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Fisch auf den Tisch: Bei fünf oder mehr Fischmahlzeiten pro Woche sinkt das Risiko für einen Herztod erheblich hat eine Studie gezeigt.

Apfel, Nuss, Mandelkern

Das Geschäft mit der Gesundheit: Vitamine und Mineralstoffe sind für den Menschen wichtig - es kommt aber auf die richtige Menge an

Von ROBERT LÜCKE

Es sind oft zwei, drei Meter Regalfläche, und darin stehen die ganzen Packungen mit Vitaminpillen: A, B, C, D, E, dazu Zinktabletten, Magnesium, Selen, Calcium, bis hin zu Vitamincocktails, in denen gleich alles drin sein soll, was man so braucht. Kaum eine Drogerie oder ein Supermarkt kommt noch ohne ein umfangreiches Angebot an so genannten Nahrungsergänzungsmitteln aus.

Die Menschen kaufen wie noch nie. Nach einer Untersuchung der Universität Hannover nehmen 40 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer regelmäßig Pillen, Säfte und Pülverchen - weil sie glauben, damit besser, gesünder und vielleicht sogar länger zu leben. In den 90er Jahren erlebten Vitaminpräparate einen regelrechten Boom, und die Nachfrage steigt noch immer. Fast 1,2 Milliarden Euro geben die Deutschen im Jahr für Vitamin- und Mineralstoffpräparate aus. Und wie es Riesengeschäfte nun einmal so an sich haben, versuchen jene, die daran verdienen, es mit geschickter Reklame weiter anzukurbeln.

Fest steht, dass Vitamine für den Menschen wichtig sind - es kommt nur auf die Menge an. Das wusste schon James Cook, als er 1768 Richtung Südpazifik in See stach. Zuvor hatte Cook große Mengen von Sauerkraut, Malzextrakt und Karottenmarmelade an Bord bringen lassen, denn das darin enthaltene Vitamin C sollte der gefürchteten Mangelerkrankung Skorbut vorbeugen. Skorbut forderte damals auf langen Seereisen viele Menschenleben.

Heute geht es um mehr als das bloße Überleben, es geht ums Geschäft mit der Gesundheit und die Bereitschaft der Verbraucher, dafür viel Geld auszugeben. In den USA existieren massenhaft Vitamin-Shops, in denen sich jeder ganz individuell - und gegen viele Dollars - Vitamincocktails zusammenstellen lassen kann. Es gibt es regelrechte Mode-Vitamine, im Moment ist es Vitamin E, das gegen alles Mögliche helfen soll; es kommt auf einen Marktanteil von elf Prozent. Die Gesundheitsindustrie lebt von der Annahme, dass Vitamine den Menschen vor nahezu jedweder Unbill schützen, vor allem vor Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Leider liefert die Wissenschaft sehr unterschiedliche Ergebnisse, was die positive oder auch negative Wirkung von Vitaminen direkt aus der Natur oder in Pillenform angeht. Und die Formel "Viel hilft viel" trifft hier nicht zu. Im Gegenteil. Allerdings muss grundsätzlich zwischen zwei Arten von Vitaminen unterschieden werden: Die wasserlöslichen, darunter Vitamin C, können bei Überdosierung ausgeschieden werden, während fettlösliche Vitamine länger im Körper bleiben und in zu hoher Dosis Schaden anrichten können. Seit 1995 wurden in den USA und Europa zehn große Untersuchungen zur Wirkung antioxidativer Vitamine, die gegen so genannte freie Radikale wirken sollen, durchgeführt. Bei 110 000 Männern und Frauen, die regelmäßig die Vitamine A, C und E, Betakarotin oder ganze Cocktails schluckten, fand man keinen schlüssigen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Vitaminpräparaten und einer geringeren Rate an Krebs- oder Herzerkrankungen. Demgegenüber sank das Risiko für Herzerkrankungen um zwölf Prozent bei jenen Menschen, die fünf Portionen frischen Obstes und Gemüses pro Tag aßen. Auf die Entstehung von Krebs hatte allerdings auch die natürlich-vitaminreiche Ernährung keinen Einfluss.

Ernüchternd sind auch die Ergebnisse einer Studie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie konnte keine vorbeugenden Effekte durch die Einnahme der künstlichen Vitamine A, E und C auf Krebs feststellen. Nun stehen nicht nur Vitaminpillen im Verdacht, Krankheiten auszulösen.

