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Meistens Sieger im Ring: Wladimir Klitschko.

Wladimir Klitschko

Abgang mit erhobenem Haupt

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Über Wladimir Klitschkos Rolle in der Boxgeschichte wird sicher noch lange gestritten werden.

Die erste Berührung mit dem Boxsport endete schmerzhaft für Wladimir Klitschko. Sein fünf Jahre älterer Bruder Vitali hatte irgendwoher Boxhandschuhe aufgetrieben und Wladimir im engen Korridor der kleinen Wohnung in Kiew gleich mal eine verpasst. „Das hat mir gar nicht geschmeckt“, erinnerte sich Klitschko. Er war damals zehn Jahre alt, lebte mit Bruder, Mutter, Onkel und Oma in einer Einzimmerwohnung. Eine Dusche gab es nicht, die Toilette war draußen. Der Vater, ein Offizier der sowjetischen Luftwaffe, war selten zu Hause. 

Tischtennisspieler sollte Wolodja, so sein Kosename, werden, genauso wie Vitali. So wollten es die Eltern. Doch Vitali hatte darauf keine Lust, begann mit Kickboxen, wechselte später zum Boxen und schleppte 1990, die Sowjetunion war zerfallen, Wladimir, den kleinen Bruder, mit zum Training. „Mein Bruder hat mir immer den Weg freigemacht“, sagte Klitschko einmal. Es war der Startschuss einer beeindrucken Karriere, die nach 69 Profikämpfen und 64 Siegen, davon 54 vorzeitig, am Donnerstag endgültig ihr Ende gefunden hat. „Ich habe mir nach meinem letzten Kampf gegen Anthony Joshua bewusst genügend Zeit zur Entscheidungsfindung genommen“, sagte Klitschko gestern. Nach 27 Jahren zieht der Ukrainer im Alter von 41 Jahren einen Schlussstrich. 

Nur Joe Louis war länger Weltmeister

Einen genauen Grund nannte „Dr. Steelhammer“ nicht. Er habe alles erreicht und könne nun gesund und zufrieden die Karriere nach der Karriere angehen, teilte er per Videobotschaft mit. Nur Manager Bernd Bönte gab einen Einblick in die Gefühlswelt des 1,98 Meter großen Muskelbergs. „Wenn die Motivation nicht mehr da ist, und er nicht mehr brennt für die Sache, dann ist Wladimirs Entscheidung folgerichtig“, sagte Bönte. „Wladimir hat sich gefragt: Will ich mich nochmals zehn Wochen im Training quälen?“ Selbst die kolportierten 20 Millionen Euro für einen Rückkampf gegen Joshua in Las Vegas waren kein Anreiz mehr für Klitschko.

Er hatte vor dem Kampf gegen Joshua alles in die Waagschale geworfen, von Obsession gesprochen, seine Titel, die er jahrelang innehatte, ein weiteres Mal zu gewinnen und sich erneut zum Weltmeister zu krönen. Er wollte es all jenen nochmal zeigen, die ihn nach seiner desaströsen Niederlage gegen Tyson Fury im November 2015 – bei dem er kaum einen Treffer landen konnte – abgeschrieben hatten und auch froh waren, dass Klitschko nach neun Jahren ohne Niederlage endlich besiegt wurde. Nur Joe Louis (1937 bis 1949) war länger Weltmeister als Klitschko (2000 bis 2003 und 2006 bis 2015).

Die Angst vor der eigenen Courage, die sich wie ein roter Faden durch Klitschkos Karriere zieht, verhinderte jedoch den traumhaften Abtritt im Mai gegen Joshua. Es war trotzdem eine Niederlage, bei der er zum ersten Mal aufrechten Hauptes den Ring verlassen konnte und von 80 000 Boxfans im Londoner Wembleystadion bejubelt wurde. 

Nicht so wie 2003, als er als Hoffnungsträger des Schwergewichts vom Südafrikaner Corrie Sanders durch den Ring geprügelt und nach zwei Runden K.o. geschlagen wurde. Nicht so wie 2004, als er von Lamon Brewster seine Grenzen aufgezeigt bekam, obwohl er erst kurz davor zur Trainerlegende Emmanuel Stewart gewechselt war, während Bruder Vitali bei Heimtrainer Fritz Sdunek blieb. „Schau in den Spiegel. Das wars wohl für dich mit dem Sport“, hatte Vitali seinem jüngeren Bruder auf dem Flug zurück aus den USA in die Ukraine gesagt.

So konnte und so wollte der Olympiasieger von 1996 den Ring aber nicht verlassen und arbeitete wie ein Besessener an seinem Comeback und daran, den Beinamen Glaskinn aus der Welt zu räumen. Klitschko eroberte sich zwar 2006 gegen Chris Byrd den IBF- und IBO-Weltmeistertitel zurück und dominierte fortan mit seinem Bruder die Schwergewichtsszene, ehe dieser 2012 seine Karriere beendete und in die Politik wechselte. Richtig überzeugen konnte der promovierte Sportwissenschaftler aber selten.

Statt spektakulärem Schlagabtausch sahen die Zuschauer in den Arenen und Fußballstadien – meistens in Deutschland - einen großen Mann, der seine meist kleineren Gegner mit der Führhand vor sich hertrieb und dann die rechte Gerade auspackte. Klitschko zermürbte seine Gegner mit seiner großen Spannweite und ließ sie kaum an sich heran. Alleine im Kampf gegen Alexander Povetkin 2013 kam es zu 160 Clinches. Nicht selten wurde Klitschko für solche Kämpfe oder zu schnelle K.o.s. mit Pfiffen der Zuschauer bestraft.

Es kamen auch immer wieder Vorwürfe auf, das Klitschko-Management würde Knebelverträge mit seinen Gegnern abschließen. Einerseits. Andererseits musste er sich ständig anhören, er würde nicht gegen die besten Boxer kämpfen. Sein großes Dilemma war jedoch, dass es während seiner Regentschaft im Schwergewicht nicht genügend starke Gegner gab. 

Außerhalb des Rings machte Klitschko erst Schlagzeilen, als er eine Liaison mit der US-amerikanischen Schauspielerin Hayden Panettiere einging. Zusammen hat das Paar eine dreijährige Tochter (Kaya Evdokia), für die Papa Wladimir jetzt genügend Zeit haben wird – so wie für seine Wohltätigkeitsorganisationen und die Businesswelt. Der Kosmopolit, der zwischen Hamburg, Los Angeles und Kiew pendelt, ist Besitzer einer Hotelkette, Redner zum Thema Motivation und auch als Berater und PR-Experte für Firmen im digitalen Wandel. Langweilig wird Wladimir Klitschko sicher nicht.

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