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Applaus den Athleten

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Von: Frank Hellmann

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Goldmedaillengewinnerin Gesa Felicitas Krause jubelt mit Maskottchen Berlino.
Goldmedaillengewinnerin Gesa Felicitas Krause jubelt mit Maskottchen Berlino. © Michael Kappeler (dpa)

Hätten sich Hollywood-Regisseure für das "little Sommermärchen" der deutschen Leichtathletik eine Inszenierung ausdenken müssen, wäre wohl die kitschige Dramaturgie vom Samstagabend herausgekommen.

Eigentlich jammerschade, dass solch ein Event schon wieder Geschichte ist. Und es bestenfalls bis in den Sommer 2022 dauert, dass Berlin mit seinem Olympiastadion und seiner blauen Laufbahn mal wieder seinen roten Teppich für die besten Leichtathleten des Kontinents ausrollen darf. Wenn es eines Beleges bedurfte, dass die deutsche Sportlandschaft viel mehr zu bieten als nur den Fußball – der von der Bundesliga bis zur Nationalmannschaft seine Leistungsfähigkeit hinterfragt – dann war der Wettstreit im Laufen, Werfen und Springen der beste Beleg.

Was an dem in einem neuen Format eingebetteten Event so besonders war? Das ging schon damit los, dass die Höhepunkte an schönen Sommerabenden stattfanden; dass sich auch Frau und Kind mit nicht alkoholisierten und nicht grölenden Gleichgesinnten in eine S-Bahn setzen konnten; dass Tickets im Familienblock nicht 40 oder 50 Euro, sondern 16,50 Euro kosteten.

Geboten wurde zwei, drei Stunden Spitzensport auf allerhöchstem Niveau. So geballt und gebündelt, dass zwischendrin kaum eine Atempause blieb. Wer draußen ein Eis oder Bier kaufte, drohte drinnen auf fast voll besetzten Rängen etwas zu verpassen. Hätten sich Hollywood-Regisseure für das „little Sommermärchen“ der deutschen Leichtathletik eine Inszenierung ausdenken müssen, wäre wohl die kitschige Dramaturgie vom Samstagabend herausgekommen.

Angela Merkel hätte mal vorbeischauen können

Es passierte so viel, dass es einem fast schwindlig wurde, weil der Stadionbesucher neben dem Live-Geschehen auch noch Informationen von vier Videowänden aufsaugen sollte. Das verlangte neben Fachkenntnis auch viel Orientierung ab. Hier eine Wiederholung, dort eine Durchsage; hier ein Sprint, dort ein Sprung. Spätestens in dem Moment, als fast parallel Malaika Mihambo und Mateusz Przybylko in die Grube beziehungsweise über die Latte hüpften, wäre weniger mehr gewesen.

Die Europameister im Weitsprung der Frauen und Hochsprung der Männer sorgten für dramaturgische Höhepunkte. Zwischendrin schleuderte Nadine Müller den Diskus auf eine Weite, die lange für die Führung reichte. Shanice Kraft setzte die Scheibe spät auf Bronze. Viele kamen bei der Fülle der Höhepunkte kaum noch hinterher, und die deutsche Leichtathletik hat insgesamt bei der EM eine prächtige Visitenkarte abgegeben. Mit alten und neuen Helden. Und in der Regel umgab die Athleten eine authentische Aura, die zumindest keinen Zweifel an der leidenschaftlichen Hingabe ließ. Viele weinten vor Glück, weil ihr entbehrungsreicher Vorlauf – im Falle des Zehnkämpfers Arthur Abele sogar jahrelanger – mit einer Medaille belohnt wurde.

Solch Durchhaltevermögen hätte oft viel mehr Vorbildcharakter als die sich oft ähnelnde Vita vieler Fußballprofis. Die Spieler von Hertha BSC werden es schwer haben, in den Heimspielen einen solchen Spannungsbogen zu erzeugen wie die deutschen Leichtathleten. Insofern wäre es ein wichtiges Zeichen gewesen, wenn Angela Merkel wenigstens einmal den kurzen Weg vom Kanzleramt genommen hätte, um dem Olympiastadion ihre Aufwartung zu machen. Die Bundeskanzlerin kam nicht. Dass die zweifache Mutter Christina Schwanitz diese Versäumnis ansprach, ohne polemisch oder populistisch zu wirken, zeugt vom klaren Kopf einer mitten im lebenden stehenden Sportlerin. Solch Selbstbewusstsein ist noch einen Sonderapplaus wert. Fußballer sind dafür nämlich in der Regel viel zu feige.

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