkürzen konnte, erkundigten sich die Fragesteller nach dessen Liebesleben. Nach einer möglichen Vaterschaft und sündhaft teuren Geschenken, nach einer Frau mit vielen falschen Namen, krimineller Vergangenheit und zweifelhaften Absichten.

Das wäre für jeden Sportstar schlimm. Für Nowitzki ist es ein Albtraum. Hinter ihm liege die schwerste Woche seines Lebens. Mehr will der bald 31-Jährige zu seinem Privatleben nicht sagen. Die Lawine aufhalten kann er mit der für ihn typischen Zurückhaltung nicht. Jedes Detail wird genüsslich ausgebreitet - je schmuddeliger, desto besser. Dass die Vorwürfe gegen Cristal Taylor nicht so spektakulär sind, wie die öffentliche Aufregung glauben machen will, ging im Jagdfieber der Berichterstatter als erstes unter.

Die bizarre Geschichte wirft ein Schlaglicht auf die Schattenseiten des Ruhms. Wie findet jemand echte Freunde, der jederzeit damit rechnen muss, von falschen ausgenutzt zu werden? Wie soll, wer reich und prominent ist, Liebe ohne Hintergedanken erfahren, wenn ihm geraten werden muss, das Objekt seiner Zuneigung professionell durchleuchten zu lassen, ehe er sein Herz verschenkt?

Lieber Literatur als Playstation

So etwas wie ein normales Leben hat Dirk Nowitzki, der so unaufgeregt und geerdet daherkommt, seit seiner Kindheit nicht mehr. Er war ein Halbwüchsiger, als Geschwindner dessen außergewöhnliches Talent erkannte und förderte. Er war keine 20, als er als "German Wunderkind" nach Dallas kam. Noch heute erzählt man sich dort belustigt, der schüchterne junge Deutsche habe bei seiner Ankunft in Texas ein Handtuch bei sich gehabt - aus Furcht, im neuen Quartier keines vorzufinden.

Natürlich ist der erfolgreichste Deutsche in der Geschichte des US-Sports in Dallas heimisch geworden. So gut es eben geht. NBA-Spieler sind Vagabunden und leben aus dem Koffer. Die Hotelsuite ist ihr eigentliches Zuhause, der Spielrhythmus so mörderisch, dass fast keine Zeit bleibt für Neigungen und soziale Kontakte.

Der Entdecker und väterliche Freund Geschwindner hat viel Mühe darauf verwendet, Nowitzki für die Wunder zu begeistern, die dort warten, wo das Basketballfeld endet. Der interessiert sich mehr für Literatur und Musik als für die Playstation. Aber was den Horizont weitet, ersetzt noch nicht das wahre Leben. Dass Nowitzki nach jeder NBA-Saison bei seinen Eltern in Würzburg aufkreuzt, ist wohl auch Ausdruck seiner Sehnsucht nach der verlorenen Normalität. Dort, bei Familie und Freunden, kann er sie finden.

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