+
John Higgins ist vorläufig für alle Turniere gesperrt.

Gentleman-Sport

Anstößige Snooker-Szene

Das schwache WM-Finale passt zur miserablen Situation des Gentleman-Sports, der unter dem Bestechungsfall Higgins leidet. Von Christian Elsaeßer

Von Christian Elsaeßer

Wenn drei Minuten und 37 Sekunden die Final-Dramatik von mehr als zwölf Stunden in den Schatten stellen, dann stimmt etwas nicht. Genau das erlebt in diesen Tagen der britische Gentleman-Sport Snooker. Kurz vor zwei Uhr deutscher Zeit in der Nacht auf Dienstag hatte sich der Australier Neil Robertson im englischen Sheffield den ersten WM-Titel seiner Karriere gesichert. Mehr als zwölf Stunden stand er gegen den Schotten Grame Dott am Tisch. Doch das Interesse galt einem anderen: John Higgins, dem entthronten Titelträger, der Integrationsfigur der Sportart.

Seit Sonntag ist Higgins für alle Turniere gesperrt, weil ihn ein Video dabei zeigt, wie er sich bereit erklärt, gegen Geld Spiele zu manipulieren. 3:37 Minuten ist der Mitschnitt lang, den die Zeitung News of the World auf der Homepage zeigt. 217 Sekunden, die eine Sportart in die Krise stürzen.

Für die Snooker-Welt könnte der Tiefschlag nicht größer sein. Seit Jahren kämpft der Sport gegen rückläufige Quoten und Preisgelder, sucht neue Helden zur Vermarktung. Und so wurde das Finale am Sonntag und Montag fast zum Spiegelbild dieser Krise. Nicht nur, weil Robertson mit seinem Triumph so nebensächlich schien, sondern auch, weil die Final-Protagonisten passend zur Situation miserabel spielten.

Es war das schlechteste Final-Niveau seit Jahren. "Ich habe zu keinem Zeitpunkt gut gespielt", sagte Grame Dott. Und Neil Robertson musste eingestehen: "In diesem Finale haben sich nicht gerade die Snooker-Fähigkeiten durchgesetzt. Es war mehr wie der Kampf der Titanic." Der Kampf gegen den Untergang. Besser hätte er es nicht sagen können.

Warum der Skandal die Sportart so hart trifft, hängt mit seiner Hauptperson zusammen. John Higgins, Weltmeister 1998, 2007 und 2009, ist der größte Sympathieträger der Szene. Superstar Ronnie O´Sullivan schreibt in seiner Biografie: "John ist die netteste Person, die man sich vorstellen kann. Er ist einer der aufrichtigsten Menschen, denen ich je begegnet bin." Hinzu kommt: Higgins ist einer der Reformer. Er unterstützt Verbandspräsident Barry Hearn bei der Idee, den Sport massenkompatibler zu machen, ihm mehr Event-Charakter zu verleihen. Doch nun ist da das Video.

Es zeigt Higgins am Freitag voriger Woche in einem Hotel in Kiew. Er sitzt in einem weißen Ledersessel, neben ihm sein Manager Pat Mooney. In dem Gespräch geht es offen darum, Stöße absichtlich zu verziehen, um so Frames, also einzelne Partien, zu verschieben. Für 300000 Euro.

Higgins wies alle Bestechungsvorwürfe zurück. "Als das Gespräch auf Manipulation kam, wollte ich nur noch da raus, nur noch in den Flieger und dieses Land verlassen", sagte er. "Es schien mir das Sicherste, einfach mitzuspielen." Doch wie glaubwürdig ist das? Der Schotte wirkt auf dem Video völlig entspannt, zerbricht sich in dem Gespräch offen den Kopf darüber, wie er das illegale Geld verstecken könnte. Er spricht sogar eine Immobilie in Spanien an, die eine gute Möglichkeit zur Vertuschung wäre. Ist das wirklich ein Mensch in Angst?

Neil Robertson ist dennoch sicher, dass sein Titelgewinn vom Skandal nicht beeinträchtigt ist. "Ich glaube nicht, dass dies den Glanz vom Finale genommen hat", sagte er. "Snooker sinkt in der Hackordnung der Sportarten. Für mich ging es nur darum, dem Sport wieder Rückenwind zu geben." Er hat es bitter nötig.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion