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Die Barra-Connection

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Der Wohnkomplex Ilha Pura in Rio de Janeiro: Prägnantes Firmenschild.
Der Wohnkomplex Ilha Pura in Rio de Janeiro: Prägnantes Firmenschild. © dpa

Erst schlafen die Sportler in den Hochhäusern im Olympischen Dorf, später werden daraus Luxuswohnungen. Mit dem Bau-Projekt möchte ein 91 Jahre alter Mann Kasse machen.

Wind peitscht durch die neue Hochaussiedlung. Hier schlafen während der Olympischen Spiele die besten Sportler der Welt. Am Eingang steht ein Aufsteller aus Plexiglas, darauf der Schriftzug «Carvalho Hosken S/A». «Das soll verhüllt werden», sagt Domingo Nunes und kämpft mit seinem Zollstock gegen die Windböen.

Der Name Carvalho Hosken soll nicht allen ins Auge springen, wenn die Sommerspiele am 5. August in Rio de Janeiro starten. Aber der 91 Jahre alte Mann und Milliardär, der hinter dem Firmennamen steckt, könnte zum Gewinner der Wettkämpfe schlechthin werden. Auch wenn er sich derzeit lieber im Hintergrund hält.

Rund 10 000 Athleten werden die «Ilha Pura», die «reine Insel», bevölkern. So heißt die Wohnanlage, die nun erstmal als Olympiadorf genutzt wird. Die Adresse: Avenida Salvador Allende Nr. 3200, Stadtteil Barra de Tijuca, Rio de Janeiro. Schon einige Tage vorher (ab Sonntag, 24. Juli) dürfen die ersten Sportler einziehen.

Dabei ist Barra eigentlich kein klassischer Stadtteil. Das Gebiet wirkt eher wie eine eigene Stadt, mit mehr als 300 000 Einwohnern. Hier leben die Wohlhabenden. Barra de Tijuca ist ein ganz anderes Rio, als es Touristen kennen. Vieles wirkt neu, geschäftig, sehr amerikanisch.

Dass die Olympia-Macher die Wettkämpfer gerade in Barra einquartieren, ist eine Geschichte für sich. Eine Geschichte über den Nutzen von Olympia und über fragwürdige Deals. Auch der umtriebige Bürgermeister der 6,5-Millionen-Stadt, Eduardo Paes, spielt darin eine Rolle. Kritiker werfen ihm vor, im Gegenzug für hohe Geldspenden das Baurecht geändert zu haben. Und mit Steuergeldern private Profite mit dem Olympischen Dorf zu fördern, was er natürlich bestreitet.

In den Wohnblocks soll nach Olympia vor allem die weiße Mittel- und Oberschicht einziehen. 3604 Apartments gibt es im Komplex «Ilha Pura». Hinter Carvalho Hosken steht Carlos Carvalho, eben jener 91-Jährige, der die Hochhäuser in einem Baukonsortium mit dem von Korruptionsskandalen erschütterten Konzern Odebrecht hochziehen ließ.

Baulöwe als Patron

Carvalho gilt als «Patrón von Barra», als Mitschöpfer des Stadtteils, der an die US-Stadt Miami erinnert. Vor einem Komplex mit 18 Kinos steht die Nachbildung der Freiheitsstatue aus New York. Sie sieht kitschig aus, passt aber zur amerikanischen Atmosphäre.

Zehn Millionen Quadratmeter Land bezeichnet Carvalho hier als seines, oft bebaut mit Hochhausblöcken. Der Stadtteil ist mit sein Werk. Der Unternehmer gilt als Visionär mit Gespür fürs Geschäft. Erst hatte Carvalho viel in zwei Strandvierteln, in Copacabana und in Leblon, gebaut. Dann verlegte er sein Geschäftsfeld nach Westen, wissend, dass sich die Stadt ausdehnen wird. Nun liegt hier das Olympiadorf, 35 Kilometer entfernt von Copacabana mit seinem Traumstrand.

