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Nimmt die Geschicke der Handball-Nationalmannschaft ab sofort in die Hand: Alfred Gislason.

Handball-Nationalmannschaft

Uwe Schwenkers Coup

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Der Präsident der Handballliga hat mit der Auswahl von Alfred Gislason als neuen Bundestrainer an Einfluss im DHB gewonnen.

Der Deutsche Handballbund (DHB) hat am Donnerstag mit dem Wechsel des Bundestrainers von Christian Prokop hin zu Alfred Gislason für eine Überraschung und Verwunderung gesorgt. Gewinner der Rochade ist Ligapräsident Uwe Schwenker, der innerhalb des Verbandes an Einfluss gewonnen hat. Der ehemalige Manager des Branchenkrösus THW Kiel drängte auf die Ablösung von Prokop, nutzte Verhandlungen Gislasons mit dem russischen Verband als Druckmittel und setzte sich deshalb mit seiner Forderung durch.

Vor knapp zwei Jahren drängte Schwenker schon einmal darauf, Christian Prokop von seinen Aufgaben zu entbinden, damals noch ohne Erfolg. Nach der verkorksten Europameisterschaft in Kroatien, dem ersten Turnier unter Prokop, votierte er innerhalb des Präsidiums für eine Entlassung des jungen Coaches, konnte sich in einem internen Machtkampf gegen Bob Hanning aber nicht durchsetzen. Der DHB-Vizepräsident, parallel auch Manager der Berliner Füchse, hatte seinen Verbleib an den des Bundestrainers geknüpft und Prokop damit im Amt gehalten. Diesmal fehlten Hanning, dem starken Mann im deutschen Handball, die Kraft und vielleicht auch die Überzeugung, noch einmal bedingungslos für Prokop einzustehen. Hanning überließ Schwenker das Feld.

„Wir haben einen Philosophiewechsel vollzogen“, sagte Schwenker und schwang sich während der offiziellen Vorstellung von Gislason am Freitag in Hannover zur Stimme des Verbandes auf: „Die Loyalität zum Bundestrainer war nicht mehr zu 100 Prozent gegeben. Wir rechnen uns mit Alfred die größeren und besseren Chancen aus, in Zukunft erfolgreich zu sein.“ Nach dem „Systemtrainer“ Prokop folge deshalb der „souveräne und charismatische“ Gislason, der mit seinen vielen errungenen Titel, die er mit dem THW Kiel, aber zuvor auch mit dem SC Magdeburg gewann, von einer natürlichen Autorität umweht wird.

Schwenker hat in dem ehrenamtlich tätigen Präsidium des DHB durch die Personalrochade von Prokop zu Gislason weiter an Einfluss gewonnen. Seit 2014 ist der ehemalige Manager des THW Ligapräsident und hat aus seiner Zeit beim Rekordmeister eine enge Verbindung zum neuen Bundestrainer Gislason. Mit Kiel und Schwenker wird aber auch der Vorwurf der Spielmanipulation verbunden, denn dem damaligen THW-Manager wurde angelastet, auf dem Weg zum Champions-League-Sieg 2007 an der Bestechung von Schiedsrichtern beteiligt gewesen zu sein. 2013 wurde er endgültig freigesprochen.

Die von Schwenker forcierte Diskussion um eine Ablösung von Prokop befeuerte er während der Präsidiumssitzung am Montagabend mit der Information, dass sich Gislason gerade in finalen Verhandlungen mit dem russischen Verband befinden würde, so dass der 60-jährige Isländer ein paar Tage später und danach vermutlich für längere Zeit nicht mehr als Kandidat zur Verfügung stehen würde, wenn er nicht sofort verpflichtet wird. Das erzeugte einen Handlungsdruck, der letztlich die Aussagen der DHB-Verantwortlichen während der vor knapp zwei Wochen beendeten Europameisterschaft pro Prokop als Lippenbekenntnisse enttarnte.

Uwe Schwenker, Präsident des Ligaverbandes war von 1992 bis 2009 Geschäftssführer des THW Kiel.

Nachdem das anvisierte Ziel Halbfinale bei der EM verpasst worden war und öffentliche Kritik an Prokop entflammt war, sagte Axel Kromer, Vorstand Sport beim DHB: „Ich möchte erklären, dass es intern nie eine Diskussion gab, ob Christian der richtige Trainer ist.“

Inhaltlich ähnlich äußerten sich Michelmann und Hanning. Weil der hoch dekorierte Gislason nun aber als Alternative abhanden zu kommen drohte, gab es einen entlarvend raschen Meinungswechsel. Der kann Kromer, dem hauptamtlichen sportlich Verantwortlichen, immerhin nicht komplett angelastet werden, denn der DHB hat eine in diesem Punkt fragwürdige Satzung, nach der das ehrenamtliche Präsidium über den Bundestrainer entscheidet, und nicht der im Jahr 2017 installierte hauptamtliche Vorstand.

Die Meinung der Nationalspieler wurde außerdem nicht gehört. Kapitän Uwe Gensheimer war von der Entlassung ziemlich überrascht. Vor zwei Jahren waren sie ein zentraler Teil bei der Meinungsfindung, diesmal wurde sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Vermutlich auch deshalb, weil die mehrheitliche Auffassung der Mannschaft vernachlässigt wurde. Im Februar 2018 hatte sich das Team gegen einen Verbleib Prokops ausgesprochen – der trotzdem blieb. Jetzt war es umgekehrt, Spieler und hielten an Prokop fest – der Verband und Schwenker allerdings nicht.

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