Auch die angeblich positive Wirkung von Vitaminen aus frischem Obst und Gemüse, die gegen Herzinfarkte helfen sollen, wird neuerdings stark angezweifelt. Anders als in früheren Labortests und Tierversuchen konnten Studien mit Menschen nämlich keineswegs beweisen, dass antioxidative Vitamine die Entwicklung einer Arterienverkalkung aufhalten. Wie immer gibt es aber auch hier unterschiedliche Meinungen: "Würde sich der Verzehr von Obst und Gemüse weltweit verdoppeln, könnte die Sterblichkeit durch Krebs um 30 Prozent zurückgehen", sagt Professor Helmut Bartsch vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Allerdings sagt Bartsch auch, dass "bisher keine Studie zeige konnte, dass das Krebsrisiko durch Vitaminpräparate wirklich gesenkt wird".

Wer gar zu viel Vitamine zu sich nimmt, lebt gefährlich, zeigt das Beispiel eines 63-jährigen Kanadiers und seines 29-jährigen Sohnes. 1999 wurden beide in einer Klinik in Toronto wegen Bindehautentzündung, Fieber und Erbrechen behandelt. Das sind die typischen Symptome einer Vitaminüberdosierung. Wie sich herausstellte, war der Zucker im Haushalt der Kanadier mit mehr als 20 Milligramm Vitamin D pro Gramm angereichert. Einen wesentlich erschreckenderen Effekt können Betakarotin-Kapseln haben, die vor allem in den USA von vielen Menschen in der Hoffnung geschluckt werden, damit Krebs vorzubeugen. Zwei Studien mit Rauchern führten zu der Erkenntnis, dass die Einnahme von Betakarotin das Krebsrisiko nicht senkt, sondern um satte 28 Prozent erhöht. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat nun festgelegt, dass Medikamente, die von starken Rauchern täglich zur Kurztherapie genommen werden, seit dem 1. Mai 2006 maximal 20 Milligramm Betakarotin enthalten dürfen. "Ein Grund für die umgekehrte Wirkung der vermeintlich gesunden Vitamine liegt darin, dass die Antioxidantien selbst wie Radikale wirken können", sagt Krebsforscher Bartsch.

Selbst das weltweit als Wundermittel gepriesene Vitamin C, das bei Infekten, gegen Entzündungen und bestimmte Krebserkrankungen helfen soll, kann schaden. Forscher an der englischen Universität Leicester fanden heraus, dass bei Versuchspersonen, die mehrere Wochen lang täglich 500 Milligramm schluckten, Schäden am Erbgut auftraten. Und Zuckerkranke, die 15 Jahre lang täglich mehr als 300 Milligramm Vitamin C einnahmen, hatten ein fast doppelt so hohes Risiko, an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben.

Fest steht, dass niemand ganz genau weiß, welche Vitaminmengen für wen sinnvoll sind und ab wann sie schädlich sein können. Deswegen raten Experten mehrheitlich dazu, sich auf die in natürlicher Nahrung enthaltenen Stoffe zu beschränken. "So viel Gemüse oder Obst essen, dass es schädlich sein wird, kann man eigentlich gar nicht", sagt Bartsch. Ebenso einig sind sich die meisten Forscher heute darin, dass die in Gemüse, Obst und Vollkornprodukten enthaltenen Vitamine erst im Zusammenspiel mit anderen pflanzlichen Stoffen eine schützende Wirkung entfalten. Die Natur stattete die Pflanzen im Laufe der Evolution mit bis zu 4000 Inhaltsstoffen aus, die stets in einem abgestimmten Verhältnis zueinander stehen. Wer regelmäßig mehrere unterschiedliche Obst- und Gemüsesorten in Verbindung mit ölhaltigen Nüssen oder Getreide isst, läuft also weder Gefahr, sich Mangel zu ernähren, noch das eine oder andere in zu hoher Dosis zu konsumieren.

Stattdessen begeht der moderne Mensch häufig einen verhängnisvollen Fehler. Er versorgt sich zu einseitig und verzichtet auf die gesunde Vielfalt mit Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch. Wer nur vegetarische isst oder nur Fast Food, enthält seinem Körper wichtige Stoffe vor. Denn nicht immer kann der Körper die in den Tabletten oder Pulvern enthaltenen Vitamine so verstoffwechseln, wie er es könnte, wären sie stattdessen in einer Gurke oder Birne enthalten. Erstaunlicherweise sind ausgerechnet alte, heute oft als Armenspeise bezeichnete Gerichte wahre Gesundheitsgerichte: Ob Grünkohl mit Pinkel in Westfalen, Himmel und Ääd im Rheinland oder Leipziger Allerlei.