Nach einer «reinen Insel», die der Name verspricht, sieht es in diesem Sportler-Dorf nicht aus. Auf einem Werbeplakat hält zwar ein Mann eine Frau im Arm, romantisch blicken sie auf eine große Wasserfläche. Doch das Gelände gleicht eher einer Betonwüste, dominiert von 31 Hochhäusern mit je 17 Stockwerken. Über eine vierspurige Schnellstraße kann man entfernt die Lagune Jacarepaguá sehen, die aber verdreckt ist und stinkt. An ihr liegt der Olympiapark, das sportliche Zentrum der Spiele mit den meisten Wettkampfstätten.

Gibt man «Ilha Pura» im Internet ein, geht es sehr wohl hinein in Traumwelten: Das Geschäft der Firma Carvalho Hosken und des Partnerunternehmens Odebrecht für die Zeit nach Olympia läuft. Da ist zum Beispiel der Komplex Saint Michel mit fünf Hochhäusern - benannt nach den französischen Regionen Bordeaux, Bourgogne, Provence, Alsace (Elsass) und Champagne. 131 bis 160 Quadratmeter große Apartments. Natürlich gehört ein Pool zum Haus. Preis: 1,52 Millionen Reais (420 000 Euro) für 160 Quadratmeter.

Für europäische Verhältnisse noch günstig. Aber auch angesichts der Lage, weit weg vom Zentrum Rio de Janeiros, ein stolzer Preis.

Gäste betreten die «Ilha Pura» durch ein weitläufiges Entrée, viel Holz, eine Theke. Dahinter ein missmutiger Wachmann in schwarzer Bomberjacke. «Das Sagen hat jetzt hier das Internationale Olympische Komitee», stellt er klar. Das Organisationskomitee in Rio hat sich um die Herrichtung des Dorfes für die Athleten gekümmert.

19000 Betten und 3600 Sofas

Auch Trainer und Betreuer ziehen hier ein. 19 000 Betten, 10 650 Schränke, 11 152 Klimaanlagen, 3604 Sofas, 120 580 Handtücher. Doch die Besichtigung einer Wohnung im Komplex Saint Michel zeigt: Während draußen Pools, Fahrradwege und Tennisplätze in der Sonne glänzen, das Olympische Dorf ansprechend wirkt, ist es innen ernüchternd einfach, fast spartanisch. In einer Musterwohnung stehen schmale Betten mit Eisengittern. Statt Kleiderschränken gibt es mit Reißverschlüssen versehene Plastikboxen. Die Rio2016-Organisatoren sind wegen einer tiefen Rezession zum massiven Sparen gezwungen.

Während der Olympia-Wochen sollen in Saint Michel die Brasilianer und Briten wohnen, die Deutschen in einem anderen Komplex. Nach den Spielen kommt alles raus, dann werden die Häuser auf Luxus getrimmt. Kinos, Saunen, Fitnessstudios sollen später Standard sein.

«Ab Juni 2017 ist alles bezugsfertig», sagt der Vermarkter. Der Verkauf laufe gut - doch es gibt auch gegenteilige Gerüchte. Das Luxuskonzept unterscheidet Rio zum Beispiel von den Spielen in London 2012. Dort bescherte das Olympische Dorf im East End den Bürgern mit weniger dicken Geldbeuteln nach den Spielen erschwingliche Wohnungen.

Carlos Carvalho dagegen setzt schon länger auf seine Vision eines weißen Rios. Mit weniger Kriminalität als bisher, ohne Favelas, also Armensiedlungen, die durch den Zuzug schwarzer Tagelöhner entstanden waren.

Um 1900 startete diese Entwicklung - heute leben rund 20 Prozent der Bewohner Rios in Favelas. Auch das Gebiet von Vila Autódromo am Olympiapark war bisher eine der wenigen Armensiedlungen mitten im Herzen Barras. Einfache Arbeiter lebten dort, mit legalen Besitztiteln. Das Viertel wurde - bis auf ein paar Häuser mit kämpferischen Bewohnern - plattgemacht. Die Menschen zogen in Billigwohnungen um. Der Unternehmer Carvalho hatte sich dafür starkgemacht.

