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Ryoyu Kobayashi hat als dritter Skispringer den Grand Slam geschafft.

Ryoyu Kobayash

Der Außerirdische

Der überragende Skispringer und neue König der Vierschanzentournee Ryoyu Kobayashi ist nur ein bisschen verrückt.

Als der neue König der Vierschanzentournee im Schnee von Bischofshofen gelandet war, war es sogar um die Fassung einer Legende geschehen. Noriaki Kasai ging in die Knie, ballte die Faust, ehe er seinen heranschlitternden Schützling ausgelassen herzte. Ryoyu Kobayashi hatte in diesem achten und letzten Sprung der 67. Vierschanzentournee nur irgendwie ins Tal kommen müssen. 

Doch der 22-Jährige machte auch diesen letzten Auftritt noch einmal zu einer Demonstration. 137,5 Meter weit war er geflogen. Das war nur nicht nur der erste Tournee-Triumph eines Japaners seit Kazuyoshi Funaki 1998. Kobayashi reihte sich auch ein in den Zirkel der Legenden. Nach Sven Hannawald (2002) und im Vorjahr Kamil Stoch ist er der dritte Skispringer, der das wichtigste Turnier seiner Zunft mit dem Grand Slam aus vier Tagessiegen für sich entscheiden konnte.

Ausgerechnet Markus Eisenbichler war lange am nächsten dran, dem neuen Regenten zumindest diese Zacke aus seiner Krone zu brechen. Der Siegsdorfer hatte nach Training und Qualifikation auch den ersten Durchgang dominiert (137 Meter). Doch im Finale versagten ihm die Nerven. 131,5 Meter reichten nur noch zu Platz fünf. Bundestrainer Werner Schuster haderte trotz einer famosen zweiten Gesamtrangs ein bisschen. „Er hätte nur drüberfahren müssen“, sagte der Österreicher, „aber er wollte wieder einen Wundersprung machen.“ Eisenbichler selbst war einfach nur happy: „Geil, geil, geil, geil, geil, ohne Scheiß. Es ist einfach mega. Ich mag allen danken, die mich unterstützt haben“, sagte er. 

Triumph bei der Vierschanzentournee

Dass indes Ryoyu Kobayashi sein Kunstwerk Tourneesieg auf diese Weise abrundete, war folgerichtig. Kobayashi war der mit Abstand kompletteste und beste Flieger dieses Turniers. Viele Experten, Trainer und auch Konkurrenten redeten sich auf dem Weg von Oberstdorf nach Bischofshofen die Köpfe heiß, was dieser Mann aus Hachimantai so viel besser macht als die Konkurrenz. Er selbst äußerte sich spärlich. Videos habe er halt geschaut. Sich das Beste abgeguckt. Klingt einfach. 

Das Geheimnis liegt wohl in jener Phase nach dem Absprung. Schnell wie kein zweiter kommt der nun achtmalige Saisonsieger in die Flugphase über dem Ski. Wo andere Tempo verlieren, da gewinnt er hinzu und fliegt die entscheidenden Meter weiter ins Tal.

Es ihm da irgendwann gleichzutun, das dürfte die Aufgabe sein, an der in den diversen Springerlagern nun getüftelt wird. Einstweilen belässt es die Konkurrenz beim Staunen. Auch Stefan Kraft, der Co-Gastgeber Österreich mit einem weiteren dritten Platz in Bischofshofen versöhnte, zuckte nur die Schultern: „Was der macht, ist der Wahnsinn.“ Und so scheinen dem Mann mit der großen Vorliebe für Geschwindigkeit – wenn er die Zeit hat rauscht er mit einem Porsche Caiman durch seine Heimat – vorläufig keine Grenzen gesetzt.

Die WM im Februar in Seefeld steuert er natürlich als Topfavorit an. Und sogar die bisherige Weltbestmarke von Peter Prevc, der vor drei Jahren insgesamt 15 Saisonsiege einflog, ist alles andere als Utopie. Was Kobayashi selbst auch irgendwie logisch fände: „Warum sollte ich das denn nicht schaffen?“

Wenn es nicht doch wieder einmal die Momente gibt, in denen auch der Außerirdische einmal irdisch wird. So wie im ersten Durchgang in Bischofshofen. Wegen des zu starken Windes auf der Anlage musste er da noch einmal vom Balken – und flog mit 135 Metern prompt „nur“ auf Platz vier der Zwischenwertung. Doch diesen kleinen Makel hatte der neue König der Vierschanzentournee ja schnell korrigiert.

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