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Daviscup: Deutschlands Alexander Zverev siegt gegen Ungarns Gabor Borsos und bedankt sich im Anschluss bei den Fans für die Unterstützung.

Tennis

Keine Lust auf die Show in Madrid

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Alexander Zverev verhilft dem DTB-Team zum Einzug ins Daviscup-Finale – selbst spielen will er dort auf keinen Fall.

Alexander Zverev wird Ende November auf den Malediven am Strand liegen, um nach einer langen Tennissaison auszuspannen. Der 21-Jährige Weltranglistendritte schätzt den Inselstaat im indischen Ozean allgemein, aber in diesem Jahr verfügen die Malediven für Zverev über eine weitere reizvolle Eigenschaft: Madrid ist woanders. Ganz weit weg. Und Madrid ist der letzte Ort, an dem Zverev im November sein will – das ist dieser Tage noch einmal sehr, sehr deutlich geworden.

Die stolze spanische Hauptstadt muss das nicht persönlich nehmen. Sie ist nunmal vom 18. bis 24. November Austragungsort jenes neuen, einwöchigen Finalturniers des guten, alten Daviscups, der jetzt irgendwas ist, aber nicht mehr der gute, alte Daviscup. „Hoffentlich werde ich dann wieder die ATP-Finals gewonnen haben, dann kann ich auf den Malediven den Jungs zugucken“, sagte der amtierende Weltmeister Zverev am Samstag in Frankfurt. Dort hatte sich das DTB-Team erwartungsgemäß souverän mit 5:0 gegen Ungarn durchgesetzt und sich fürs Finale qualifiziert, wo sie nun ohne ihren Topspieler auskommen muss. „Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der mich umstimmen wird“, machte Zverev klar.

Der gebürtige Hamburger hat in den Tagen am Main oft betont, wie sehr es liebt, bei der Nationalmannschaft zu sein und für Deutschland zu spielen. Aber das Turnier in Madrid liebt er halt nicht, er kann es und will es nicht ernstnehmen, schimpft es Exhibition, Showveranstaltung also. Schon zum Ende der vergangenen Saison hatten einige Topstars der Szene per Brief an den internationalen Tennisverband ITF mitgeteilt, dass sie nicht teilnehmen würden, darunter neben Zverev auch der Serbe Novak Djokovic und Roger Federer aus der Schweiz. Nur Rafael Nadal hat angekündigt, zu spielen, falls es seine Gesundheit zulässt am Ende einer Saison, in deren Verlauf der verletzungsgeplagte Spanier seinen 33. Geburtstag feiert.

Daviscupreform droht zum Debakel für Pique zu werden

Vor allem einem droht das Prestigeprojekt Daviscupreform deshalb zum Debakel zu gereichen: Fußballstar Gerard Pique vom FC Barcelona. Der Präsident der Investorengruppe Kosmos, welche die Rechte am Traditionswettbewerb für drei Millionen US-Dollar erworben hatte, muss befürchten, dass ein Hauptargument für die Revolution konterkariert wird. Der Daviscup drohte schon im alten, ganzjährig ausgetragenen Format immer mehr an Bedeutung und Attraktivität zu verlieren, weil die Topspieler im ohnehin vollgestopften Turnierkalender eine klare Tendenz zur Absage entwickelt hatten. Die neue, entschlackte Variante mit dem Finalturnier statt Viertel- und Halbfinals übers Jahr verteilt sollte die Stars wieder anlocken. Das droht nun geräuschvoll zu misslingen.

Pique selbst spielt die Problematik meisterhaft runter. Es gehe beim Daviscup ohnehin um den Teamgedanken, sagte der Katalane, der mit Barca im Fußball alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und überhaupt, wenn Nadal spiele, reiche das völlig aus: „Sollte die Nummer eins der Welt antreten, ist das bereits mehr als genug.“

Roger Federer übt Kritik an Übernahme durch Pique

Von Federer, einer Art Übervater der Profiszene, ist bislang ein prägnantes Zitat in der Causa überliefert. „Es ist schon etwas merkwürdig, einen Fußballer in unserer Welt zu haben. Er muss sehr vorsichtig sein, damit es keinen Pique-Cup gibt“, hatte der 37-Jährige leicht angeekelt gesagt. Ansonsten aber hat sich Alexander „Sascha“ Zverev mit seinen zarten 21 zum Anführer des Widerstandes aufgeschwungen, zum Bewahrer der Tennistradition. Eine Rolle, die er am Freitag und Samstag in der Frankfurter Ballsporthalle intensivierte.

Mit Pique sei er befreundet, gab der Weltranglistendritte am Freitagabend nach seinem lockeren Zwei-Satz-Sieg (6:2, 6:2) gegen Peter Nagy an. „Wir reden oft miteinander, waren auch schon mal zusammen essen. Wir verstehen uns sehr gut. Er ist ein super Typ, aber ich bin ein erwachsener Mensch und habe meine eigene Meinung, und diese wird auch so bleiben.“ Das neue System sei schlecht, er wünsche sich, es werde wieder rückgängig gemacht, denn: „Ich hoffe den Davis Cup noch in dem Format gewinnen zu können, wie er die letzten 120 Jahre ausgetragen wurde.“ Im Übrigen seien „90 Prozent“ der Topspieler gegen das neue System, und „hoffentlich werden sie das genauso deutlich öffentlich sagen wie ich.“

Noch deutlicher sogar als der Deutsche hatte sich dieser Tage Lleyton Hewitt geäußert, der Teamkapitän Australiens und ehemalige Weltranglistenerste. „Wir werden von einem spanischen Fußballspieler geführt“, hatte sich Hewitt am Rande des Quali-Duells mit Bosnien-Herzegowina Richtung Pique ereifert: „Das wäre geradewegs so, als ob ich Änderungen an der Champions League vornehmen würde. Das ist lächerlich. Er weiß nichts über den Tennissport.“

Michael Kohlmann bleibt diplomatisch

DTB-Kapitän Michael Kohlmann äußerte sich seinem Naturell entsprechend am Samstag in Frankfurt etwas diplomatischer als der grundsätzlich wenig diplomatische Hewitt. Aber deshalb nicht weniger klar. „Der Verband und ich sind keine Freunde dieses neuen Systems“, sagte der 45-Jährige: „Ich finde es sehr gut, wenn Akteure wie Hewitt oder Sascha klar Stellung beziehen. Das kann vielleicht einen Einfluss auf Entscheidungen haben. Nichtsdestotrotz ist der Spielmodus im Moment anders als in der Vergangenheit und wir müssen damit zurechtkommen. Dass wir in Bestbesetzung bei unserem Heimspiel auflaufen, ist auch ein Zeichen.“

Der Frankfurter Tim Pütz, der gegen die ungarische No-Name-Truppe an der Seite von Jan-Lennard Struff im Doppel den entscheidenden dritten Punkt für Deutschland geholt hatte nach den beiden Einzelsiegen von Philipp Kohlschreiber (mühsam) und Zverev (das Gegenteil von mühsam), zeigte Verständnis für Zverevs Entscheidung, in Madrid nicht zu spielen. „Sascha hat andere Brötchen zu backen als wir“, sagte Pütz, 31, der selbst antreten wird in Madrid, sollte er nominiert werden. Woran es keinen Zweifel gibt. Jeden seiner drei Daviscup-Doppelspiele hat der 71. der Doppelweltrangliste siegreich gestaltet, jeweils an der Seite Struffs.

Für Pütz war der heimatliche Auftritt in der mit 5000 Zuschauern an beiden Tagen ausverkauften Ballsporthalle etwas Besonderes, auf der Tribüne fieberten Freunde und Familie mit. Vor allem aber Zverev schien die Zeit mit der Nationalmannschaft regelrecht aufsaugen zu wollen bei seinem vorerst letzten Auftritt für Deutschland. Auch zu seinem zweiten, sportlich bedeutungslosen Einzel am Samstag gegen Gabor Borsos trat er an, siegte 6:3, 6:4. „Ich habe einfach nur für die Fans spielen wollen“, sagte der Youngster.

Im November in Madrid will er nicht mitspielen, unter keinen Umstände. Auch das tut er für die Fans, die den alten Daviscup zurückhaben wollen. Und für den gesamten Tennissport.

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