Sieht nach bequemem Ruhestand aus: Haile Gebrselassie.
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Sieht nach bequemem Ruhestand aus: Haile Gebrselassie.

Haile Gebrselassie

Abschied eines Gentleman

Die Langstrecken-Ikone Haile Gebrselassie tritt in New York so ab, wie man es erwarten durfte: höflich und leise. Gebrselassie investiert sein Geld in der Heimat und kämpft gegen die verengte Wahrnehmung Äthiopiens als Hunger- und Krisenstaat.

Von Wolfgang Hettfleisch

Dieses eine Mal wollte ihm sein berühmtes Lächeln nicht recht gelingen. Haile Gebrselassie mühte sich, als er am Sonntag nach seinem Ausstieg beim New York Marathon im Mandarin Oriental Hotel in Manhattan vor die Journalisten trat. Doch die Züge des 37-Jährigen hellten sich nur kurz auf. Der Ausnahmeläufer aus Äthiopien hatte eine ernste Mitteilung zu machen: „It’s better to stop here“ ? Es ist besser, hier Schluss zu machen.

Die anwesenden Berichterstatter brauchten eine Weile, um zu begreifen, was der 10.000-Meter-Olympiasieger von Atlanta und Sydney da zu erklären versuchte. Als Gebrselassie zum Ende seiner kurzen Ausführungen gekommen war, sich die feucht schimmernden Augen gewischt und bereits zum Gehen gewandt hatte, brach einer den Bann: „Sie werden nicht mehr in Wettkämpfen laufen?“ Die Antwort des Mannes, der die Langstrecken beherrscht hat wie vor ihm nur Paavo Nurmi und Emil Zatopek und den die Sportwelt ehrfürchtig „Imperator“ taufte, war knapp und eindeutig: „Ja.“

Eine einsame Entscheidung

Gut eine Stunde zuvor hatte der Mann, der in seiner Karriere 27 Weltrekorde aufstellte und 2008 in Berlin die aktuell geltende Bestmarke über die Marathon-Distanz setzte, die Konkurrenten auf der Queensboro Bridge ziehen lassen müssen. Das Knie rebellierte nach Kilometer 26 gegen die Belastung. Niemand ahnte, dass die Aufgabe des Laufwunders aus Assela ? gut zwei Autostunden südlich von Addis Abeba ? das Ende einer unvergleichlichen Karriere sein würde. Der große kleine Mann des Langstreckenlaufs hatte die Entscheidung ohne Rücksprache mit seinem niederländischen Manager Jos Hermens getroffen. Er habe das mit sich allein ausgemacht, sagte Gebrselassie. Mit diesem spontanen Abschied bleibt er sich treu. „Einer der Fehler, die ein Athlet machen kann, ist der, sein Karriereende zu planen“, hatte er seinen Gästen, darunter ein paar Journalisten, vor knapp zwei Jahren in seiner Villa in einem feinen Vorort von Addis Abeba erläutert. „Ich gebe kein Datum aus; das kommt von selbst, nächstes Jahr oder auch schon morgen.“

Das Laufen machte ihn reich

Auf den Tartanbahnen und Straßen dieser Welt hatte „Geb“, wie ihn seine Freunde rufen, längst nichts mehr zu beweisen. „Er ist der größte Athlet der vergangenen 50 Jahre, vielleicht der größte, den es je gab“, adelte Sebastian Coe den Äthiopier, als er von dessen Entscheidung erfahren hatte. Seine Lordschaft muss es wissen. Coe ist zweifacher Olympiasieger.

Es muss niemand bange sein um den im Verlauf seiner 17-jährigen internationalen Karriere stets freundlich und bescheiden auftretenden Gebrselassie, dessen Stern einst mit dem Titel über 10.000 Meter bei der Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart so richtig aufgegangen war. Das Laufen, das er immer als Lust, nie als Last empfand, hat ihn reich gemacht. Aus dem Jungen aus kleinen Verhältnissen, der barfuß zur zehn Kilometer entfernten Schule und zurück lief und sich gegen den Willen des Vaters entschied, seiner Bestimmung zu folgen, ist ein umtriebiger Unternehmer geworden. Er ist Baulöwe und Hotelier, Autohändler und Fitnessklub-Betreiber. Vor allem aber: Er investiert sein Geld in der Heimat, ließ zwei Schulen bauen, kämpft gegen die verengte Wahrnehmung Äthiopiens als Hunger- und Krisenstaat.

Doch die Arbeit kann den berühmtesten Einwohner von Addis Abeba sicherlich nicht davon abhalten, früh am Morgen federleichten Schritts durch den Eukalyptuswald der nahen Entoto-Berge zu laufen. Er wird dann ganz bestimmt wieder lächeln.

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