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Wohin führt der Weg der Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt? Vieles ist in der Corona-Krise ungewiss geworden.

Ironman

Auspressen wie eine Zitrone

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Der Ironman Frankfurt sucht einen Termin im September, aber nicht nur die Konkurrenz mit dem Radrennen macht es schwierig. Das Geschäftsgebaren verliert bei den Triathleten an Akzeptanz.

Es sind bewegte Tage für den Frankfurter Stadtrat Markus Frank. Der 51-Jährige hat in Pandemie-Zeiten noch mehr zu tun als gewöhnlich, was bei seiner Ämterfülle kaum verwundert. Der CDU-Politiker ist Dezernent für Wirtschaft, Sport und Sicherheit, zudem zuständig für die Wochenmärkte und die Feuerwehr. Die Bestellung von 2,2 Millionen Atemschutzmasken für die Schutzbedürftigen der Feuerwehr, die Verbotsverfügung zu einem Ostermarsch, aber auch Notfallpläne der großen Frankfurter Sportveranstalter laufen über seinen Schreibtisch. Und damit auch Planspiele für den Frankfurt Ironman, der vom ursprünglichen Termin am 28. Juni auf einen späteren Zeitpunkt verschoben ist. Nur wann können die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen bewältigt werden?

Die Ironman-Organisation teilt dazu mit: „Hier sind Ausweichtermine im September im Gespräch. Einen konkreten Termin gibt es noch nicht. Unser Versprechen an die Athleten ist es, uns bis Ende April mit einem Update zu melden.“ Frank bestätigt gegenüber der FR „gute Gespräche mit dem Veranstalter. Wir versuchen ihn zu unterstützen, einen Ersatztermin zu finden.“ Renndirektor Pascal Morillon, der in den Büros in Liederbach die Leitzentrale besetzt, sagt: „September wäre unser Wunschtermin. Oktober ist für uns definitiv zu spät.“ Der gebürtige Franzose zieht seit der Gründung 2002 die organisatorischen Strippen und weiß, dass die bisherigen Beteuerungen nicht bedeuten, „dass das Rennen auch wirklich stattfindet.“ Weil auch in das Alternativszenario noch viel Optimismus eingespeist ist.

Wenn mindestens bis zum 31. August keine Fußballspiele mehr vor Publikum möglich sind, dann müssen die Macher gute Argumente haben, dass von einem „Blut-Schweiß-Tränen-Event“ (Frankfurt-Begründer Kurt Denk) mit dem Massenstart am Langener Waldsee und Zehntausenden Zuschauern am Römer im September keine Gefahr ausgeht. Das nächste Problem ist der volle Frankfurter Veranstaltungskalender: Das Museumsuferfest (28. – 30. August) läutet den Endspurt vieler Veranstaltungen und Feste unter freiem Himmel ein. Zudem ist auch der am 1. Mai abgesagte Radklassiker Frankfurt – Eschborn inklusive Velotour für Hobbyradsportler für diese Zeitspanne auf Terminsuche. „Derzeit wird mit den zuständigen Behörden und dem Radsportweltverband UCI geprüft, ob und wann das Rennen im September oder Oktober dieses Jahres stattfinden kann“, heißt es da. Eines des wichtigsten deutschen Eintages-Radrennen tritt damit in direkter Konkurrenz zu einem der größten Triathlon-Langdistanzrennen.

Frank kann nicht bestätigen, dass für die Ironman-Europameisterschaft bereits der 27. September konkret ins Auge gefasst wurde. Altersklassenathleten haben dazu wegen der womöglich herbstlichen Witterung bereits massive Bedenken angemeldet. Sonnenaufgang ist an jenem Sonntag erst um 7 Uhr. Sonnenuntergang bereits um 18.54 Uhr. Für den längsten Tag des Jahres verblieben nur zwölf Stunden Helligkeit. Der Startschuss am Langener Waldsee könnte nicht um 6.25 Uhr erfolgen, viele Altersklassenathleten würden Teile vom Marathon am Mainufer in der Dunkelheit bestreiten.

Grundsätzlich lobt Sportdezernent Frank die „hohe Organisationsqualität einer unserer wertvollsten Sportveranstaltungen“. Stadt und Region würden bei dem Großevent zusammenwachsen. Die Bilder der leidenden Eisenmänner vor der Skyline gehen um die Welt. Die Stadt Frankfurt bezuschusst mit 320 000 Euro den Ironman, der selbst lokale Organisationskosten von 1,4 Millionen Euro veranschlagt. Allein über die hohen Startgelder von 630 Euro für jeden der 3000 Starter vereinnahmt der Ausrichter rund 1,9 Millionen.

Und diese stattliche Summe will Ironman partout nicht rausrücken. Offiziell heißt es: „Unser Fokus, liegt zu 100 Prozent darauf, unseren Athleten ein Rennen anzubieten.“ Die angebotenen Alternativen sind 2020 zum neuen Termin, aus einer Auswahl von bis zu drei Rennen bei einem anderen Ironman-Rennen oder 2021 beim ursprünglichen Event zu starten. Deutlich kulanter ist die Konkurrenzserie Challenge, die abzüglich einer Bearbeitungsgebühr auf Aufforderung eine Rückerstattung vornimmt. Für viele Triathleten ist es eine besondere Crux, dass sie ihr Startgeld wohl abschreiben müssen – selbst wenn ihnen aus persönlichen Gründen ein Nachholtermin nicht passen sollte.

