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Alles Wasser

Bäder in Tschechien und der Slowakei

Von CHRISTIAN SYWOTTEK

Das Wasser schmeckt wie frisch gezapftes Blut. Es perlt im Mund dank der Kohlensäure, die mit dem Wasser aus 96,7 Metern Tiefe nach oben schießt und durch die Wasserleitung schließlich in den weißen Plastikbecher rinnt. Etwa zwölf Grad warm ist das Mineralwasser in Podebrady, der tschechischen Kurstadt an der Elbe, 50 Kilometer östlich von Prag.

"Fürs Herz ist Podebrady", so lautet der offizielle Werbespruch seit knapp 100 Jahren. Doch 13 Jahre nach dem Ende des Sozialismus wirkt das unkrautverkrautete Podebrady eher herzzerreißend. Eine Reise nach Podebrady ist eine Reise in eine verlorene Zeit. Busladungsweise wurden zu sozialistischen Zeiten bis zu 1200 Kurgäste aus dem Ostblock abgekippt vor dem mit braunem Glas verkleideten Kurhaus, das noch heute "Freundschaft und Frieden" heißt. Auch im Innern hat sich seit dem Baujahr 1970 nichts verändert.

Auf gräulichem Linoleum gehen die Gäste durch braun vertäfelte Gänge zu den blauen, zum Teil leckenden Wirbelbadwannen, in denen sie 20 Minuten lang in 34 Grad warmem Kohlensäurewasser liegen sollen. Sie warten in braunen, eiförmigen Sesseln, die heute als kultiges Design gelten, neben Gummibäumen. So auch die 70-jährige schlanke, grauhaarige Dame aus "Ostberlin". Seit drei Wochen ist sie da, mit ihrem herzkranken Mann, und sie sagt, alles sei gut und es sei billiger als anderswo, und überhaupt, "dass nicht alles perfekt ist, das wissen wir doch." Am kleinen Kiosk liegen die Bild-Zeitung und das Neue Deutschland. Doch der "Frisiersalon Hana Kutacova" hat längst dicht gemacht. Wer nach Podebrady kommt, muss hart im Nehmen sein. Oder ein Gewohnheitsmensch. Oder ein Zeitreisender auf dem Wege zurück.

Auf der Suche nach der Zukunft geht es weiter nach Nordosten, nach Janske Lazne am Rande des Nationalparks Riesengebirge an der polnischen Grenze, vorbei an Mais, Mohn, Roggen, Kartoffeln und Rüben in roter Erde, über breite, glatte Straßen, die sich schließlich hinaufwinden durch sonnendurchblitzten Wald bis auf 800 Meter Höhe, wo sich die etwa 30 Häuser der kleinen Stadt in ein bewaldetes Tal drängen.

Die feuchte, kalte Luft streicht über die adrette Kurpromenade, die gepflegten rot-gelben Holzhäuser, die Gärten und pfeift die Seilbahnstrecke hinauf bis zur Spitze des 1300 Meter hohen Cerna Hora, von dem aus man in der eisigen Luft die 1602 Meter hohe Schneekoppe betrachten kann. Im Winter drängeln sich hier die Skifahrer. Im Sommer kann man auf den Langlaufloipen endlos durch die bewaldete Stille wandern.

In Janske Lazne selbst ist nicht viel los. Im Restaurant "Bellevue" essen Frauen in Anzügen aus Ballonseide ihren Räuberbraten mit Knödeln für drei Euro, am Freitag ist Kleidermarkt im Kino des Ortes. Im Sommer spielt ab und an eine Kapelle im Stucksaal des "Kafe Kolonada".

Janske Lazne hat sich fit gemacht für Entspannung suchende Gäste auch aus dem Westen, bietet moderne Zimmer und Bäder. Von den jeweils etwa 420 Kurgästen sind nur rund fünf Prozent Westler, die sich ins Kalziumhydrogenkarbonat-Quellwasser legen, in Wannen bei etwa 33 Grad oder ins moderne, lichte Schwimm- und Sprudelbad aus dunklem Holz und Naturstein bei 27 Grad, die sich durchmassieren lassen von oben bis unten, sich ins Moor oder die Sauna packen. Zu versteckt wohl liegt dieses Janske Lazne, als dass es die Massen anziehen könnte. Doch genau das macht es reizvoll.

Weiter nach Osten, bis dicht an die Grenze zur Slowakei, nach Luhacovice in 250 Metern Höhe, dem nach Karlsbad, Marienbad und Franzensbad bekanntesten und größten Kurort Tschechiens. Man wähnt sich in Italien angesichts der frisch renovierten gelben Häuser mit roten Dächern, die sich, die Sonne reflektierend, an den waldigen Ausläufern der Weißen Karpaten ausbreiten.

