Der Höhepunkt der Karriere: Aljona Savchenko (links) mit Bruno Massot 2018 in Pyeongchang.
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Der Höhepunkt der Karriere: Aljona Savchenko (links) mit Bruno Massot 2018 in Pyeongchang.

Aljona Savchenko hat ein Buch geschrieben

„Man könnte auch eine Geisterkür laufen“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Deutschlands erfolgreichste Eiskunstläuferin plant ihre Zukunft und noch einmal Olympia-Gold.

Der lange Weg zum Olympischen Gold“ bestimmte ihr Leben. Und so lautet auch der Titel des Buchs, das Aljona Savchenko, Deutschlands erfolgreichste Eiskunstläuferin, geschrieben hat. Im Gespräch erzählt die 36-Jährige, die mit ihrem Mann Liam in Oberstdorf lebt, von den vielen Opfern in ihrer Karriere – und ob noch mal große Auftritte folgen.

Frau Savchenko, im Januar 2019 haben Sie die Journalistin Alexandra Ilina gebeten, ein Buch über Sie zu schreiben. War der Anlass, dass Sie mit der Goldmedaille in Pyeongchang endlich Ihr Lebensziel erreicht hatten, oder hätte es das Buch auch bei einem dritten Mal Olympia-Bronze gegeben?

Wenn, wenn, wenn... In der russischen Sprache sagt man, die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Ich denke, ja. Klar, das Buch würde dann ein anderes Ende haben, aber ich hatte ja meinen Weg, und der Weg war alles andere als leicht, all das könnte ich definitiv erzählen. Und vielleicht dadurch auch andere Menschen motivieren. Das wollten Alexandra und ich auch in diesem Buch tun: Zeigen, dass Menschen ihre Träume nicht aufgeben, ihren Weg bis zu Ende gehen, egal wie das Ende ausfällt.

Sie mussten Ihren Sport ja immer auch mitfinanzieren. In welcher Phase war das am schwersten?

Am Anfang war es sehr schwierig für meine Eltern in der Ukraine, alles zu finanzieren. Es war zu jeder Zeit schwierig. Es war auch schwierig, als ich den Partner gewechselt hatte, denn niemand hat an uns geglaubt, sodass wir keine Sponsoren finden konnten. Es war traurig und schwierig zugleich nachzuvollziehen, dass wir sozusagen die einzigen Eiskunstläufer in Deutschland waren, die Medaillen für Deutschland gewinnen konnten, und trotzdem gab es keine finanzielle Unterstützung für Bruno (Massot, die Red.) und mich. Nur Bundeswehr für mich und Sporthilfe für Bruno. Auch jetzt, wenn man Olympiasiegerin und insgesamt sechsfache Weltmeisterin ist, muss man ständig darum kämpfen, Sponsoren oder Werbeaufträge zu finden. Die einzigen Hoffnungen sind die Shows, aber wenn keine Shows stattfinden, dann gibt es auch kein Geld. So sieht es aktuell aus.

Paarlaufbeziehungen enden nicht immer harmonisch, Sie haben es oft erlebt, dass ein Partner später als Trainer zum sportlichen Rivalen wurde oder man – wie mit Ingo Steuer – nicht mehr zusammenarbeiten kann und der ein anderes Paar unterstützt. Werden Sie all diese zu Ende gegangenen Beziehungen irgendwann noch einmal aufarbeiten?

Das Buch.

Ich glaube, jeder von uns muss Teile seines Lebens irgendwann aufarbeiten, und im Nachhinein sieht man, was man hätte besser machen können. Das Einzige, was ich bereue: Ich hätte mit Robin (Szolkowy. die Red.) über meine Pläne, meine Karriere nach Sotschi 2014 fortzusetzen, früher sprechen müssen. Wir haben zusammen so viel erlebt, haben fünfmal eine Weltmeisterschaft gewonnen, und am Ende kam es so, dass er von meiner Entscheidung von anderen Leuten erfahren hatte. Die Trennung von ihm hätte anders abgewickelt werden müssen. Dass er danach beleidigt war, kann ich absolut nachvollziehen.

Ganz ehrlich: Sind Sie ein schwieriger Partner?

Bin ich auch, aber wenn ich anders wäre, hätte ich diesen Erfolg nicht gehabt. Erfolge fallen nicht vom Himmel.

Ist die Frau der wichtigere Part in einem Eiskunstlaufpaar?

Ja. Aber beide Partner sind wichtig. Trotzdem schaut man im Paarlauf mehr auf die Frau, selbst die Preisrichter schenken der Partnerin mehr Aufmerksamkeit – bei den Hebefiguren, bei den Würfen. Die Partnerin muss sie stets sauber ausführen.

Sehen Sie sich die Olympia-Kür manchmal an?

Es gab eine Zeit, als ich mir die Kür nicht anschauen konnte. Nach dem Tod unseres Trainers Jean Francoise Ballester war ich dazu nicht in der Lage. Wenn ich mir jetzt die Kür anschaue, dann nicht bis zu Ende – sonst werde ich traurig und weine.

Sie sind Mutter geworden. Haben Sie sich vom Leistungssport verabschiedet – oder ist ein Comeback möglich?

Jetzt kann man nichts wegen Corona planen, wir hoffen, dass wir überhaupt irgendwann trainieren können oder dürfen, und dann schauen wir, wie es sich entwickelt.

Mit welcher Zielsetzung?

Was für eine Frage! Wenn schon, denn schon – zumindest eine Medaille! Und klar, bei welchem Wettbewerb. Ich habe noch kein olympisches Silber. Oder noch besser: Da ich zwei Bronzene habe und nur einmal Gold, bräuchte ich für das Gleichgewicht das zweite Gold.

Welchen Job können sie sich in Zukunft vorstellen?

Kennen Sie das Projekt von Lena Meyer-Landrut „The Voice Kids“? Die Idee gefällt mir sehr gut. Ich könnte mir so was Ähnliches, aber auf dem Eis vorstellen. Ich würde so gerne eine TV-Show für Kinder konzipieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass es in Deutschland viele talentierte Kinder gibt, man muss sie nur finden und unterstützen und so unserem Sport neue Impulse geben. Ich würde gerne eine eigene Eislaufschule eröffnen, aber in beiden Fällen brauche ich dafür sowohl TV-Unterstützung als auch Sponsoren. Außerdem habe ich einen Traum, ich würde gerne in einem Film als Schauspielerin mitspielen, es muss nicht unbedingt um den Eiskunstlauf gehen.

Welche Zukunft wird das Eiskunstlaufen überhaupt haben? Wird die nächste Saison stattfinden?

Es ist schwierig zu sagen, weil es nicht von uns abhängt. Wenn man in Deutschland unsere Sportart nicht unterstützt, dann wird es auch keinen Eiskunstlauf mehr geben. Deshalb spiele ich eben mit den Gedanken, ein Projekt mit Kindern zu entwickeln. Nur so kann man die Zukunft des Eiskunstlaufs in Deutschland sichern.

Der Fußball erlebt gerade Geisterspiele. Können Sie sich eine Geisterkür im Eiskunstlaufen vorstellen?

Wenn das Fernsehen daran Interesse zeigt, dann bleibt uns nichts anderes übrig. Dann stellen wir uns vor, als ob wir vor Zuschauern laufen. Wir üben so was auch im Training, wenn wir unsere Programme trainieren. Aber man kann Fußball und Eiskunstlauf in Deutschland nicht miteinander vergleichen. Fußball wird massiv unterstützt, Eiskunstlauf nicht. Also wenn wir nur die Hälfte oder einen kleinen Teil davon zur Verfügung hätten, dann könnte man auch eine Geisterkür laufen. Aber ohne TV-Verträge und ohne mediales Interesse wird es professionelles Eiskunstlaufen kaum geben.

Interview: Günter Klein

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