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Perfekte Linienwahl: Aksel Lund Svindal.

Aksel Lund Svindal

"Aksel, du Sauhund"

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Aksel Lund Svindal krönt mit dem Olympiasieg in der Abfahrt seine außergewöhnliche Karriere ? dabei kann er kaum ohne Schmerzen laufen.

Vor zwei Jahren teilten die Ärzte Aksel Lund Svindal mit, dass mit einem derart zerstörten Knie das Leben als Skirennfahrer vorbei sei. Der Norweger war zuvor in Kitzbühel von der berüchtigten Hausbergkante gestürzt. Wie so oft in seiner Karriere wollte er das vermeintliche Ende jedoch nicht wahrhaben. Mit 35 Jahren krönte er sich nun zum bislang ältesten Ski-Olympiasieger. „Aber die Gefühle, wenn du die Ziellinie überquerst und siehst, dass du vorne liegst, sind viel größer als jeder Rekord“, sagte Svindal. Dabei hatte er mit seinem Abfahrtssieg noch in zwei andern Kategorien Geschichte geschrieben, auch auf Kosten seines Teamkollegen Kjetil Jansrud.

„Aksel, du Sauhund“, begrüßte Jansrud den Kumpel im Zielraum, der zwei Startnummern eher nach unten gerast war. Und Svindal grinste. „Als Kjetil runterkam, und ich gesehen habe, wie schnell er war, habe ich mich auf Silber vorbereitet“, sagte er später. Denn anders als gegenüber den anderen Konkurrenten hat er vor Jansrud keine Geheimnisse, nicht mal was das Heiligste im Skirennsport angeht. Die beiden bekommen ihre Latten vom selben Hersteller, und was noch wichtiger ist: Ihre Ski werden vom selben Servicemann in Schuss gebracht. Wie also sollte Jansrud den Drei-Zehntelsekunden-Vorsprung im unteren Teil noch verlieren?

Nur Beat Feuz kann mithalten

Im Mittelteil hatten die beiden Norweger die Konkurrenz düpiert. Mit ihrer Linienwahl und dem perfekt auf diese steilstücklose Strecke mit dem extrem trockenen Schnee abgestimmten Material. Nur der letztlich Drittplatzierte Beat Feuz, 31, aus der Schweiz konnte da mithalten, hatte aber einmal zu viel Gewicht auf den Innenski bekommen. Es war dann aber nicht Jansrud, der als erster norwegischer Abfahrtssieger bei Olympia in die Historie einging, sondern Svindal mit seiner feinen Kurvenfahrt vor dem Ziel. „Wenn es wer richtig verdient hat, dann ist er es“, sagte Sotschi-Gewinner Matthias Mayer aus Österreich.

Seit 2001 fährt Svindal im Weltcup, die Gesamtwertung gewann er erstmals 2007, fünf Weltmeistertitel nennt er sein eigen. Doch ist seine Karriere auch von Rückschlägen gezeichnet. Auf den Gesamtweltcupsieg folgte ein Sturz, bei dem er sich Jochbein und Nasenbein brach. Außerdem musste ihm aufgrund einer tiefen Schnittwunde am Hintern vorübergehend ein künstlicher Darmausgang gelegt werden. 2014 riss ihm beim Fußballspielen die Achillessehne, und dann schien es in Kitzbühel 2016 endgültig vorbei zu sein. Er kam zurück, gewann wieder und musste vor einem Jahr noch mal in den Operationssaal. Der Meniskus.

Das alles hat ihn zum Teilzeitsportler gemacht. Vor allem zu Saisonbeginn ließ er viel Training aus, belastete den Körper nur in den Rennen. Trotzdem schwoll das geschundene Knie immer wieder an. „Es war ein ziemlich guter Zeitpunkt, um rechtzeitig fit zu sein“, freute er sich nun. „Oben war ich nicht so richtig im Rhythmus, aber vom zweiten Sprung an bin ich um mein Leben gefahren.“

Um vier Tage war die Königsdisziplin der Skifahrer verschoben worden, und schon beim Aufstehen wussten die Athleten, dass das letztlich gut war. Die Sonne schien und der sonst so beißende Wind war eingeschlafen. Thomas Dreßen machte den Anfang, er hatte die Startnummer Eins gewählt, weil ihm die schon in der Kombinations-Abfahrt Glück gebracht hatte. Der Deutsche fuhr in einem Fluss. Am Ende aber gewann Erfahrung gegen Aberglaube, und es reichte eben doch nicht, nur ohne Fehler zu bleiben. Streif-Sieger Dreßen wurde Fünfter. „Ich habe den Plan durchgezogen, und die haben gemerkt, dass der Schnee weniger aggressiv ist und man frecher fahren kann“, erkannte er den Unterschied zwischen sich und den Medaillengewinnern.

Dass er es nicht aufs Podest schafft, hatte er schon befürchtet, als alle anderen noch oben standen. Eine zu weite Linie, zu sauber, zu weich, zu wenig Risiko. Dennoch war es auch so ein starkes Ergebnis für den 24-Jährigen bei seinen ersten Olympischen Spielen. Er ließ alle vier Österreicher hinter sich und von den ersten fünf ist er mit Abstand der Jüngste. Der viertplatzierte Italiener Dominik Paris ist ihm mit 28 Jahren noch am nächsten. Wem er nacheifern möchte ist klar: Svindal. „Hut ab vor seiner Leistung, er ist ein Vorbild für jeden“, sagte Dreßen. „Was der erreicht hat, will man selber auch mal schaffen.“

Auch der Norweger ist bei seinen ersten Olympischen Spielen Fünfter geworden, 2006 im Super-G. Vier Jahre später gewann er die Disziplin dann, und so ist Svindal nun bei seiner vierten Teilnahme ebenfalls der erste Skifahrer, der sich in beiden Geschwindigkeitswettbewerben Olympiasieger nennen darf. Doch er, der sich nicht so viel aus Rekorden macht, hob nach dem historischen Erfolg lieber einen anderen auf das Podest. „Ich frage mich, ob jemals ein Servicemann einen Doppelsieg bei Olympia geholt hat. Das war ein ziemlich guter Tag für ihn“, sagte er und lenkte die Aufmerksamkeit auf seinen Skitechniker Stefan Berthold. Schon vor dem Start des Rennens hatte er ein Foto von seinen Helfern im Wachsraum ins Internet gestellt. Er hatte da schon so eine Ahnung gehabt.

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