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Bewegte Geschichte: Hertha BSC wurde am 25. Juli 1892 gegründet.

Hertha wird 120 Jahre alt

Alt aber lebendig - Ein Liebesbrief an Hertha

Vor 120 Jahren gründeten zwei Brüder den Berliner Fußball Club Hertha 1892. Im Jahr 2012 besteht der Verein noch immer - und sorgt bei Freund und Feind für reichlich Gesprächsstoff. Ein Liebesbrief von Michael Jahn.

Vor 120 Jahren gründeten zwei Brüder den Berliner Fußball Club Hertha 1892. Im Jahr 2012 besteht der Verein noch immer - und sorgt bei Freund und Feind für reichlich Gesprächsstoff. Ein Liebesbrief von Michael Jahn.

Liebe Hertha! 120 Jahre bist Du nun alt, älter als etwa Juventus Turin, Real Madrid oder Bayern München. Schon das ist eine großartige Leistung und aller Ehren wert. Du hast dem Fußball viel gegeben – vor allem reichlich Stoff für Stammtischgespräche.

Du hast Deine Anhänger ab und an in Euphorie versetzt, aber viel öfter zum Weinen und zum Verzweifeln gebracht. Du hast oft für Ärger gesorgt, auch verbotene Dinge getan, und Du warst immer dann besonders kreativ, wenn die Klubkasse leer geräumt war, was in den 120 Jahren sehr oft vorgekommen ist.

Die erste Abseitsfalle

Du hast dem deutschen Fußball in den für Dich goldenen Zwanzigerjahren die erste Abseitsfalle vorgeführt und Du hast mit dem späteren Deutschen Meister Karl Tewes, der von Viktoria 89 zu Dir kam, 1926 den Stopper in der Abwehr erfunden. Du hast Dich mit zwei Meistertiteln geschmückt, woran sich nur noch wenige Fans erinnern können, weil es in Deiner Jugendzeit, 1930 und 1931, passierte.

Noch viel später, als Du durch den Bau der Berliner Mauer deine Liebhaber aus Pankow, Lichtenberg oder Friedrichshain verloren hattest, warst Du äußerst erfinderisch, um erfolgreich und populär zu bleiben. Um gute Spieler ins eingemauerte Westberlin zu locken, hast Du als erster Bundesliga-Klub klammheimlich überhöhte Handgelder gezahlt, frei nach dem Motto deines ehemaligen Präsidenten Wolfgang Holst: „Egal, was passiert. Wir zahlen immer eine Mark mehr!“

55.000 schwarz gedruckte Eintrittskarten in Särgen versteckt

Ein Alleinstellungsmerkmal aus diesen wilden Sechzigerjahren, als die Bundesliga laufen lernte, ist dir bis heute geblieben: Dein Schatzmeister, ein Bestattungsunternehmer aus Schöneberg, war es, der einst 55.000 schwarz gedruckte Eintrittskarten vor den Wirtschaftsprüfern des Deutschen Fußball-Bundes in Särgen versteckte. 1971, im zarten Alter von 79 Jahren, warst Du natürlich beim Bundesligaskandal mittendrin, als Spiele gegen Bestechungsgelder verkauft worden sind.

Aber Du hast der Liga noch viel mehr gebracht, als kleine Triumphe und größere Skandale. Erinnert sei an Dettmar Cramer, den Cheftrainer für einen Tag (1974), an Robert Schwan („Es gibt nur zwei intelligente Menschen: Schwan am Vormittag und Schwan am Nachmittag“), den Aufsichtsratschef, der den Trainer eigenmächtig auf der Tribüne entließ, aber schließlich seine Entscheidung rückgängig machen musste (1998), an den Brasilianer Alex Alves, den Profi, der bei der Kernspintomographie (MRT) aus der engen Röhre flüchtete, weil er Hunger bekam (2000).

Längstes Relegationsspiel der jüngeren Ligageschichte

Du hast das längste Relegationsspiel der jüngeren Ligageschichte mit Leuchtfeuern gefeiert und sogar mit den Fäusten verteidigt.

Liebe Hertha! Viele lieben Dich, andere hassen Dich, manchen bist Du egal – aber alle in Berlin reden über Dich. Beinahe jeden Tag. Das wird wohl immer so bleiben. Auf kommende, hoffentlich erstklassige Jahre!

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