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Snooker-König O’Sullivan: Mensch Ronnie

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Von: Jakob Böllhoff

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Siebenfacher Weltmeister: Ronnie O’Sullivan.
Siebenfacher Weltmeister: Ronnie O’Sullivan. © dpa

In Großbritannien, dem Mutterland des Snookers, ist Ronnie O’Sullivan ein absoluter Superstar. Die Menschen lieben ihn, weil er am Snookertisch ein Zauberer ist. Ein Kommentar.

Der kulturpessimistische Mensch fragt sich gelegentlich, wie es sein kann, dass der Kneipensport Darts hierzulande auch auf Profiebene immer beliebter wird, während das Billardspiel Snooker den ganz großen Durchbruch noch nicht geschafft hat. Warum das Pfeilewerfen oftmals übergewichtiger Typen in grellen Outfits vor einer grölenden Partymeute mehr Anklang findet als der feingeistige und ruhestiftende Sport mit dem Queue. Was sagt das aus über eine Kultur, wenn ihr das lärmende Biertrinken im Froschkostüm – fast schon egal, was oben auf der Bühne passiert – näher zu sein scheint, als konzentriert dem edlen Kugelspiel von Menschen in Weste und Fliege zuzusehen?

Lassen wir mal offen, an dieser Stelle. Und es ist ja nicht so, dass es nicht auch im Snooker große Emotionen geben würde. Denn natürlich gerät das geneigte Publikum in Wallung, wenn es einem wie Ronnie O’Sullivan zusieht, dem größten und besten Snookerspieler, am Montag gewann er in Sheffield seinen siebten Weltmeistertitel. Damit hält er den Rekord, gemeinsam mit dem legendären, längst zurückgetretenen Schotten Stephen Hendry.

O’Sullivan ist ein Geschenk für den Snooker-Sport

In Großbritannien, dem Mutterland des Snookers, ist O’Sullivan ein absoluter Superstar. Die Menschen lieben den 46-Jährigen, weil er am Snookertisch ein Zauberer ist; einer, der im Guinness-Buch der Rekorde steht, weil er die Kugeln so schnell locht, und dabei auch mal mit der linken Hand spielt, wenn es der Sache dient oder wenn ihm die rechte Hand langweilig geworden ist. Manch Gegner hat er so brüskiert, einmal hat man ihm nach dem Match den Handschlag verwehrt, was im Etikette-Sport Snooker nichts weniger ist als ein Skandal.

Genau das ist die andere Seite von O’Sullivans Popularität. Die Menschen können sich mit ihm identifizieren, weil er – anders als zum Beispiel der irgendwie robotermäßige Stephen Hendry – menschliche Abgründe offenbart. Aus brisanten familiären Verhältnissen stammt er, die Eltern betrieben in London mehrere Sex-Shops, der Vater wanderte 1992 wegen Totschlags für 18 Jahre ins Gefängnis, die Mutter zwei Jahre später wegen Steuerhinterziehung für sieben Monate. Immer wieder im Laufe seines Lebens und also auch seiner Karriere packte Ronnie O’Sullivan eine innere Unruhe und schüttelte ihn durch. Mit Alkohol- und Drogenproblemen kämpfte er, mit Depressionen, immer wieder kündigte er seinen Rücktritt vom Profisport an und spielte dann doch weiter. Am Montag, nach seinem WM-Triumph in Sheffield, sagte er: „Dieses Turnier bringt das Schlimmste in mir heraus. Aber nächstes Jahr werde ich wieder antreten, wahrscheinlich.“ Er hat es mit feiner englischer Ironie gesagt, denn er weiß, dass alle wissen, wie er tickt.

Inzwischen ist O’Sullivan gelassener, dabei nicht weniger perfektionistisch; er ist der Beste, aber er wird nicht aufhören, zu denken, dass das nicht genügt. Für Snooker ist er ein Geschenk, als Typ, als Marke, als brillanter Spieler, und er ist die größte Chance seines Sports, noch populärer zu werden. Auch bei den Biertrinkern im Froschkostüm.

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