Verräterisches Interview

Rund ein Jahr vor den Spielen gab er dazu dem britischen Sender BBC und der Zeitung «Guardian» ein sehr offenherziges Interview. Mit Blick auf die Vila Autódromo, deren Bewohner teils mit Polizeigewalt aus ihren Häusern geholt wurden, sagte er: «Sie werden jetzt ihrem Standard entsprechend wohnen. Sie müssen gehen.» In den Randbezirken gebe es genug Platz, das Zentrum gehöre der Elite. Die Reaktionen darauf waren, milde ausgedrückt, nicht positiv.

Eine aktuelle Anfrage an seine PR-Beraterin Bruna Coutinho für ein Interview wird abgeblockt, auch ein schriftlicher Fragenkatalog bleibt unbeantwortet. Es sollte um Carvalhos Geschäfte, seine Geldzuwendungen an den Bürgermeister, seine Vision von Barra gehen. Die Antwort: Leider nein. «In der Zeit der Olympischen Spiele werden solche Anfragen vom Bürgermeister Rio de Janeiros bearbeitet.»

Sieht wie ein Maulkorb aus. Bürgermeister Eduardo Paes hatte damals wenig amüsiert reagiert: «Ich habe eine gute Beziehung zu ihm, aber das bedeutet nicht, dass ich immer seiner Meinung bin. Was er gesagt hat, ist ein Skandal.» Als Politiker weiß er, dass die Aussagen Carvalhos in einer Stadt mit einem großen Gefälle zwischen Arm und Reich und Widerstand gegen Olympia Sprengstoff waren. Inzwischen sind, so ergab eine Umfrage, 50 Prozent der Brasilianer gegen die Rio-Spiele.

Paes jedoch preist das Sportfest, das 10,5 Milliarden Euro kostet, als Geschenk an die Bewohner. Das Geschäft damit machen aber eher Leute wie Carlos Carvalho, die noch reicher werden. Ein Index des Wirtschaftsdienstes Bloomberg schätzt dessen Vermögen auf 4,2 Milliarden Dollar (3,7 Milliarden Euro) und sieht ihn als 13-reichsten Brasilianer.

Der studierte Ingenieur und Vater von vier Kindern lässt zu seinem Erfolgsgeheimnis erklären, er sei unermüdlich. Auch mit über 90 Jahren arbeite von morgens bis abends. Er hatte schon in den 1970er Jahren auf die Entwicklung Barras gesetzt. Der Zuzug ließ seine Kassen klingen. Die Quadratmeterpreise sind lange stark gestiegen. Nach Barra führt für Olympia eine neue Metrolinie, die 2,5 Milliarden Euro kosten wird. Hinzu kommen neue Schnellbuslinien.

Man hätte auch einen ärmeren Teil Rios zum Herzstück der Spiele machen können. Eine benachteiligte Region entwickeln, Spiele fürs Volk. So findet Olympia in der Welt der Wohlhabenden statt.

Bürgermeister mit Nähe zu Barra

Bürgermeister Paes, nie um einen flotten Spruch verlegen, ist Teil der Barra-Connection. Der 46-Jährige, der den Dauer-Optimisten gibt, startete in diesem Teil Rios 1993 als Unterpräfekt seine Karriere. Interessant: Im Jahr 2012 spendete Carvalho 650 000 Reais (180 000 Euro) für die Wiederwahlkampagne von Paes und dessen Partei PMDB.

Kritiker fragen: Ging da alles mit rechten Dingen zu? Einer davon ist der Anwalt Jean Carlos Novaes. Einen Kilometer entfernt vom Olympischen Dorf, Treffen in einem Hotel am Olympiapark mit dem Juristen. Alles ist lichtdurchflutet, in drei Stunden Gespräch kommt gerade einmal ein Gast zur Rezeption. In der Bar daneben: niemand. Es muss sich noch zeigen, ob es nach den Spielen in Barra wirklich einen solchen Zustrom an Gästen gibt, dass diese Hotels besser laufen.

