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Fokussiert und determiniert: Anthony Joshua vor seinem Rückkampf gegen Andy Ruiz.

Anthony Joshua vs. Andy Ruiz 2

Game of Throne

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Die Karriere von Schwergewichtsboxer Anthony Joshua verlief bis Sommer nahezu perfekt. Im Rückkampf um vier WM-Gürtel gegen Andy Ruiz steht für den Briten viel auf dem Spiel.

Bis zum 1. Juni dieses Jahres verlief die Karriere von Anthony Joshua wie im Bilderbuch. Nur noch ein Kampf, dann sollte es endlich mit der Vereinigung aller fünf Weltmeistergürtel im Schwergewicht gegen WBC-Champion Deontay Wilder klappen, von denen Joshua deren vier (WBA, WBO, IBO, IBF) hielt. Doch an diesem Sommertag im Madison Square Garden erlebte der bis dato ungeschlagene Boxer, der in 22 Kämpfen 21-mal durch K.o. gewann, einen Alptraum. Der mexikanischstämmige US-Amerikaner Andy Ruiz, obwohl nur 1,83-Meter groß und etwas dicklich, verprügelte den 1,98-Meter großen – zu muskulösen – Joshua nach allen Regeln der Kunst, schickte ihn viermal zu Boden, ehe der Kampf vom Ringrichter in der siebten Runde abgebrochen wurde. Dabei hatte der Mann aus Watford seinen Gegenüber in der dritten Runde zu Boden gestreckt, aber es verpasst, den Sack zuzumachen. „Eine Niederlage wird mich niemals definieren. Ich habe eine Menge mehr zu geben“, sagt Joshua nun vor dem Rückkampf an diesem Samstag (21.45 Uhr/MEZ).

Gekämpft wird in Saudi-Arabien, in Diriyah, wo mitten in der Wüste eine Arena für 15 000 Zuschauer hingebaut wurde. Zu der Kritik am Austragungsort, sagt Joshuas Promoter Eddie Hearn: „Die Saudis wollen zeigen, dass sie sich ändern. Und sie wollen ein weltweit positiveres Image mit solchen Events. Ist es nicht das, was sie tun sollten?“ Der gewiefte Businessmann glaubt, dass das Boxen etwas zu der Veränderung beitragen könne und verweist darauf, dass viele Frauen unter den Zuschauern sein werden. „Es wäre besser, wenn sich die Veranstalter im Vorfeld über die Situation der Menschenrechte in den Ländern informieren würde, als später zu sagen: Politik geht uns nichts an. Gerade so ein Event wird ja bewusst von Regierungen für politische Propaganda missbraucht, um das Thema der Menschenrechte in den Hintergrund zu schieben“, entgegnet Nahostexpertin Regina Spöttl von Amnesty International in der „Abendzeitung“. Innerhalb von Saudi-Arabien habe man „die gesamte Palette an Menschenrechtsverletzungen“.

In erster Linie geht es für Hearn, der vergangenes Jahr mit seiner Firma Matchroom-Boxing einen Eine-Milliarden-Deal mit dem Streamingdienst Dazn abgeschlossen hat, natürlich darum, so viel Geld wie möglich aus dem Kampf herauszuholen. Anthony Joshua wird eine Börse von 60 Millionen Dollar einstreichen, Ruiz neun Millionen Dollar. Zudem stehen weitere Topfights auf dem Programm, unter anderem kämpfen im Schwergewicht Dillian Whyte gegen den ehemaligen WBC-Weltmeister Maruisz Wach und Ex-Weltmeister Alexander Povetkin gegen Michael Hunter.

Für Joshua ist das Geld, von dem er in den vergangenen Jahren sehr viel verdient hat, am morgigen Samstag genauso wie die Politik Saudi-Arabiens nur Nebensache. Der 30-Jährige will unbedingt zurück auf den Schwergewichtsthron. „Ein Schlag kann das Spiel verändern“, sagt Joshua.