Ein gutes Beispiel für die verstärkte Wirkung eines Stoffes in Verbindung mit anderen Produkten ist das Lycopin aus der Tomate. Die Tomaten-Inhaltsstoffe sind derartig komplex, dass sie nicht einfach durch eine Tablette ersetzt werden können. Die Aufnahme des Antioxidationsmittel Lycopin, das freie Radikale abfängt und Krebs vorbeugt, wird durch Öle gefördert, also etwa bei Pizza oder Salaten. Tomatenmark oder -ketchup sind noch vitaminhaltiger als die frischen Früchte. "Eine zu große Dosis Lycopin ist dann aber auch wieder riskant, was krebserregende Wirkung angeht", warnt der Heidelberger Krebsforscher Helmut Bartsch. Generell gilt lycopinhaltige Nahrung aber als gute Vorbeugung gegen Prostatakrebs. "Allerdings können wir nicht sagen, wie viel Lycopin dem Menschen nützt", sagt Professor Wilhelm Stahl, Biochemiker an der Uni Düsseldorf, dazu fehlten zuverlässige Langzeitstudien.

Ein weiteres Beispiel ist das äußerst beliebte Vitamin A, gut für Augen und Haut und besonders in Karotten enthalten. Wer nun ständig Vitamin-A-Pillen schluckt, nimmt zwar theoretisch eine große Menge zu sich, verwerten kann der Körper es aber bei weitem besser, wenn man frisch gepresste Karottensaft trinkt, in den ein Schuss Pflanzenöl gegeben wird, am besten aus Sonnenblumenkernen oder Oliven. Auch der legendenumwobene Spinat, der viel weniger Eisen enthält als man Jahrzehntelang missmutigen Kindern weismachen wollte, ist ein besserer Mineralstofflieferant als jede Eisentablette. Allerdings ist Spinat ein schlechterer Eisenlieferant als Fleisch oder Innereien. Spinat enthält obendrein viel Oxalsäure, die die Aufnahme von Eisen im Darm hemmt, so dass letztlich aus 100 Gramm Spinat gerade mal 0,06 Milligramm Eisen verwertet werden können.

Besonders beliebt geworden sind in den vergangenen Jahren Lachsöl-Pillen mit Omega-3-Fettsäuren. Die Geschichte zu dieser mehrfach ungesättigten und gesunden Fettsäure ist ebenso alt wie spannend: Als der Physiologe Hugh Sinclair in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der britischen Armee in Grönland stationiert war, entdeckte er, dass die Inuit selten unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten. Erstaunlicherweise waren sie auch nicht dick. Dabei ernährten sie sich aus Sinclairs Sicht höchst ungesund - sie aßen fast nur Tran und Walfett. Sinclair forschte und fand die Erklärung: Weil die Inuit fast nur Fisch aßen, bekam ihr Körper hohe Dosen der im Fisch enthaltenden Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA). Beide sind langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die man auch Omega-3-Fettsäuren nennt.

Der menschliche Körper kann diese Fettsäuren nicht selbst produzieren, sie können nur über die Nahrung aufgenommen werden. 1999 ergab eine Studie bei mehr als 11 000 Infarktpatienten, dass bei jenen, die täglich eine Kapsel mit einem Gramm Fischöl einnahmen, nach dreieinhalb Jahren 30 Prozent weniger Herztodesfälle zu verzeichnen waren als in der Kontrollgruppe. In der "Nurses' Health Study" mit mehr als 80 000 zunächst gesunden Frauen zeigte sich, dass sich die Häufigkeit tödlicher Herzanfälle mit zunehmendem Fischkonsum verringerte. Bei fünf oder mehr Fischmahlzeiten pro Woche fiel das Risiko für einen Herztod um mehr als 34 Prozent, und selbst bei nur einer Fischmahlzeit sank das Risiko um 29 Prozent. Auch wenn Pillen als Alternative angeboten werden: Die Menge im Fisch ist um ein Vielfaches größer.

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