Der Anwalt für Immobilienrecht hat Hunderte Dokumente studiert. Sein Urteil ist eindeutig: «Carvalho ist der Hauptnutznießer des Olympia-Erbes.» Er habe das Brachland vor vielen Jahren sehr günstig gekauft. «Es wurden dann die Regeln geändert, es war zuvor nur erlaubt, Gebäude mit maximal acht Stockwerken zu bauen.» So sei der Wert des Geländes für Carvalho sprunghaft gestiegen. Von weitem ist zu sehen, dass die Türme des Olympischen Dorfes die anderen Gebäude der Gegend deutlich überragen.

Bei der Ausschreibung sei zudem von vornherein klar gewesen, dass das Konsortium Hosken/Odebrecht den Zuschlag bekomme, behauptet Novaes. Carvalhos Baupartner, der Baukonzern Odebrecht steht seit längerem im Fokus eines Brasilien erschütternden Skandals um hohe Schmiergeldzahlungen bei Auftragsvergaben. Ex-Chef Marcelo Odebrecht wurde im März zu 19 Jahren und 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Es würde so manchen Experten in Brasilien nicht überraschen, wenn es auch in Sachen Olympia noch zu Korruptionsenthüllungen käme.

Ein Anwalt sammelt Indizien

Novaes möchte Bürgermeister Paes vor Gericht bringen. Denn da sei noch die Sache mit dem olympischen Golfplatz in einem Naturreservat. Dort baut ein zweiter Immobilien-Großunternehmer in Barra mit seinem Unternehmen Cyrela. Nur dank der Änderung strenger Umweltrichtlinien dürfe dort überhaupt gebaut werden, so Novaes.

Er sieht wegen der Finanzierung von Paes' Kampagnen Indizien für mögliche Korruption. Was Rios Bürgermeister mit Verweis auf die Legalität von Parteienspenden klar zurückweist. Paes werden Ambitionen auf die Präsidentschaftskandidatur 2018 nachgesagt. Auf Anfrage erläutert ein Sprecher, die Spiele würden dem Wohl der Stadt dienen, es habe keine Begünstigung für Carvalhos Projekte gegeben.

Paes betont wiederholt, dass gerade wegen der privaten Investitionen, die über die Hälfte der Gesamtkosten ausmachen, Olympia in Rio in einem verträglichen Finanzrahmen bleibe. Aber der Bundesstaat Rio de Janeiro hat kurz vor Olympia den finanziellen Notstand ausgerufen und brauchte von der Regierung Notkredite von 800 Millionen Euro.

Vor dem Olympiadorf der Athleten steht an einem Tag im Mai Pedro Osari. Er hält einen Hammer in der Hand und blickt auf die Hochhäuser. Er wird sich hier nie eine Wohnung leisten können. Osari soll dafür sorgen, dass die Fäkalien der Bewohner sauber abfließen. «Wir kümmern uns um die ganzen Abwasserleitungen, ein komplexes System», sagt der 50-Jährige. Auf seinem grauen Overall ist das Emblem von Cedae zu sehen, der staatlichen Abwasserfirma Rio de Janeiros.

Für den Anwalt Novaes ist das ein weiteres Indiz für Filz: «Der Staat übernimmt alle Kosten für die gesamte Infrastruktur bei der Ilha Pura.» Zudem habe Carvalho günstige Baukredite der staatlichen Bank Caixa Econômica Federal erhalten, betont er. Das Ganze sei aber von keinerlei Nutzen für die Allgemeinheit.

Noch muss sich zeigen, ob Carvalhos Reibach wegen der Rezession so wie erhofft ausfallen wird. Jedenfalls kann er in den kommenden Wochen weltweit auf viele schöne Bilder seiner «Ilha Pura» setzen. Und nach den Spielen damit werben, dass Olympiasieger seine Apartments eingewohnt haben. (Georg Ismar, dpa)

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