In einen Protestschreiben an die FR beschwert sich ein siebenfacher Ironman-Finisher und Gründungsteilnehmer in Frankfurt, der eigentlich diesen Sommer starten wollte: „Meine Motivation ist leider erheblich getrübt, denn ich kann weder adäquat trainieren noch heute sagen, ob ich aus beruflichen Gründen an einem Verschiebetermin teilnehmen könnte oder gar im kommenden Jahr die Zeit für solch ein Vorbereitungsprogramm fände. Diese Entscheidungen kann aber Ironman keinesfalls für mich treffen!“ Ihm „blute regelrecht das Herz, wenn man sieht, wie sich die Ironman-Corporation darstellt, wie sie mit ihren Athleten umgeht und diese im Regen stehen lässt“. Und ferner schreibt er: „Auch alle Sponsoren, die zum Teil öffentliche Gelder verwalten, müssten sich eigentlich umgehend und sehr deutlich auf die Seite der Sportler stellen, um nicht in diesen Imageschaden einbezogen zu werden.“

Was sagt die Mainova als Titelsponsor zu den Vorgängen? Ferdinand Huhle, Leiter Konzernkommunikation und Public Affairs, spricht bei der Verschiebung von einer „richtigen Entscheidung“, denn: „Die Gesundheit aller Athleten, Zuschauer und Helfer hat oberste Priorität und dafür müssen alle hierfür notwendigen Maßnahmen ergriffen werden. Außerdem brauchen Sportler für eine solch besondere Herausforderung wie einen Ironman auch Planungssicherheit. Nur obliegt es nicht uns als Sponsor, eine Veranstaltung abzusagen oder zu verschieben.“ Huhle gibt im Gespräch mit der FR zwar zu verstehen, dass er sich bei der Frage nach einer Rückzahlung der Startgelder eine „athletenfreundliche Regelung im Sinne aller Partner wünschen“ würde, aber Vorgaben kann und will der Sponsor nicht machen, der nach FR-Informationen 210 000 Euro jährlich zahlt. 2020 läuft der Vertrag aus. Sollte es in diesem Jahr keine Veranstaltung geben, würde sein Unternehmen fürs nächste Jahr als Partner erhalten bleiben, gibt der Mainova-Sprecher zu verstehen. Ob danach die Zusammenarbeit verlängert wird, ist derzeit völlig offen. „Darüber würden wir ohnehin erst sprechen, wenn ein hoffentlich wunderbares Event wieder zustande gekommen ist.“

Unter dem Dach der wichtigsten Triathlon-Marke Ironman sind mehr als 235 Events in 55 Ländern gefasst, die gerade die amerikanische Firma Advance für kolportierte 730 Millionen Dollar von der chinesischen Wanda-Gruppe gekauft hat. Mitten in der Pandemie gilt es offenbar, Umsatzeinbrüche unter allen Umstände so gering wie möglich zu halten, was erklären würde, warum sich die Organisatoren so krampfhaft an ihre Rennen krallen. Ein Zusammenhang zwischen dem am 26. März vermeldeten Deal wird auf FR-Anfrage zurückgewiesen: Man müsse Verständnis haben, „dass wir Ihnen in der aktuelle Phase des Verkaufsprozesses keine weiteren Informationen geben können.“

Auskunftsfreudiger war allerdings Jesse Du Bey, der einst schon involviert war, als 2008 der Finanzinvestor Providence einstieg. Der Amerikaner sitzt mit seinem Beteiligungsunternehmen Orkila nun erneut an den Schalthebeln. Der aus Hamburg agierende Du Bey entdeckte den Ausdauersport als idealen Stressabbau für sich, absolvierte selbst vor mehr als zehn Jahren den Ironman Hawaii unter 9:30 Stunden. Seine Passion für die Kombination aus Schwimmen, Radfahren und Laufen ist zweifelsohne echt, doch im Gespräch mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ hat der alte und neue Ironman-Impresario bestätigt, die Kommerzialisierung noch gnadenloser vorantreiben zu wollen.

Gerade hat Ironman mit dem Unternehmen Rouvy einen Partner für eine virtuelle Rennstrategie gewonnen, um einen neuen Trend zu monetarisieren. Eine digitale Leidensgemeinschaft, genannt „Ironman Virtual Club“, ist bereits ins Leben gerufen. Werden bald virtuelle Ersatzwettkämpfe zur Kompensation angeboten, wenn das reale Leben in diesem Jahr keine Triathlon-Veranstaltungen ermöglicht? Vielleicht ist Du Bey deshalb so optimistisch, wenn er über die Corona-Krise sagt: „Ironman wird das überstehen.“ Aber nur, indem die ausdauernden Enthusiasten an der Basis weiterhin bereit sind, sich wie eine Zitrone auspressen zu lassen. Und Städte und Sponsoren dieses unwürdige Spielchen für den Triathlon mitmachen.

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