Der Sohn eines Nigerianers mit irischen Wurzeln und einer Nigerianerin hat deshalb in den vergangenen Monaten wesentlich mehr Zeit mit Boxen verbracht. Was sich zunächst seltsam anhört, war aber die wichtigste Analyse in der Vorbereitung auf das Trainingscamp. Statt zu viele Gewichte im Kraftraum zu stemmen, hat Joshua viel boxspezifischer trainiert, neue Trainer hinzugezogen, Kleinigkeiten umgestellt und stand sehr oft im Ring. „Ich habe gegen zwölf verschiedene Sparringspartner trainiert, Kämpfer, die um WM-Titel boxen können“, berichtet der Brite.

Im öffentlichen Training wirkte er deutlich schneller und agiler als im ersten Kampf, wo er 112,4 Kilogramm auf die Waage gebracht hatte und unbeweglich durch den Ring tapste in der Hoffnung, seine rechte Gerade würde schon reichen. Wenn der Modellathlet heute auf die Waage steigt, sollen es laut Hearn drei Kilo weniger sein. Andy Ruiz hingegen wiegt weiterhin 122 Kilogramm, hat aber viel Fett in Muskelmasse umgewandelt.

Ein wichtiger Faktor war auch die Zeit. Vor dem ersten Kampf gegen Ruiz, der in 34 Kämpfen nur eine Niederlage einstecken musste, hatte Joshua nur fünf Wochen Zeit, sich vorzubereiten, weil sein ursprünglicher Gegner, Jarrell Miller, wegen eines positiven Dopingtests ausgefallen war. Ein breiter 1,93-Meter-Mann, der Joshua viel besser gelegen hätte, als der dickliche Ruiz, der den Briten mit seinen schnellen Händen überrascht hat.

„Nachdem ich verloren hatte, habe ich gehört, was die Leute wirklich von mir denken“, berichtet Joshua. Schon davor sei über seine Position im Schwergewicht diskutiert worden, obwohl er vier der fünf Gürtel hielt. Immer wieder hieß es, er vermeide Kämpfe gegen Deontay Wilder oder Tyson Fury, die nach ihrem Unentschieden-Kampf, weiter ungeschlagen sind und am 22. Februar erneut aufeinandertreffen. Joshua musste sich in den sozialen Medien, wo er immer den Strahlemann geben konnte, plötzlich mit noch mehr negativen Kommentaren als sonst beschäftigen. „Ich hatte viel Zeit, zu reflektieren“, sagt Joshua.

Seit seinem Olympiasieg im eigenen Land im Superschwergewicht in London 2012 ist Anthony Oluwafemi Olaseni Joshua, Schritt für Schritt zum Superstar des Schwergewichts-Boxens aufgebaut worden. Er füllte die Arenen Großbritanniens, gewann gegen Wladimir Klitschko vor 90 000 Zuschauern im Wembleystadion. Auch außerhalb des Boxrings hat sich AJ zu einer Marke gemacht. Er ist Werbepartner zahlreicher Firmen und gern gesehener Talkshowgast, weil er eloquent und witzig ist. „Eine meiner wichtigsten Ziele in diesem Sport war, nicht von jemandem besessen oder ausgenutzt zu werden“, sagt Joshua. „Deshalb treffe ich Entscheidungen als professioneller Mann und nicht als professioneller Boxer. Im Boxen muss ich mich wie ein Business betreiben.“ Von seinen Verdiensten am Kampf blieben ohnehin nur 30 oder 40 Prozent für ihn selbst übrig.

Eine weitere Niederlage würde für den Businesmann Joshua einen herben Dämpfer bedeuten. „Ich werde gewinnen. Es wird einen Knockout geben“, sagt er selbstbewusst. Er sei weiterhin hungrig auf Erfolg, aber nach der ersten Niederlage auch klüger. Der 30-Jährige ist überzeugt, dass er die richtigen Schritte unternommen hat, um das nächste Kapitel seiner Karriere im Bilderbuch wieder glänzen zu lassen.

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