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DFB-Boss Reinhard Grindel.

DFB-Skandal

Akute Gefahr von Nachbeben

Ein ominöser Datei-Ordner mit dem Titel „Erdbeben“ ist vom Deutschen Fußball-Bund reichlich spät der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt worden.

Von Jan Christian Müller

Wie viel Eruptionsgefahr steckt tatsächlich in dem Ordner mit dem bezeichnenden Titel „Erdbeben“? Diese Frage stellt sich, nachdem die „Süddeutsche Zeitung“ das Ergebnis ihrer neuesten Recherchen zur WM-Affäre veröffentlicht hat. Für den betroffenen Deutschen Fußball-Bund droht die Angelegenheit zu einer unendlichen Geschichte mit noch viel unangenehmerem Ausgang als bisher bekannt zu werden. Entsprechende Befürchtungen gehen im hohen Hause DFB längst um.

Das Blatt berichtete am Freitag, der im vergangenen November fristlos entlassene ehemalige Personalchef Stefan Hans habe die verschlüsselte Datei mit eben jenem Unterordner „Erdbeben“ abgespeichert, eine Datei sei „Komplex Jack Warner“ benannt worden. Der Ordner „Erdbeben“ sei am 12. November 2015, also neun Tage nach der Razzia der Frankfurter Staatsanwaltschaft in der DFB-Zentrale, erstellt, der Behörde aber erst am Montag dieser Woche zugestellt worden. Das wäre in der Tat überraschend spät, hatte der DFB doch stets seine vollumfängliche Kooperationsbereitschaft signalisiert. Die Existenz des Ordners verwundert auch deshalb, weil der seit April amtierende Verbandschef Reinhard Grindel mehrfach darauf verwiesen hatte, der Verband habe mit dem sechs Millionen Euro teuren, im März veröffentlichten Freshfieldsreport seinerseits alles zur Aufklärung der Affäre getan.

Im DFB ärgert man sich schon seit geraumer Zeit darüber, keinerlei Akteneinsicht vonseiten der Staatsanwaltschaft gewährt zu bekommen. Die ominösen Dateien dürften genau aus diesem Grund lange nicht weitergereicht worden sein, konnten aber auch von der im Verbandsauftrag ermittelnden Kanzlei Freshfields nicht geöffnet werden. „Vielleicht hätte man die Datei im März der Staatsanwaltschaft rüberfahren sollen“, sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch nun der SZ. Dem ist im Sinne einer glaubwürdigen Aufarbeitung der Affäre nicht zu widersprechen.

Strümpfe für die Gattin

Der „Komplex Jack Warner“ ist deshalb so interessant, weil die Stimme des skandalumwitterten und längst lebenslang gesperrten Funktionärs aus Trinidad und Tobago offenbar vom deutschen WM-Bewerbungskomitee noch vier Tage vor der WM-Vergabe gekauft werden sollte. Im Freshfieldsreport heißt es: „Franz Beckenbauer und Jack Warner haben eine Vereinbarung unterzeichnet, die Warner ... erhebliche Leistungen in Aussicht stellte.“ Unter anderem 1000 WM-Tickets der Kategorie A. Der Gegenwert dieser offenbar nie in Gänze in Kraft getretenen Absichtserklärung, die der strikten Geheimhaltung unterlag, belief sich laut einer Aktennotiz auf zehn Millionen Mark.

Warner war zudem auf Einladung der deutschen WM-Bewerber vom 26. bis 31. Mai 2000 in München gewesen. Er reiste gemeinsam mit Gattin Maureen laut Freshfields First Class (zum vom DFB übernommenen Preis von 28 326,78 Mark) „und residierte auf Kosten des DFB im Kempinski Hotel Vier Jahreszeiten in München, wo der DFB – wie von Warner verlangt – ein privates Fax-Gerät und eine eigene Telefonleitung bereitstellen ließ“. Die Warners düsten zwischendurch noch nach Berlin und nächtigten dort im noblen Hotel Adlon. Unter der Überschrift „Diverse Barausgaben Bewerbung WM 2006“ finden sich: „Regenschirm Mrs. Maureen Warner“, „Kniestrümpfe Mrs. Maureen Warner“ sowie „Medikamente Mrs. Maureen Warner“ für insgesamt 581,78 Mark. Freshfields fasst zusammen: „Die an Warner im Zeitraum März 2000 bis Mai 2000 nachweislich erbrachten Leistungen hatten einen Geldwert von mindestens DM 45 670,38.“ Am 6. Juli 2000 setzte sich Deutschland mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika durch.

Umso bemerkenswerter, dass DFB-Boss Grindel am Sonntag in der Sendung Doppelpass den Eindruck erweckte, die Zuwendungen an Warner seien nicht im zeitlichen Zusammenhang mit der WM-Vergabe geflossen.

Wie dem auch sei: Am 21. August 2000 übernachtete Warner für 1461,10 Mark im Hotel Vier Jahreszeiten in München. „Die Hotelrechnung enthält dabei den handschriftlichen Zusatz „WM 2006… Warner Ticketabholung“. Insgesamt sind laut Freshfields im Zusammenhang mit dem ominösen Vertragsentwurf 437 500 Euro budgetiert worden. Wie viele Nachbeben kommen noch? Und wie viele unbekannte Ordner?

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