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Wird im Januar vorsichtig auf die Schanzen zurückkehren: Severin Freund.

Severin Freund

Adler ohne Flügel

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Skispringer Severin Freund wird die Vierschanzentournee verpassen und muss sich weiter in Geduld üben.

Der Blick nach Engelberg war nicht mehr nötig. Severin Freund wusste, wie die Worte von Bundestrainer Stefan Horngacher am Rande des Weltcup-Springens in der Schweiz ausfallen würden. Freund wird nicht mit dabei sein, wenn die weltbesten Skispringer am Samstag in Oberstdorf ihr erstes Saisonhighlight Vierschanzentournee in Angriff nehmen.

Gut, die Tournee hatte er vor dem Saisonstart vorsichtig als erstes Ziel formuliert. Aber die Realitäten spreche eine deutliche Sprache. „Man muss einfach ganz klar sagen: Ich bin noch nicht so weit“, erklärte der 31-Jährige. Aller Voraussicht nach, wird Freund im Januar vorsichtig auf die Schanzen zurückkehren. Die Skiflug-WM in Planica (19. bis 22. März) könnte mit etwas Glück die Bühne des einstigen Münchner Ausnahmefliegers werden. „Das würde mir gefallen“, sagte er, „gerade weil es eine Schanze ist, auf der ich noch nie so richtig ins Fliegen gekommen bin.“

Ob es so kommt, das ist eine Frage, die vor allem Freunds Körper entscheiden muss. Der hatte zuletzt freilich nicht viel Gutes im Sinn. Erst war es die Hüfte, dann riss das Kreuzband gleich zweimal, der lädierte Meniskus musste operiert werden – zuletzt hielt der Rücken Freund vom Fliegen fern. Rund zweieinhalb Jahre, die der gebürtige Niederbayer in Arztpraxen, Physiotherapiezentren oder Kraftraum statt auf den Schanzen verbrachte.

„Die Zeit war schon unheimlich bitter“, sagte er. Und natürlich gab es die Momente, in denen auch in ihm die Zweifel aufkamen. In denen der Mann, der es als Skispringer zum Weltmeister, Olympiasieger und Weltcupsieger brachte, sich dachte: „Hat das alles noch Sinn?“

Man kann nun sicher darüber streiten, ob in diesen Momenten die Erinnerung hilfreich war, einmal der Beste der Welt gewesen zu sein. Es gibt bei den Männern, die sich Winter für Winter über die Bakken stürzen etwas, was abgehoben ist, von Medaillen und Ergebnissen. Freund merkte, dass ihm die Faszination des Fliegens, dieses spezielle Kribbeln auch nach längster Durststrecke nicht abhandengekommen war. Das erinnert ein bisschen an Martin Schmitt, der viele Jahre im Niemandsland des Weltcups akzeptierte. Weil das Springen selbst Spaß machte. „Man muss wahrscheinlich selbst einmal gesprungen sein, um das zu verstehen“, sagte Freund.

Wobei vor allem das private Glück dem in sich ruhenden Niederbayern leichter machte, die vielen Monate der Rehabilitation, die vielen Rückschläge im Kampf um den speziellen Traum vom Fliegen zu akzeptieren. Vor 15 Monaten brachte Ehefrau Caren das gemeinsame Töchterchen Johanna zur Welt. „Das ist einfach ein unglaubliches Glück“, betonte er.

Viele Knieverletzungen

Und wer weiß, vielleicht kann er sich ja tatsächlich bald für sein Durchhaltevermögen belohnen. Während die Kollegen bei der Tournee um den ersten Gesamtsieg seit 2002 kämpfen, wird er im Kraftraum an den letzten körperlichen Defiziten arbeiten. Und die Trainingssprünge vor der letzten Zwangspause stimmten ihn zumindest zuversichtlich. Zumal auch Horngacher, der ihm jede Geduld zusicherte, durchaus angetan war. „Man sollte ihn besser nicht abschreiben“, sagte der Bundestrainer, „der Severin ist eine Maschine.“

Wobei Freund durchaus mit Sorge verfolgt hat, dass er in der Springerszene längst kein Einzelfall mehr ist. Allein im deutschen Team pausieren zwei Athleten mit schweren Knieverletzungen: David Siegel und Andreas Wellinger. Zuletzt in Klingenthal riss das Kreuzband im Knie von Thomas Markeng. „Man muss sich die einzelnen Fälle genau anschauen“, betonte Freund, „aber das ist kein Zufall.“

Ob es das neue Bindungssystem war, die engeren Anzüge oder die, durch die Körpergewichtsregel verkleinerten Skier – wenn der Weltverband FIS in den letzten Jahren am Material drehte, dann erreichte er damit vor allem eins: Die Springer gehen mit noch größeren Geschwindigkeiten über die Schanzen. „Und größere Geschwindigkeiten bedeuten noch größeren Druck auf die Gelenke“, erklärte Freund, „und dann sind Verletzungen schnell passiert.“

Keine Frage: Der Mann weiß ziemlich genau, wovon der spricht.

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