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Männer unter sich: Die Erfahrung zeigt, dass gleichgeschlechtliche Konstellationen den Trainingsprozess begünstigen.

Beim BMW werden Männer stark

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Fitnesskurse wie Yoga oder Pilates liegen nicht mehr nur bei Frauen im Trend / Ungeliebte Schrittfolgen

Miguel Gutierrez hat genug. Mit hochrotem Kopf liegt er lang ausgestreckt auf einer Matte im Gymnastikraum der Sportfabrik Frankfurt und atmet schwer. 20 Minuten Bauchmuskeltraining hat der 27-Jährige hinter sich. Haltepositionen, Partnerübungen und dazwischen immer wieder Sit-ups - das langt Gutierrez. Für seine Pause braucht er sich nicht zu schämen, denn die anderen männlichen Teilnehmer des Bauch-Muss-Weg (BMW)-Kurses machen einen ähnlich untrainierten Eindruck.

Zum ersten Männertag haben sich nicht viele Vertreter des starken Geschlechts in den Hallen der FTG Frankfurt versammelt. Aber gerade in den Kursen, in denen man nur wenige Männer vermuten würde, herrscht ein größeres Interesse als am eigens organisierten Fußballturnier. "Ich mache sonst keinen Sport und wollte einfach mal solche Kursangebote ausprobieren, ohne mich gleich zu blamieren. Schließlich habe ich auch meine Problemzone", sagt Gutierrez und fasst sich an den Bauch. Ähnlich sehen das die anderen Teilnehmer. "Bauch-Beine-Po-Training das wäre nichts für mich. Von dem Namen Bauch-muss-weg habe ich mich dagegen direkt angesprochen gefühlt", sagt Ludwig Schneider, der genau wie Gutierrez den Männertag dazu nutzen will, einmal was ganz anderes auszuprobieren. Die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts kommt Gutierrez dabei sehr entgegen, "weil die das viel besser können, allein von den Schrittfolgen her".

Gutierrez und Ludwig sind bei der FTG nicht die ersten Männer, die die Berührungsängste mit den Kursangeboten verlieren. "Es sind zwar noch deutlich mehr Männer, die nur den Geräteraum nutzen, aber der Trend bei uns geht dahin, dass auch das starke Geschlecht Kursangebote wie Yoga oder Power Lift nutzt" sagt Martina Metz, Sportliche Leiterin der Sportfabrik.

Die Gründe dafür sind vielschichtig: Zum einen stehe der Wellnessaspekt im Vordergrund. "Die Männer kommen jetzt zu uns, um Stress und Druck vom Arbeitsplatz abzubauen und zu entspannen. So richtig auspowern will sich keiner mehr", sagt Metz. Das habe auch mit dem gestiegenen Altersdurchschnitt der Kunden zu tun, der in der Sportfabrik bei Mitte 30 liegt. Gerade Yoga spreche durch seinen geringen Choreographie-Anteil und die sich wiederholenden Übungen die Männer stärker an, weil es einfacher sei als etwa Step mit seinen Schrittkombinationen, betont Metz. Neben dem Wellness-Trend spielt aber auch das steigende Interesse an gesundheitlicher Vorsorge eine wichtige Rolle. "Vor allem in den Rückengymnastikkursen machen viele Männer mit und wechseln davon dann auch mal zu den Yoga- oder Lift-it-up-Kursen", erzählt Metz. Der Männeranteil dort übertreffe mittlerweile häufig die 30-Prozent-Hürde.

Nicht ganz so positiv sieht die Entwicklung in den Kursen anderer Fitnessstudios aus. Von speziellen Angeboten für Männer sind große Ketten wie die Fitness Company noch weit entfernt, wie Sprecherin Katja Meinken bestätigt. "Die Männer nutzen bei uns bislang fast nur Spinning oder Tae Boe", erklärt Meinken. Aber auch bei der Fitness Company sei der Anteil der Männer in den Yoga- und Rückengymnastikkursen gestiegen.

Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat die Tendenz erkannt und sucht bereits nach Möglichkeiten, das bisher von den Fitness- und Gesundheitstrends übergangene starke Geschlecht besser einzubinden. "Die Entwicklung steht aber noch am Anfang. Wir befinden uns gerade in einer Suchphase nach dem richtigen Bewegungsangebot für Männer", sagt Dr. Gudrun Paul, Referentin für allgemeines Turnen beim DTB. Ein wichtiger Schritt, um die Männer in die Kurse zu bekommen, sei die Reduzierung von aufwändigen Choreographien. Darüber hinaus kann sich Paul aber auch eigene Kurse ausschließlich für Männer vorstellen - am besten mit einem männlichen Trainer. "Für die Psychologie und den Umgang miteinander ist das ganz wichtig", sagt Paul. Gerade Personal-Trainer hätten erfahren, dass gleichgeschlechtliche Konstellationen den Trainingsprozess begünstigten.

Als Zeitraum für eine Ausbildungsinitiative im Bereich Männerfitness schweben Paul mindestens drei Jahre vor, denn dafür müsse auch mehr von der Basis kommen. Angebote wie der als Gegeninitiative zum Frauentag entstandene Männertag der Sportfabrik stellen dabei auch für Paul erste Erfahrungswerte dar. "Männer haben eine andere Vorstellung von Belastung und Bewegung als Frauen", sagt sie und verweist auf den bei Männern ausgeprägten Jagd- und Spieltrieb hin, der beispielsweise für eine hohe Ballspielaffinität sorge. "Dementsprechend müssen sich die Kursangebote den Anforderungen der Männer anpassen", fordert Paul.

Wie das aussehen könnte, darüber hat sich bereits die TG Bornheim Gedanken gemacht. Auch hier hat man in den vergangenen Monaten einen Anstieg der männlichen Teilnehmer in den Kursen registriert, wie Boris Zielinski, Leiter des Sportcenters TG Bornheim, bestätigt. Die Übungsleiter würden deshalb schon jetzt ihr Programm den jeweiligen Geschlechterverhältnissen anpassen. Allerdings nicht im Hinblick auf die Intensität der Übungen, denn "gerade in eher gymnastischen Kursen haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Männer schon ausgelastet genug sind", so Zielinski. Anders sehe es dagegen im Aufwärmprogramm aus. "Da lassen wir bestimmte Elemente wie Schrittkombinationen entweder ganz weg oder reduzieren sie zumindest", sagt Boris Zielinski.

Derartige Stundenkompositionen finden auch bei den Teilnehmern des ersten Männertags der Sportfabrik Frankfurt Anklang. "Ich käme mir schon ein wenig blöd vor, in der Gruppe zur Musik rumzuhopsen. Außerdem würde ich mit der Schrittreihenfolge bestimmt nicht klarkommen", sagt Miguel Gutierrez. Anders sieht er es dagegen beim absolvierten Bauch-Muss-Weg-Kurs aus. Dort hat es Gutierrez gefallen - trotz der Anstrengung. Schließlich will der 27-Jährige noch rechtzeitig zum Sommer wieder in Form sein - ohne ausgebeultes T-Shirt im Bauchbereich.

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