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Lance Armstrong hat den Prozess abgebogen.

Radsport

Armstrong kauft sich frei

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Ein Deal beendet einen drohenden 100-Millionen-Dollar-Prozess.

Irgendwie waren am Ende alle erleichtert, dass nun alles vorbei ist, sogar Floyd Landis, der die ganze Sache angezettelt hatte. „Ich hatte eigentlich keine Lust, alles noch einmal vor Gericht zu durchleben - und ich glaube, Lance hatte auch keine Lust und es hätte wahrscheinlich ohnehin nicht viel gebracht“, sagte Landis am Mittwochabend dem Sportportal ESPN. 

Die Rede war von der Klage, die Landis,  ehemaliger Teamkamerad von Armstrong und selbst überführter Doper, im Jahr 2010 gegen seinen einstigen Boss eingereicht hatte. Um 100 Millionen Dollar ging es, die Armstrong im Fall eines Schuldspruchs der US- Regierung hätte bezahlen müssen, ein Drittel davon wäre an Landis gegangen, der gemäß einer Eigenheit des amerikanischen Rechts an Stelle der Regierung als sogenannter „Whistleblower“ aufgetreten war. 

Nun muss sich Landis mit einer Million zufrieden geben oder mit 20 Prozent der Summe, die Armstrong bezahlen muss. Armstrongs Anwälte hatten sich zu Beginn dieser Woche mit der Staatsanwaltschaft auf einen Vergleich geeinigt, der siebenfache Toursieger musste gerade einmal fünf Millionen berappen. Damit vermied er eine langatmige Gerichtsverhandlung und vermochte den letzten sport- oder zivilrechtlichen Prozess zum Abschluss zu bringen, der noch gegen ihn anhängig war. 

Mit diesen fünf Millionen erkaufte sich Armstrong seine Freiheit, der gefallene Tour-Seriensieger kann nun seine Vergangenheit hinter sich lassen. Die Akte Armstrong ist endgültig geschlossen. „Vorwärts“ schrieb er deshalb am Mittwoch auch auf Twitter und stellte dazu das Logo, dass sein PR-Team schon vor einem Jahr für ihn entworfen hatte und das mit einem nach oben weisenden Pfeil seinen Aufbruch in ein neues Leben symbolisieren sollte. „Ich kann mich nun meiner Familie, meinem Podcast und meiner Liebe zum Sport widmen“, ließ Armstrong, spürbar erleichtert, wissen. 

Bis Mittwoch hatte das Damoklesschwert des vollkommenen persönlichen Bankrotts über Armstrongs Kopf geschwebt, doch das ist nun vorbei. Acht Jahre nachdem durch Landis’ Klage der Dopingverdacht gegen Armstrong auch die breite Öffentlichkeit erreichte und fünf Jahre nach seinem Geständnis in der Talkshow von Oprah Winfrey, ist für Armstrong seine Vergangenheit als einer der größten Dopingbetrüger in der Geschichte des Sports abgeschlossen. 

Landis: Alles nichts gebracht

Offenbar war auch Floyd Landis froh, dieses Kapitel abzuschließen. „Es ging mir nie um Lance“, sagt Landis. „Ich wollte damals einfach nur für mich ins Reine kommen. Aber es war klar, dass ich dabei Lance mitnehmen muss.“ 

Ein wenig motiviert hatte Landis bei seiner Klage freilich auch, dass eine Gerichtsverhandlung, bei der Zeugen öffentlich über Armstrongs Machenschaften hätten sprechen müssen, möglicherweise dabei geholfen hätte, den Radsport zu reformieren. Diese Hoffnung hat Floyd Landis heute jedoch aufgegeben. „Lances Sturz und mein Sturz haben gar nichts gebracht“, sagt Landis. „Der Radsportweltverband und die Weltantidopingagentur lügen noch immer, in dem sie behaupten, dass man in diesem Sport sauber irgendetwas erreichen kann.“ Landis hat mittlerweile dem Radsport den Rücken gekehrt und ist zynisch geworden. „Ich will in keiner Liste des Radsports mehr auftauchen“, sagt er. 

So zynisch hat freilich nicht jeder Betroffene darauf reagiert, dass es Armstrong gelungen ist, den Tag der Wahrheit vor Gericht zu vermeiden. So sagte Betsy Andreu, die Frau von Armstrongs Mannschaftskollegen Frankie Andreu, sie sei „vollkommen schockiert, dass die Regierung sich mit einer so geringen Summe zufrieden gegeben“ habe. Andreu fühlte sich um die Gelegenheit gebracht, vor einem Richter ihre Geschichte zu erzählen. „Armstrong hat versucht, mich zu zerstören.“ 

Armstrong hatte während seiner Krebserkrankung im Beisein von Betsy Andreu sein Doping zugegeben. Als die Versicherungs-Gesellschaft SEC sich 2005 weigerte, wegen der Dopinganschuldigungen Armstrongs Siegprämien auszuzahlen, sagte Andreu als Zeugin gegen Armstrong aus. Seither hatte Armstrong alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Andreu einzuschüchtern. 

Die Genugtuung einer öffentlichen Demütigung von Armstrong und seiner möglichen wirtschaftlichen Zerstörung, wird Andreu und andere durch Armstrong Geschädigte jedoch verwehrt bleiben. Einer der größten Dopingskandale der Geschichte endet nicht mit einem Knall, sondern mit einem Hinterzimmer-Deal. Armstrong behält einen Großteil seines Vermögens und hat sich bereits eine Zukunft im Radsport aufgebaut. Sein Fahrrad-Podcast ist überaus erfolgreich und er veranstaltet Breitensportevents. 

Wer seine Accounts in den sozialen Medien folgt, der weiß auch, dass er in jüngster Zeit vermehrt wieder mit seinen alten Mannschaftskameraden zusammen ist. Man fährt zusammen Rad, trinkt Bier und redet über alte Zeiten. Obwohl einige von ihnen unter Eid gegenüber der US-Antidopingagentur ausgesagt haben, hat die Kameradschaft offenbar keine Risse. Und die Reue scheint sich offenkundig ebenfalls in Grenzen zu halten.

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