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Sport in Nordkorea: Das unterlegene System

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Von: Felix Lill

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Sport im Dienste einer Diktatur: Nordkoreanische Fußballer salutieren vor dem Anpfiff bei den Militärweltspielen 2019 in China.
Sport im Dienste einer Diktatur: Nordkoreanische Fußballer salutieren vor dem Anpfiff bei den Militärweltspielen 2019 in China. © imago images/Xinhua

Nordkorea war gemessen an den ökonomischen Möglichkeiten über lange Zeit eine erfolgreiche Sportnation. Doch zuletzt schnitt das Land immer schlechter ab - warum?

Kommen die Olympischen Jugendspiele bald nach Nordkorea? Seit Monaten wird jedenfalls darüber diskutiert: Wenn im Jahr 2024 Gangwon die Winterspiele für den Nachwuchs veranstaltet, hätte die südkoreanische Gastgeberprovinz offiziell gerne das benachbarte Nordkorea als Co-Veranstalter. „Eine gemeinsame Austragung wäre der kräftigste Hebel, um Frieden zu wahren und Krieg weiter vorzubeugen“, sagte Choi Moon-soon, der Gouverneur von Gangwon, Anfang des Jahres.

Ließe sich der Plan realisieren, wäre es eine sportpolitische Sensation. Ideen einer gesamtkoreanischen Austragung gab es schon für die Fußball-WM der Frauen 2023 und die Olympischen Sommerspiele 2032. Bisher scheiterten sie bereits am zu unregelmäßigen Austausch der zwei Staaten, die seit dem Koreakrieg ab 1950 im Kriegszustand verharren. „Wir haben noch Zeit“, beteuerte der Politiker Choi im Februar, als er seine Vision der Öffentlichkeit vorstellte und auch gleich gestand: Aus dem Norden habe er noch keine Rückmeldung erhalten.

Zuletzt ist es wieder still geworden um die Sache. Allerdings sind sich Sportoffizielle aus Südkorea weiterhin einig, dass sich eine gemeinsame Austragung bei kaum einem Wettbewerb so sehr anböte wie bei Winterspielen. Schließlich verfügt Nordkorea in der ans südkoreanische Gangwon grenzenden Provinz Kangwon über das Skigebiet Masikryong, das südkoreanische Offizielle schon für wettkampftauglich empfunden haben. Das vor knapp einem Jahrzehnt eröffnete Resort gilt gar als luxuriöseste Hotelanlage Nordkoreas.

Die Welt zu Gast in einem hochklassigen Skigebiet Nordkoreas: Müsste es nicht eine vortreffliche Gelegenheit für den diktatorisch regierten Ein-Parteienstaat sein, um die vermeintliche Überlegenheit des eigenen Systems anhand des Sports zu demonstrieren? Dies könnte jedenfalls dann zutreffen, wenn Nordkorea nicht nur durch moderne Infrastruktur, sondern auch mit sportlichen Leistungen seines Elitenachwuchses beeindrucken könnte.

Nur ignoriert der nordkoreanische Staat die Einladung aus dem Süden womöglich auch deshalb, weil keinerlei Topleistungen zu erwarten wären. Laut einiger Beobachter befindet sich Nordkoreas Sport derzeit in der vielleicht schwersten Krise seiner Geschichte. Mit Beginn der Pandemie schottete sich Nordkorea noch stärker ab als zuvor. Sogar zu Russland und China, mit denen der ansonsten isolierte Staat bis dahin Handel betrieben hatte, wurden die Grenzen geschlossen. Laut eines Berichts der Vereinten Nationen sind 42 Prozent der Bevölkerung unterernährt.

Die Grenzschließungen waren zudem dahingehend streng, dass Nordkorea noch zu den pandemiebedingt um ein Jahr verschobenen Sommerspielen von Tokio keine Delegation schickte, woraufhin das IOC Nordkoreas Nationales Olympisches Komitee suspendierte. Auch den Winterspielen in Peking Anfang dieses Jahres blieb Nordkorea fern. Mit der Suspendierung erhält die Sportwelt eines der ärmsten Staaten der Welt auch vom IOC keinerlei Unterstützung.

„Das Sportsystem hat im Moment große Probleme“, beobachtet Vladimir Tikhonov, Professor für Koreanistik an der Universität Oslo. Der gebürtige Russe mit südkoreanischem Pass verfolgt den Sport schon länger, sagt mit Blick auf die Geschichte des kommunistisch regierten Staates: „In den 1960er und 1970er Jahren, teilweise auch noch in den 1980ern, schnitt Nordkorea bei Sportveranstaltungen oft besser ab als Südkorea.“

Schließlich ist Nordkorea – gemessen ein den begrenzten ökonomischen Möglichkeiten des Staates – über lange Zeit eine erfolgreiche Sportnation gewesen. Bis zu den Spielen von Tokio 2020/21 hat das Land jedenfalls bei Sommerspielen immer zumindest zwei Medaillen geholt. 2016 in Rio waren dies zuletzt Gold im Gewichtheben der Frauen und in der Turndisziplin Sprung der Männer. Wie die Sportfördersysteme anderer kommunistisch regierter Staaten beginnt die Selektion über die Schule im jungen Kindesalter, gilt dann bis zu einer möglichen Auslese als wichtigste Aktivität.

„Wer für Nordkorea eine Medaille gewinnt, wird zu einer Art Held der Arbeit erklärt“, so Vladimir Tikhonov. „Als Belohnung erhält man ein importiertes Auto und eine Wohnung in Pjöngjang.“ Da in Nordkoreas stark regulierter Gesellschaft kaum Bewegungsfreiheit über die Provinzen besteht, gilt ein Wohnsitz in der Hauptstadt als große Auszeichnung. Die soziale Anerkennung könnte ähnlich wertvoll sein.

Als Nationalhelden gelten etwa die Spieler der Fußballnationalmannschaft der Männer von 1966, die bei der Weltmeisterschaft in England sensationell Italien besiegten und bis ins Viertelfinale kamen. Ebenso die Volleyballerinnen, die bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München Bronze holten, indem sie Südkorea schlugen. Ähnlich populär ist heute die Judoka Kye Sun-hee, die bei den Sommerspielen 1996 in Atlanta die favorisierte Ryoko Tamura besiegte und Gold gewann.

Wie groß die derzeitige Krise des nordkoreanischen Sports ist, erkenne man allerdings auch daran, wie alt diese größten Erfolgsgeschichten allmählich werden, so Tikhonov. Denn schon vor der Pandemie wurde das zentralstaatlich gelenkte Fördersystem empfindlich durch die seit 2017 intensivierten UN-Sanktionen geschwächt, die aufgrund wiederholter nordkoreanischer Raketentests beschlossen wurden.

Seither kann Nordkorea nicht nur keine Sportausrüstung mehr importieren. Auch die bis dahin regelmäßig funktionierende Strategie, Topsportler:innen als Devisenbringer zu beschäftigen, funktioniert nicht mehr. So spielten bis 2017 etwa mehrere nordkoreanische Fußballer im russischen Profigeschäft, verdienten dort wertvolle Fremdwährung, von der sie einen Großteil an den heimischen Staat abführten. Indem die Sanktionen auch dies zu unterbinden versuchen, fehlt nicht nur Geld in der Staatskasse, sondern auch die ständige Möglichkeit für Sportler:innen, sich im Ausland zu messen.

Im Inland wiederum ist Sport in vielerlei Hinsicht eher Spezialistensache. „Breitensport gibt es nicht wirklich“, sagt Vladimir Tikhonov, wenngleich Fußball als beliebteste Sportart gilt. Dass aber allzu bald eine Generation heranwächst, die an das Niveau derer heranreicht, die sich 2010 für die WM in Südafrika qualifizierte, deutet sich im Moment nicht an. Bei den U23-Asienmeisterschaften schied Nordkorea in den letzten zehn Jahren fast jedes Mal in der Gruppenphase aus.

Wenn Nordkoreaexperte Vladimir Tikhonov an den Zustand des nordkoreanischen Sports generell denkt, muss er bitter lächeln. Schließlich sollten die UN-Sanktionen ab 2017 dazu führen, dass das staatliche Waffenprogramm geschwächt würde. „Stattdessen ist Nordkorea heute viel besser gerüstet als damals, aber dem Sport und mehreren anderen Lebensbereichen fehlen die Mittel.“ Es sei eine Frage der Priorisierung. Und je mehr die Medaillen und Turniersiege in Zukunft ausbleiben, desto wichtiger könnten auch für den nationalen Stolz weitere Waffentests werden.

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