Unter Luhacovice sprudeln 15 Quellen, zehn bis zwölf Grad kühl. Wenn das Mineralwasser aus der Schnabeltasse in den Mund läuft, prickelt es auf der Zunge, schmeckt schließlich nach Salz, dann kalkig. Es soll gegen Stoffwechselstörungen helfen. Wer mehr als einen Liter am Tag davon trinkt, wird durchschlagenden Erfolg haben.

Alois, Otto, Amanda oder Vinzenz heißen die Quellen, die in der Hauptsaison bis zu 3000 Kurgäste auf einmal nach Luhacovice locken. Autokennzeichen verweisen auf Wien und Rostock, am Kiosk gibt's Viel Spaß und die SuperIllu. Auch die tschechische Showprominenz fährt in diesen letzten Winkel des Landes, um ihre Stimme per Inhalation reinigen zu lassen. Die Gäste spazieren unter Kastanien durch den gelb gesandeten Kurpark, baden und schwimmen in ihren renovierten Kurhotels oder essen in einem der zahlreichen und guten Restaurants des 6000-Einwohner-Städtchens.

Seit 1790 wird in Luhacovice gekurt. Heute tut die Stadt alles, um aufzuschließen zu den weltbekannten Bädern Westböhmens. So liegen die Preise im Schnitt deutlich unter denen von Karlsbad und Marienbad. Mit dem soeben wieder eröffneten Vier-Sterne-Hotel "Jurkovic" dürften die regionalen Bäderkönige einen großen Schritt weiter gekommen sein, gerade beim Werben um jüngere Wellness-Kunden.

Die einen nennen den Baustil des "Jurkovic" volkstümliche Sezession, die anderen sprechen von walachischem Barock. Auf jeden Fall ist es eine luxuriöse 50-Zimmer-Puppenstube inmitten des Kurparks, aus weißem Stein und rotem Holz, mit Türmchen und Giebelchen außen, und Innenräumen aus gefärbtem Holz, deren Schnitzereien von Zimmer zu Zimmer variieren. Die Sonne fällt durch ein braun-grünes Oberlicht ins beheizte Schwimmbecken mit Whirlpool. In der Massageabteilung im Kuppelgang schmiegen sich weiche Wolldecken an durchblutete Haut, und wer Glück hat, erwischt beim Kohlensäurebad vielleicht eine der drei goldenen Wannen von 1902, als der Architekt Dusan Jurkovic sein Haus eröffnete. Auch wer in einer der privaten Pensionen untergekommen ist, kann das "Jurkovic" nutzen. Man spricht deutsch, wie überall in Luhacovice.

Auch in der Slowakei hat man sich längst auf die deutschen Gäste eingestellt. Weitab der ausgetretenen Pfade, am Fuß des waldreichen Karpatenausläufers, liegt der alte Badeort Rajecke Teplice. Hier schießt das Wasser mit 38 Grad aus dem Boden hinein ins Kurhaus "Aphrodite". Jährlich 6000 Gäste kommen in den Ort, rund 15 Prozent sind Deutsche. Das "Aphrodite" setzt weniger auf die gute alte Zeit als auf antiken Kitsch. In diesem Wellness-Palast steht hier eine Marmorstatue, dort ein Zimmerspringbrunnen. Und vor dem Springbrunnen steht dann etwa der Leipziger Rentner Rolf Gießner mit Windjacke und Ehefrau und sagt: "So viel Gold und Stuck, da sind wir platt." Dauercamper Gießner kennt noch das sozialistische "Aphrodite", den verfallenen, grauen Kasten, und die Verwandlung erscheint ihm etwas rätselhaft. Wie auch die anderen ehemals sozialistischen Bäder wird das "Aphrodite" heute von einer Aktiengesellschaft betrieben, doch über die Aktionäre schweigt man sich hier wie anderswo gerne aus.

Wer es pompös mag, wird das "Aphrodite" lieben. Das Wohlbefinden steigt im heißen Becken mit dem Wasserstand am eigenen Körper. Wer ins Pusten kommt, kühlt sich im Schwimmbecken bei 29 Grad ab. Die orientalische Sauna sieht so aus wie sie heißt und dampft gewaltig. Selbst die sechs Damen aus Kuwait sind sehr zufrieden, wenn sie in der Mittagspause die Schleier ablegen, um ganz für sich den Eukalyptusduft einzusaugen und den Schweiß am Körper zu spüren. In einer kuwaitischen Zeitung hätten sie von Rajecke Teplice gelesen, sagt die Krankenschwester Alsharrah Ameena aus Kuwait-City. Vor allem mag sie die "feuchte, toll frische Luft", die den kleinen slowakischen Ort zum genauen Gegenteil einer Wüstenstadt macht. Zu Hause wollen sie es allen erzählen, und wenn alles gut läuft, wird die Mittagspause im "Aphrodite" künftig vielleicht etwas ausgedehnt. Dann müssen die Männer eben etwas länger durch den Kurpark, am Flüsschen oder in den Bergen spazieren gehen. Oder sie lassen sich bei der Massage die Nägel feilen. Nach dem Fitnesstraining.

