+
Alexander Zverev: Hinfallen, aufstehen. Immer wieder.

Kommentar

Alexander Zverev: Die Kunst des Scheiterns

  • schließen

Diese schier grenzenlose Hingabe ist es, die Weltsportler auszeichnet, nicht ihr Talent. Das alte Prinzip: Hinfallen, aufstehen. Immer wieder. Ein Kommentar zu Alexander Zverev.

Manchmal wird es schlechter, bevor es besser wird, der lernende und übende Mensch muss damit umgehen können. Und weitermachen. Alexander Zverev stand vor wenigen Wochen noch an einem Punkt seiner Tenniskarriere, an dem sich jener jammervolle Zustand, der anfangs nur nach einer vorübergehenden Schaffenskrise aussah, zu etwas Dauerhaftem zu verfestigen schien. Die neue Saison hatte gerade begonnen, ATP-Cup in Brisbane, Australien, und Zverev verlor Spiel um Spiel, servierte Doppelfehler um Doppelfehler, und mit jedem verlorenen Spiel und servierten Doppelfehler verschlechterte sich seine Laune. Er beschimpfte öffentlich seinen Vater, der auch sein Trainer ist und glücklicherweise ein zur Regungslosigkeit neigender Mann; seinen Schläger zerhackte er nach allen Regeln der Kunst.

Dass Alexander Zverev jetzt, nur drei Wochen später, bei den Australian Open das beste Grand-Slam-Turnier seiner bisherigen Karriere spielt mit dem Halbfinaleinzug, ist eine sehr erstaunliche Wendung. Er wirkt wie ein anderer Spieler, ein anderer Mensch. Ruhig, fokussiert, bei sich. Verschiedene Faktoren spielen hier eine Rolle. Ein gefühlter und irgendwie auch faktischer Tiefpunkt wie bei Zverev beim ATP-Cup kann befreien. Was soll schon schiefgehen, wenn es eigentlich nur noch besser werden kann? Schon Ausgang des wechselhaften vergangenen Jahres haben sich Dinge in Zverevs unmittelbarem Umfeld beruhigt, die ihn persönlich und damit auch sein Spiel schwer störten. Der lähmende Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Manager Patricio Apey ist kein Thema mehr, privates Glück hat der 22-Jährige mit einer neuen Freundin gefunden. Im Nachhinein wirkt es nicht verwunderlich, dass Zverevs Aufschlag in Krisenzeiten mehr oder minder verschwand. Der Aufschlag ist das Fenster zur Seele eines Tennisspielers, heißt es, und bei den Australian Open ist er gerade wieder Zverevs großer Trumpf.

Der Kollaps von Brisbane war womöglich der entscheidende Schritt aus dem Tief. Manchmal wird es schlechter, bevor es besser wird – vorausgesetzt man schmeißt nicht hin, was ja immer naheliegt. Zverev ist auf den Trainingsplatz gegangen und hat geübt und geübt, erster Aufschlag, zweiter Aufschlag, zweiter Aufschlag, erster Aufschlag. Ein einsames, ewiges Ringen.

Bryant als Zverev-Vorbild

Von Kobe Bryant, der tödlich verunglückten Basketballikone, kursieren dieser Tage zahlreiche Geschichten, Bryant als Mensch, Bryant als Sportler. Passend zu Zverev: 1997, am Ende seiner ersten Profisaison, warf der damals 18-Jährige in der entscheidenden Phase eines Playoffspiels gegen die Utah Jazz vier sogenannte Airballs in Folge, die Höchststrafe für jeden Basketballer; der Ball geht vorbei, ohne den Ring zu berühren. Die Los Angeles Lakers verloren das Spiel, aber nach der Rückkehr sperrte sich Kobe Bryant selbst in die Trainingshalle ein und trainierte, bis die Sonne aufging.

Diese schier grenzenlose Hingabe ist es, die Weltsportler wie Bryant auszeichnet, sie zu Vorbildern macht, nicht ihr Talent. Das alte Prinzip: Hinfallen, aufstehen. Immer wieder. Niemand in der Geschichte der NBA hat so viele Fehlwürfe wie Kobe Bryant, und vielleicht definiert gerade das seine Größe und Anziehungskraft auch für Sportler wie Alexander Zverev, der nun auch schon ein paar Mal am Boden lag in seiner noch jungen Karriere. Rocky Balboa, der fiktive Boxer mit den realen Weisheiten, hat es ja gesagt: „Der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann. Es zählt bloß, wie viele Schläge man einstecken kann und ob man trotzdem weitermacht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare