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Ausgelassene Stimmung in Oberstdorf

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Von: Jörg Winterfeldt

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Richard Freitag bei der Qualifikation.
Richard Freitag bei der Qualifikation. © dpa

Die deutschen Springer unterstreichen während der Qualifikation in Oberstdorf ihre gute Form.

Sie hatten Mühe, bei aller Ekstase die Contenance zu wahren. Den ganzen Tag hatte Oberstdorf bis zum Anbruch der Dunkelheit unter strahlender Sonne gelegen. Und kaum dass die Vierschanzentournee mit der Qualifikation zum ersten Springen am Samstag begonnen hatte, vermeldeten die Veranstalter 14.400 Zuschauer. Berauscht flankiert vom Zusatz: „Neuer Weltrekord“.

Auf den Tribünen herrschte entsprechend ausgelassene Stimmung. Das Stadion lag fest in deutscher Hand, wenn man davon ausgeht, dass diejenigen, die nicht die schwarz-rot-goldenen sondern weiße Fahnen wedelten, das weder zum Zeichen der Kapitulation noch der Begeisterung für den Autohersteller taten, den die vier Ringe darauf symbolisierten. Ganz vereinzelt nur waren ein paar rot-weiß-rote Flaggen zu erkennen – offensichtlich grenzen Fellhorn und Nebelhorn Deutschlands südlichste Stadt sicher nach Österreich ab.

Ein Tourneesieger braucht auch Glück

Selten ist seit dem Ende der Ära Sven Hannawald, der vor 16 Jahren als bisher einziger Athlet alle vier Springen der Tournee gewinnen konnte, eine Qualifikation in Oberstdorf ähnlich erwartungsfroh angegangen worden. Und die deutschen Springer erwiesen sich würdig. Am Ende bestätigte Richard Freitag seine gute Form des Winters, indem er die Qualifikation souverän gewann mit einem Sprung auf 130,5 Meter trotz Rückenwindes. Hinter ihm landeten gleich noch zwei Landsleute in den Top Ten, Karl Geiger, 4., und Stephan Leyhe, 8., der mitfavorisierte Andreas Wellinger wurde 14., weil sein Sprung den stark wechselnden Windverhältnissen zum Opfer fiel. „Ich glaube der Sprung war ganz fein“, schwärmte Freitag, „damit wäre ich morgen zufrieden.“

Die Qualifikation ließ aber auch schon erahnen, was dieser Tournee noch bevorsteht. Immer wieder musste sie unterbrochen werden, weil der Wind außerhalb des zulässigen Bereichs war, so dass die Bedingungen allzu unfair gewesen wären. Doch trotz aller Möglichkeiten einer Jury, regulierend einzugreifen, etwa durch die Veränderung der Anlauflänge oder durch Wartezeiten, und trotz des Punktesystems, dass bei allzu viel Aufwind Abzüge beschert, bei starkem Rückenwind Gutschriften, zeigt sich, wie schwierig, ja fast unmöglich es ist, die Wettbewerbe fair zu gestalten. Und dass ein Sieger einer Vierschanzentournee bei allem Können auch Glück braucht.

Wechselhaftes Wetter angesagt

Denn die Verhältnisse in den anstehenden Wettbewerben drohen sehr heikel zu werden. Wechselhaftes Wetter ist angesagt. Für Oberstdorf sind Regen und Wind angekündigt, anschließend stellt sich in Bayern wohl eine Art Frühling ein mit Temperaturen bis in den zweistelligen Bereich. In der Qualifikation hätten Petrus Launen beinahe dem Japaner Junshiro Kobayashi zum Sieg verholfen. Denn just als die Favoriten nacheinander anzutreten hatten, nahm der Rückenwind wieder zu. Extremes Pech etwa hatte der polnische Vorjahressieger Kamil Stoch, bei dem der Wind zwischen Sprungfreigabe und Sprung plötzlich von Auf- in Rückenwind wechselte, so dass er trotz guter Form mit seinen 118 Metern Weite auf Platz 28 in der Qualifikation zurückgeblasen wurde.

Nur wenig besser erging es den folgenden Daniel Andre Tande, der norwegischen Tournee-Entdeckung des Vorjahres, sowie dem deutschen Wellinger. „Das war nicht so einfach, das macht eher weniger Spaß“, sagte Wellinger nach seinem Sprung, während oben als Letzter noch der Kollege Freitag saß und auf die Freigabe warten musste, mal auf dem Balken sitzend, mal neben ihm wartend, mal veränderten sie die Luke, um ihm einen längeren Anlauf zu geben, dann tauschten sie wieder zurück, dann schickten sie einen Vorspringer runter, um Zeit zu gewinnen und Erkenntnisse. 

Und während all dessen bekam Freitag immer mehr Zeit nachzudenken, über seine überragende Saison bisher, über die Erwartungen, darüber, dass viele Favoriten schon bei der Tournee gestrauchelt sind. Und natürlich auch, dass bei jeder Tournee zuletzt die Favoriten ein Vorrecht hatten, dass ihm in diesem Jahr leider durch ein verändertes Regelwerk geraubt wurde: als Vorqualifizierte über die Rangliste auf die Qualifikation einfach verzichten zu dürfen. Seine Ja,aber-Einstellung hatte Freitag schließlich vor der Tournee schon zur Schau gestellt. „Äh, ich kann sie gut springen“, hatte er schon über diese Schattenbergschanze gesagt, „ich kann aber auch einen richtigen Dreck zusammenspringen hier.“ Oder auch: „Ja, ich bin in einer guten, stabilen Form, aber auch diese Tournee wird Überraschungen bringen.“

Während Freitags Wartezeit sagte Wellinger gelassen: „Ich mach’ jetzt erstmal die Runde, und wer’n Foto machen will, kann das gern machen.“ Dann endlich durfte Freitag rauf auf den Balken und auch noch runter die Spur. Und er flog soweit, dass er hinter der blauen Laserlinie landete, die die zu schlagende Weite signalisiert. Kobayashi verdrängt, Zweifel beseitigt, die Tournee kann losgehen.

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