Vier Autostunden weiter östlich hingegen ist Kuwait so weit weg wie der Mond. Noch hat sich kein Araber verirrt ins 1351 Meter hoch liegende Strbske Pleso, diesen kleinen Luftkurort in der Hohen Tatra. Vielleicht ist es ihnen auch zu kalt, bei einer Lufttemperatur von 3,2 Grad im Jahresschnitt. Sie arbeite nicht viel, sagt die junge Frau vom Kurhotel Solisko freimütig. Man kann das auch deuten als einen versteckten Hinweis auf die ganz spezifische Qualität von Strbske Pleso, neben der wunderbar klaren Luft und dem harzigen Geruch der Fichten, die sich rund um den Csorba-Bergsee die von Wanderwegen durchzogenen Hänge entlang ziehen.

In Strbske Pleso mit seinen drei Kurhäusern ist einfach nichts los. Der Blick reicht im Süden weit ins Flachland, die Sonne tupft Flecken auf die Felder ganz unten. Im Norden türmen sich die Berge hinauf in neun Wellen bis zur Spitze des Patria mit 2203 Metern. Wer abends vom Wandern müde ins Solisko zurückkehrt, kann vom komfortablen, modernen Zimmer aus auf den See gucken, im Pool plantschen, saunieren, ins Kino gehen oder sich bei der "schottischen Wippe" warm und kalt abspritzen lassen. Er kann noch eine kleine Runde um den See drehen und beim Palais Hviezdoslav schauen, wie man ein ehrwürdiges Kurhaus verfallen lassen kann. Ansonsten hat er einfach seine Ruhe. Denn längst vorbei ist die Zeit, als in der 30er Jahren das Eishockey-Nationalteam auf dem Csorba-See für die Weltmeisterschaft trainierte.

Zum Schluss zurück nach Westen, quer durch die Slowakei bis nach Piestany, dem größten und berühmtesten Bad des Landes, am Ufer des Vah, rund 80 Kilometer nordöstlich von Bratislava. Die 35 000-Einwohner-Stadt präsentiert mit ihren alten Pensionen und dem riesigen Kurpark den prominenten Charme der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Kein Wunder, ließen sich doch schon die damaligen Promis ihre Wehwehchen durch das Wasser der zehn heißen Quellen in Piestany kurieren.

Heute weiß unter vielen anderen auch Rennfahrer David Coulthard eine ordentliche Packung zu schätzen. Denn in Piestany schwört man auf den Fluss-Schlamm, der voller Schwefel steckt und mit 45 Grad ordentlich Hitze im Körper entfacht, was die Muskeln zum Entspannen und die Haut zum Glänzen bringt. Das finden auch Deutsche und Österreicher toll, so dass sie mittlerweile 60 Prozent aller Gäste im Piestany stellen.

Wer es sich leisten kann, vermeidet die modernen Kurhotels und steigt ab im "Thermia Palace", dem Jugendstilbau von 1912, der auch innen noch weit gehend so aussieht wie damals. Nebenan im ebenso alten, aber nicht sanierten Badehaus "Irma", kann der Gast dann im Trüben fischen. Schwefelgeruch führt hin zum großen Becken im leicht verschimmelten Kuppelsaal. Genau 43 Grad heiß ist das brackige Schwefelwasser, das den Atem nimmt, wenn man langsam hineinsteigt. Ein Mineralienfilm liegt fleckig auf dem Wasser, das jedoch nach gar nichts schmeckt. Die Füße glitschen über eine handhohe Schlammschicht am Boden, in der Mitte verbrennt man sich die Füße, dort, wo das Wasser mit 67 Grad aus der Erde schießt.

Nach fünf Minuten stellt sich ungekannte Wohligkeit ein. Nach 20 Minuten schnauft der Bademeister, er will schließlich keinen Herzinfarktpatienten in seinem Bassin. Nun noch zehn Minuten 38 Grad heißes Schwefelwasser ohne Schlamm, dann wird der aufgeheizte, nasse Körper in Wolldecken eingeschlagen und darf nachschwitzen, bis es juckt. Das Herz pumpt heftig. Nach der anschließenden Massage vom Hacken bis zum Nacken will man gar nicht wieder raus aus dem alten Gemäuer. Was dumm ist, denn draußen im Park streicht der Wind sanft über die samtige Haut. Sie riecht noch Tage später nach dem Schwefel von Piestany.

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