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Die After-Show-Partie ließ sie aus: Angelique Kerber denkt schon an Melbourne 2017.

Sportler des Jahres

Beidhändiges Schulterklopfen

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Bei der Gala zur Wahl der deutschen Sportler des Jahres in Baden-Baden feiert sich Sport-Deutschland – nur der oberste Chef fehlt.

Nein, das wäre bestimmt kein Abend für ihn gewesen. Zwei Stunden still sitzen, eingezwängt in einen dunklen Anzug, den Hals von einer Krawatte fast zugeschnürt und beim Promi-Faktor noch um Längen von Tischnachbarin Nastasia Kinski abgehängt. Christoph Harting, bei der Siegerehrung in Rio de Janeiro an einem minderschweren Fall des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms leidend, hat im stillen Kämmerlein wahrscheinlich klammheimlich vor sich hingelächelt, dass dieser Kelch an ihm vorüberging. Der Diskus-Olympiasieger bei der Wahl zum Sportler des Jahres nicht einmal unter den Top Ten, von den Sportjournalisten abgestraft – nur Elfter im Ranking, das Legenden kreiert.

Echt bemerkenswert, hat der große Bruder Robert in den vergangenen Jahren doch gleich dreimal in Serie den Titel abgeräumt. Doch der Berliner Psychologie-Student, der bei sich ja ganz offen „eine leichte Macke“ diagnostiziert hat, war nicht die einzige Spitzenkraft von Sport-Deutschland, die dem Familienfest des Sports in Baden-Baden mehr oder weniger freiwillig fernblieb. Alfons Hörmann, eigentlich unermüdlicher Propagandist des einig deutschen Sportlandes blieb der Familienfeier fern.

Weder die unglaublich goldig aussehende ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein noch ihr Partner am Mikrofon, Aktenzeichen-XY-Fahnder, Rudi Cerne gingen auf das Fehlen des Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes ein. Aus gewöhnlich gut informierten DOSB-Kreisen verlautete der Präsident sei verhindert. Die gelegentlich desinformierte Medienmeute unkte zwischen zwei Rio-Gedächtnis-Caipis, ob der erste Mann des Sportstaates die 2017er Feier im Kurhaus noch als Amtsträger erleben werde. Schließlich trat Hörmann fast in jedes sportpolitische Fettnäpfchen, das irgendwo aufgestellt war.

Das Schwänzen der Nummer eins verwundert, ist die zum 70. Mal veranstaltete Gala doch gerade die Party, bei der sich der deutsche Sport gerne selbst beidhändig auf die Schultern klopft und mit emotionalen Bildern und glamourösen Auftritten seiner Stars noch einmal die Gänsehautmomente des Sportjahres hervorzaubert. Immerhin präsentierten sich ansonsten alle Sieger den 750 Gästen, was keineswegs selbstverständlich ist. Michael Schumacher hatte 2004 im Rennoverall aus weiter Ferne kalte Grüße ins Badische gesandt, was die Sportlerin jenes Olympiajahres, die Kanutin Birgit Fischer, dem Formel-1-Weltmeister persönlich verübelte: „Er ist keiner von uns.“

Genau das Gegenteil verkörperte der frisch gebackene Motorsport-Champion Nico Rosberg. Der gebürtige Wiesbadener ist noch immer voller Glückshormone, sowohl über seinen ersten und letzten WM-Triumph als auch über die Entscheidung, sich künftig in seiner (noch) kleinen Familie eine Poleposition zu sichern. Den wegen seines ungewöhnlichen Schrittes zum Herzbuben der Nation gewordenen Rennfahrer hätten wohl auch die Gala-Gäste bei der Wahl weiter vorne gesehen , ging doch ein leicht enttäuschendes Raunen durch den Saal, als Rosberg nur als Drittplatzierter verkündet wurde. Der Sportler des Jahres, Fabian Hambüchen, zollte Rosberg allerhöchsten Respekt: „Der Nico spielt noch einmal in einer anderen Liga als wir.“

Sport ist gesund, wenn man es nicht übertreibt. Nun ist es die Krux der modernen Helden und Heldinnen, dass sie es von Berufs wegen übertreiben müssen. Sichtbar war das sogar auf der Show-Bühne. Die Schulter von Laura Ludwig ist gerade von kundigen Chirurgen geflickt worden, weshalb der rechte goldene Arm der Beachvolleyball-Olympiasiegerin zurzeit noch per Manschette stillgelegt ist. Ihre Partnerin Kira Walkenhorst war zum Auftakt des olympischen Turniers noch vom Schulterdach bis zum Bauchnabel getapt angetreten. Noch nicht ganz rund läuft Andreas Toba, der Turnheld von der Copacabana, der wegen dort gezeigter Tapferkeit gegen den Schmerz mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde.

Mehr noch als mit vielen körperlichen Leiden haben die Sportler und Sportlerinnen mit Seelenqualen zu kämpfen. „Einige Höllenfahrten“ habe er während seiner Karriere erlebt, erzählte Fabian Hambüchen. Angelique Kerber galt, bevor sie in diesem Jahr wie eine Rakete durchstartete, als das personifizierte Nervenflattern. „Ich weiß nicht, wie das Jahr verlaufen wäre, wenn der Matchball gegen mich im Erstrundenmatch von Melbourne erfolgreich gewesen wäre“, sagte die zweifache Grand-Slam-Siegerin. Tröstliches Fazit der psychologischen Nabelschau: „Jeder Tiefschlag hat mich auch immer stärker gemacht“, fasste Angelique Kerber zusammen, was Fabian Hambüchen, Kira Walkenhorst und Laura Ludwig ebenfalls an physischer und psychischer Pein erlitten hatten, bevor der sportliche Gipfelsieg sie alle reich entschädigte.

Während die Beach-Frauen und der immer noch jugendliche Turnvater der Nation auf der berühmt-berüchtigten After-Show-Party noch mehr oder weniger Gas gaben, bettete die neue Tennis-Primadonna ihr Haupt bereits auf dem Hotelkissen. Mitte Januar will Kerber ihren Titel in Australien verteidigen. Die Vorbereitung dafür hat längst begonnen. „Ich habe noch viel vor.“ Na dann guten Morgen, Sport-Deutschland.

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